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Foto © Wilfried Hösl

Ein Thriller

DIE TOTE STADT
(Erich Wolfgang Korngold)

Besuch am
18. November 2019
(Premiere)

 

Bayerische Staatsoper, München

Klaus­tro­pho­bisch eng ist der Raum. Die Wände sind vollge­pflastert mit ihren Fotos. In der Mitte ein Panzer­schrank. Geöffnet sieht man einen Schrein mit brennenden Kerzen, in deren Mitte eine Haarsträhne – die Perücke einer Krebs­kranken: So sehen Regisseur Simon Stone und sein Bühnen­bildner Ralph Myers die Kirche des Gewesenen. Diese Reliqui­en­kammer ist das Zentrum des weißen Bungalows von Paul, wo er alle Erinne­rungs­stücke an seine geliebte, verstorbene Marie in beschrif­teten Kisten penibel geordnet aufbe­wahrt, die nur mit Latex­hand­schuhen angefasst werden dürfen. Hier in der Stadt Brügge ereignet sich seine düstere Geschichte, wo er um seine verstorbene Frau Marie völlig zurück­ge­zogen trauert. Er lernt die Tänzerin Marietta kennen, und proji­ziert seine verstorbene Frau auf sie. Er verfällt ihr und erlebt albtraum­artig sogar, sie ermordet zu haben. Realität und Traum vermi­schen sich. Schließlich löst er sich mit Hilfe seines Freundes Frank aus der Vergan­genheit und verlässt die Stadt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In der Eröff­nungs­pro­duktion der neuen Saison der Bayri­schen Staatsoper mit Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt gelingt es dem Regisseur – eine Überar­beitung seiner Insze­nierung aus 2016 vom Theater Basel – genau dieses Changieren zwischen Realität und Wahnvor­stel­lungen packend zu zeigen. Stone, der mit Aribert Reimanns Lear 2017 und Luigi Cheru­binis Médée 2019 bei den Salzburger Festspielen inter­na­tionale Anerkennung erlangte, zeigt dabei weniger ein morbides Brügge als einen thril­ler­haften Albtraum. Dabei zerbrechen oder verschieben sich immer wieder die Räume des Bungalows aus den 1960-er Jahren, sind plötzlich an anderer Stelle oder gar einen Stock höher. Türen führen ins Nichts oder sind auf einmal zugemauert, Räume nicht mehr erreichbar. Gleich gekleidete Kinder – die Kostüme kreierte Mel Page – tollen im Haus herum und formieren sich zu einer gespens­tisch wirkenden Prozession. Beim Durch­schreiten der Räume auf der viel benutzten Drehbühne, wo Filmplakate von Michel­angelo Antonionis Blow up und Jean-Luc Godards Pierrots le fou an den Wänden hängen, begegnet Paul zahlreichen Doubles von Marie respektive Marietta und von sich selbst. Mag das eine oder andere vielleicht doch etwas plakativ wirken, denn eigentlich ist das Werk viel symbo­lis­ti­scher und abgrün­diger angelegt, so packt diese Insze­nierung mit mitrei­ßender detail­lierter, ausge­feilter Perso­nen­führung insgesamt.

Foto © Wilfried Hösl

Wenn man heute von Erich Wolfgang Korngold, der von 1897 bis 1957 lebte, spricht, denkt man in erster Linie an ihn als Schöpfer von mit Oscars prämi­ierten Filmmu­siken. Aber er kompo­nierte auch viel klassische Musik. So im Jahre 1920 die Oper Die tote Stadt, deren Libretto sein Vater Julius gemeinsam mit dem Kompo­nisten unter dem Pseudonym Paul Schott nach dem Roman Bruges-la-Morte von Georges Rodenbach verfasste. Als „stärkste Hoffnung für die neue deutsche Musik“, bezeichnete ihn kein Gerin­gerer als Giacomo Puccini.

Im Alter von erst 23 Jahren schuf der öster­rei­chische Komponist, der als verfemter Komponist wegen des Nazire­gimes später in die USA emigrieren musste, dieses Geniewerk. Die Partitur ist überfüllt von Stilen und pendelt zwischen aggres­siver Harmonik, spätro­man­ti­schem Schwulst und Impres­sio­nismus. Zudem hat Korngold mit Mariettas Lied und dem Tanzlied des Pierrot zwei Ohrwürmer ersten Ranges geschaffen, deren melodiöse Schlichtheit beein­drucken. Unter einem sehr diffe­ren­zierten und feinsin­nigen Kirill Petrenko, dem frisch gebackenen Chef der Berliner Philhar­mo­niker, lässt das Bayerische Staats­or­chester seine Musik schillern, funkeln und glitzern sowie glocken­läutend zu einem präch­tigen Klang­ko­lorit aufblühen. Atmosphä­rische Dichte und aufwüh­lende Dauer­er­regung sind angesagt, wobei auch die Durch­hör­barkeit nicht zu kurz kommt. Die orches­tralen Zwischen­spiele haben Gänsehautfaktor.

In den extrem schwie­rigen Partien brillieren Marlis Petersen als Marie und Marietta sowie Jonas Kaufmann als Paul: Sie mit strah­lender Höhe, mit vielen Nuancen in den Lyrismen und drama­ti­schen Ausbrüchen. Zudem erweist sie sich als Singschau­spie­lerin ersten Ranges als flatter­hafte, mädchen­hafte, aber auch heißblütige Künst­lerin und überstrahlt ihn damit. Er gefällt in der kräfte­rau­benden Partie, einem Rollen­debüt, mit schönem, barito­nalem und schmelzigem Timbre, großar­tigen Höhen und vielen Schat­tie­rungen. Es gibt aller­dings Anfangs­schwie­rig­keiten und man merkt, der Paul ist eine Rolle, die ihn sehr fordert. Warm timbriert ist der Frank respektive Fritz des Andrzej Filonczyk. Ideal besetzt ist auch die Rolle der Haushäl­terin Brigitta mit Jennifer Johnston. Die kleineren Rollen wie auch der Chor und Kinderchor der Bayeri­schen Staatsoper klingen tadellos.

Zum Finale gibt es stehende Ovationen eines restlos begeis­terten Publikums.

Helmut Christian Mayer

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