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Spiegelungen

CHERCHEZ LA FEMME
(Maura Morales)

Besuch am
20. November 2019
(Urauf­führung)

 

Forum Freies Theater, Kaser­nen­straße, Düsseldorf

Am 19. Januar 1981 geschah etwas Schreck­liches in New York. Eine Frau, gerade mal 22 Jahre alt, sprang aus dem Fenster und setzte damit ihrem Leben freiwillig ein Ende. Genauer einem Künst­ler­leben, das noch gar nicht richtig begonnen, aber schon Erstaun­liches hervor­ge­bracht hatte. Die Rede ist von Francesca Woodman. 1958 in eine Künst­ler­fa­milie in Colorado geboren, entdeckte sie im Alter von 14 Jahren die Fotografie für sich. Die Mitstu­denten, die sie während ihres Studiums kennen­lernten, sollten später über sie sagen, ihre Fotos seien ihrer Zeit in jeder Hinsicht extrem voraus gewesen. Was künst­le­risch als Kompliment gelten mag, ist in der Wirklichkeit so ziemlich das Schlimmste, was einem Künstler passieren kann. Die Kunstwelt nahm Woodman nicht wahr.

Erst bei der Sichtung ihres Nachlasses in Form von etwa 800 Abzügen und über 1.000 Negativen entbrannte das Interesse von Museen. Dabei wäre es schon in den 1970-er Jahren kein Kunst­stück gewesen, die Ausdrucks­kraft der Fotografien zu erkennen. Woodman insze­nierte bevorzugt sich selbst in lost areas. Mal nackt, mal in Doppel- oder Langzeit­be­lich­tungen, gern und häufig mit Spiegeln. Fotos, die Geschichten erzählen, aber auch Fotos, die Fragen stellen. Bilder von innerer Zerris­senheit und sugges­tiver Wirkung. Maura Morales las einen Artikel über eine Ausstellung im Museum of Modern Arts, New York. So lernte sie Woodman kennen. Als sie ihr Buch in einer Bahnhofs­buch­handlung entdeckte, nahm sie es mit. Zwei Jahre lang lag es in ihrem Wohnzimmer. Dann wusste sie, dass sie sich mit dem Leben der jungen Fotografin ausein­an­der­setzen musste.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Endlich kommt es im Forum Freies Theater Düsseldorf zur Urauf­führung von Cherchez la femme. Schon die Doppel­deu­tigkeit des Titels gefällt. Da gibt es einer­seits das allzu bekannte Zitat, nach dem alle Heimtücke dieser Welt bei den Frauen zu suchen ist. Aber da gibt es auch diesen Auftrag: Suchen Sie diese Frau. Was verbirgt sich hinter dieser Frau, die nur 22 Jahre alt wurde und in acht Jahren ihr ganzes künst­le­ri­sches Schaffen verwirklichte?

Morales lädt dazu ein, den Menschen Woodman kennen­zu­lernen. Was geht in einer Künst­lerin vor, die Ablehnung wie selten auch Anerkennung erfährt, ein isoliertes Leben verbringt, glaubt man ihren Fotos? Eine Stunde nimmt sich Morales für ihre Choreo­grafie Zeit. Wer sich auf die Aufführung nicht vorbe­reiten konnte und nicht weiß, wer Francesca Woodman war, wird aufre­genden Tanz erleben. Mit Vorkennt­nissen über die Fotografin versteht man viele Bilder und Aktionen besser. Die Bühne von Anne-Kathrin Puchner ist nahezu leergefegt. Ein Sofa im linken Hinter­grund, rechts eine schmale Leinwand, die nur sekundär Projek­tionen dient, das war’s. Aufre­gender sind da schon die Requi­siten. Spiegel, die das ganze Gesicht der Tänze­rinnen bedecken, ein Spiegel, mit dem sich ungewohnte Brechungen erreichen lassen, und Gipsstücke, die sehr künst­le­risch wirken. Marion Strehlow hat Kostüme entwi­ckelt, die weit von der Lebens­wirk­lichkeit Woodmans entfernt, aber erotisch und durch­dacht genug sind, um das Leben Woodmans zu spiegeln.

Foto © Klaus Handner

Mihyun Ko, Maura Morales und Kalin Morrow sind die Tänze­rinnen, die antreten, um das Leben einer einzelnen Person aufzu­dröseln. Ko kommt die Aufgabe zu, die Nackt­szenen in einer inten­siven Ausein­an­der­setzung mit dem Sofa zu verwirk­lichen. Morales zeigt die inneren Konflikte Woodmans, während Morrow für die künst­le­ri­schen Aspekte zuständig ist. Eingebaut haben die Tänze­rinnen rasante Tanzszenen, in denen sich der Alltag Woodmans, aber auch die Zerris­senheit von Person und Lebens­si­tuation wider­spiegelt. Ihre inneren Konflikte tragen Morrow und Morales in einem atembe­rau­benden Duo aus. Hier schaut man selbst dann nicht zwischen­durch auf die Uhr, wenn es mal ruhigere Phasen gibt, weil es Morales gelingt, die Zuschauer komplett in den Bann der Choreo­grafie zu ziehen. Und mit der Schluss­szene setzt Morales noch mal einen Höhepunkt, der den Zuschauer in seiner Vieldeu­tigkeit aufwühlt. Damit ist ihr ein weiteres Meisterwerk gelungen, das der Fotografin Francesca Woodman ein zeitloses Denkmal setzt.

Möglich wird das aller­dings erst in der Kombi­nation mit der Musik, die Michio Woirgardt zur Choreo­grafie kompo­niert hat und live – diesmal aus dem Hinter­grund – aufführt. Fast klingt es wie eine Filmmusik zu den lost areas, den verlas­senen Häusern, Fried­höfen und Gegenden, die die Szenarien für die Fotografien darstellen. Mal sind es hämmernde Impulse, mal Klänge der Verlo­renheit, die sich in das Hirn des Hörers einbrennen und die Dynamik des Stücks weit nach vorn tragen.

Inzwi­schen hat sich herum­ge­sprochen, welch großartige Leistungen Maura Morales mit ihrer Compagnie vollbringt, und so ist die Tribüne bis auf den aller­letzten Platz besetzt. Hier entlädt sich donnernder Applaus für alle Betei­ligten. Lange noch bleiben viele Gäste im Foyer und wer dann doch nach Hause geht, hat die Erwiderung auf der Zunge: „J’ai trouvé la femme!“

Michael S. Zerban

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