Kunst im Bunker

DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK
(Grigori Frid)

Besuch am
23. November 2019
(Premiere am 3. November 2019)

 

Bunker Güdderath, Mönchengladbach

Die Kaufent­scheidung dauerte keine zehn Minuten, und er hat sie bis heute keine Sekunde bereut. Erzählt Bernhard Petz auf die Frage, wie er ausge­rechnet an einen Bunker gekommen sei. Aufge­wachsen in Tirol, absol­vierte er eine Schrei­ner­lehre und studierte anschließend Musik in Innsbruck und Köln. Nach einem Inter­mezzo in Stuttgart ist er seit 1997 Solotubist bei den Nieder­rhei­ni­schen Sympho­nikern. Neben seinem Haupt­beruf widmet er sich seiner Passion, der Bildhauerei. Da braucht es Platz, und den hat er nun. Insgesamt 15 Räume auf 700 Quadrat­metern inklusive eines Konzert­saals mit 80 Plätzen umfasst der ehemalige Luftschutz­bunker in Mönchen­gladbach-Güdderath. Zuzüglich der Fläche des Hauses, das Petz in den vergan­genen sieben Jahren auf das Dach des nie fertig­ge­stellten Schutz­raums gebaut hat.

Im September dieses Jahres fanden die offizi­ellen Eröff­nungs­fei­er­lich­keiten für den Bunker Güdderath statt. Und damit begann auch die Koope­ration mit dem Theater Krefeld Mönchen­gladbach. Intendant Michael Grosse will den Konzertsaal mit seiner ganz beson­deren Atmosphäre gerne als zusätz­liche Spiel­stätte für das Theater nutzen. Eine gute Entscheidung. Im Rahmen des von Petz gegrün­deten Festivals Herbst­zeitlose fanden bereits ein Konzert und eine Lesung dort statt. Aber ist der Saal auch singstim­men­tauglich? Das sollte Katja Bening heraus­finden, die als Regie­as­sis­tentin und Abend­spiel­lei­terin am Theater bereits zwei Insze­nie­rungen zeigen konnte.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Sie wählte die Monooper für Sopran und Kammer­or­chester Das Tagebuch der Anne Frank von Grigori Frid aus, die 1969 urauf­ge­führt und von Ulrike Patow ins Deutsche übersetzt wurde. Wenn man den Bunker als Schutzraum für die zivile Bevöl­kerung vor gewalt­tä­tigen Übergriffen begreift, passt da die Geschichte der Anne Frank gut hinein. Für die Ausstattung sorgten Zdzislawa Woroz­anska-Sacher und Bernhard Petz. Der Galgen, der rechts vor der Kopfempore aufgebaut ist, entstammt einer Instal­lation. Er ist zusätzlich mit einer Plane versehen, in die Spitzen­tücher einge­lassen sind. Davor ist ein Tisch aufgebaut, der auch als Bett dient. An der linken Seite liegt ein Kreuz, auf dem Penisse mit unter­schied­lichen Behaf­tungen angebracht sind. Dazwi­schen sind ein paar Beton­platten angeordnet, die die Bühnen­land­schaft zum Relief machen. Dahinter, unter der Empore, sind die drei Musiker auf engstem Raum unter­ge­bracht. In diesem künst­le­risch gestal­teten Umfeld bieten sich ausrei­chend Spiel­flächen, und Bening nutzt sie alle. Sie lässt ihre Anne Frank alle Räume einschließlich der vorderen Empore begehen, lässt sie an der Wand eine Strich­liste über die vergan­genen Tage führen und vermeidet so jede Langatmigkeit.

Vor der Aufführung – Foto © O‑Ton

Panagiota Sofro­niadou zeigte bereits in der Zeit als Mitglied des Opern­studios Nieder­rhein außer­or­dent­liche Leistungen. Und so ist sie heute noch gern gesehene Gastso­listin am Theater Krefeld Mönchen­gladbach. Im Ensemble zu glänzen, ist eine Sache, eine Monooper – auch wenn sie nur eine Stunde dauert – zu absol­vieren, noch einmal eine ganz andere Heraus­for­derung. Sofro­niadou meistert sie mit Bravour. Eine Anne Frank überzeugend darzu­stellen, ist kein Pappen­stiel. Der Sopra­nistin gelingt es. Sie ist über jeden Zweifel erhaben. Bei ihr ist die Frank kein verspieltes Mädchen, sondern eine nachdenk­liche, allmählich erwachende Frau in einer verzwei­felten Lebenslage. Die optimis­tisch aufschei­nenden Züge der Oper sind ohnehin nur Galgen­humor. Die Sänger­dar­stel­lerin verleiht einer Anne Frank Leben, deren Leben bereits verwirkt ist. Gesanglich glänzt Sofro­niadou in der Beherr­schung aller Lagen. Sie bleibt, wo immer möglich, textver­ständlich und kann feine Nuancen zum Ausdruck bringen, die den Abend lebendig gestalten. Ganz wunderbar.

Unter­stützt wird die Sängerin von Michael Preiser am Piano, Georg Ruppert am Kontrabass und Dominik Lang am Schlagzeug. Eine Besetzung, wie sie ursprünglich vorge­sehen war. Und damit kann sich der wunderbare Klang des Kompo­nisten voll entfalten. Denn die Akustik des Saals gibt nicht nur die Stimm­gewalt von Sofro­niadou in voller Präsenz wieder, sondern erlaubt auch die eindrucks­volle Klang­ent­faltung des Kammerorchesters.

Einen Nachteil gibt es in dem ungewöhn­lichen Konzertsaal dann doch. Es ist kalt. Verfroren zurren die Zuschauer Mützen und Jacken fester um ihre Körper, während sich vor dem Mund der Sängerin Kondens­wasser-Nebel bilden. Nicht hoch genug kann man also die Leistung dieses Abends einschätzen. Und so spenden die Zuschauer stehenden Fußes Applaus, vielleicht auch deshalb, um sich aufzuwärmen.

Eine großartige Spiel­stätte ist da im Örtchen Güdderath entstanden, und es bleibt zu hoffen, dass das Theater Krefeld Mönchen­gladbach diesen magischen Ort auch weiterhin mit solch großar­tigen Produk­tionen bespielen wird. Aber vielleicht dann doch eher ab dem Frühjahr wieder. Und Petz? Der ist erst mal mit einer Sitzplatz­be­legung von rund 50 Prozent gestartet. Ein guter Start. Besser geht immer, aber für den Anfang eine respek­table Leistung, die er hoffentlich schnellst­möglich ausbauen kann.

Michael S. Zerban

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