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Verkopft und zugequatscht

WE HAVE A DREAM
(Futur3)

Besuch am
30. November 2019
(Urauf­führung)

 

Orangerie-Theater, Köln

Eigentlich war es eine gute Idee, die das Theater­kol­lektiv Futur3 aus Köln da hatte. Weder Flücht­linge noch Geld noch sozial zuneh­mende Not in Deutschland wollten die Kreativen zum Thema ihres neuen Stücks machen, sondern um ein Ewigkeits­thema sollte es gehen. Und das mit erfri­schend neuen Ansätzen. Das Träumen wollten die Theater­macher unter völlig neuen Aspekten betrachten. Da sollte ihnen niemand vorwerfen, sie seien leicht­fertig mit der Materie umgegangen. Mit nahezu wissen­schaft­licher Akribie schrieben sie nach eigenen Angaben über 200 Träume aus eigenen Reihen auf und werteten sie aus. Und wenn dieses Kollektiv so etwas unter­nimmt, so zeigt die Vergan­genheit, sollte da etwas Spannendes heraus­kommen. Schon der Titel des Stücks ist vielver­spre­chend: We have a dream – Ein theatrales Traum­pro­tokoll von Futur3. Warum es ein engli­scher Titel sein muss? Keine Ahnung. Es ist davon auszu­gehen, dass das Kollektiv auf Deutsch träumt. Und die Anlehnung an Martin Luther King ist so abwegig wie die Vorstellung, einen Gottes­dienst ohne Kollekte durch­zu­führen, wie sich zeigen wird.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Auf die konkrete Umsetzung aller­dings muss man warten. Denn statt wie angekündigt um 20 Uhr zu beginnen, lässt man die Zuschauer lieber eine Viertel­stunde warten. Eine Unhöf­lichkeit. Wäre bei dem Stück auch egal, wenn es nicht bedeutete, dass man verspätet nach Hause kommt. Und das ist nach dieser verschwen­deten Lebenszeit mehr als ärgerlich. Zur Begrüßung bekommen die Besucher Kopfhörer verpasst, ehe sie auf der Tribüne platziert werden, die von der Bühne auf engstem Raum durch ein Tuch verdeckt ist. Vor diesem Tuch platzieren sich die Schau­spieler in entsetzlich altba­ckenen Kostümen von Petra M. Wirth. Dass man Traum­tänzer in Schlaf­anzug und Nachthemd darstellt, mag ja angehen, aber was einem hier angeboten wird, ist eine Belei­digung für das Auge. Eine Viertel­stunde lang ergehen sich die drei Haupt­dar­steller über Fakten, Aberglauben und Traum­lo­sigkeit. Dann wird das Tuch vor der Tribüne entfernt und das Bühnenbild von Eva Sauermann freigegeben.

Foto © Martin Rotten­kolber

Da darf man für einen Moment staunen. Eine solch aufwändig gebaute Bühne findet man in der so genannten Freien Szene selten. Da gibt es einen Garten mit Kiesweg, Laube, Holly­wood­schaukel, Jägerzaun und Teich. Vorne links ist mit einem Sofa noch ein Wohnzimmer angedeutet. Hinten schließt die Bühne scheinbar mit einem Gaze-Vorhang ab. Ein wahrhafter Traumort, der von Boris Kahnert und Jan Wiesbrock angemessen ausge­leuchtet wird. Da kann man sich so richtig austoben. Das aller­dings hat Regisseur André Erlen nicht vorge­sehen. Statik und Gerede beherrscht die Szene. Wer sich vor ein Bild setzt und dabei ein Hörspiel über den Kopfhörer mitver­folgt, erlebt nicht weniger. Nach einer Stunde beginnt der Kopf zu schmerzen, weil der Bügel des Kopfhörers drückt. Da hilft auch die Musik nicht, die Jörg Ritzenhoff kompo­niert hat und selbst aufführt.

„Träume sind ungehobene Schätze“, heißt es im Abend­zettel. An diesem Abend wird es auch dabei bleiben. Irene Eichen­berger, Stefan H. Kraft und Regina Weiz sind dermaßen mit ihren Vorträgen beschäftigt, dass für Bewegung, die notwendig wäre, um nach diesen Schätzen zu suchen, kaum Zeit bleibt.

Das Publikum feiert den Wortvortrag der Darsteller, der mit wenigen Hängern auskommt, gebührend. Wer bei diesem Abend nach Neuem sucht, wird im Abend­zettel fündig. Da ist von einem Chatbot die Rede. Es wird zwar nicht erklärt, was das ist, aber Wikipedia weiß, dass es sich dabei um ein „textba­siertes Dialog­system, welches das Chatten mit einem techni­schen System erlaubt“ handelt. Damit will Futur3 das „Thema Traum auch von der Theater­bühne lösen“. Ist nach diesem Abend nicht so absurd, wie man denken mag. Den Blick auf die Website des Kollektivs kann man sich sparen, denn da ist entgegen anders­lau­tender Ankün­digung nichts davon zu finden. Träume sind eben doch nur Schäume.

Michael S. Zerban

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