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Foto © Thomas Jauk

Auf der Suche nach Antworten

LOHENGRIN
(Richard Wagner)

Besuch am
30. November 2019
(Premiere)

 

Theater Dortmund, Opernhaus 

Mit seinen Fragen nach Glauben und Vertrauen verknüpft mit zentralen Themen wie Gesell­schaft und Krieg gehört Lohengrin zu den spannendsten Opern Richard Wagners, und auch wegen der Rollen­debüts von Christina Nilsson und Daniel Behle wird die Neuin­sze­nierung an der Oper Dortmund schon im Vorfeld groß disku­tiert. Das Endre­sultat löst dann erneut Diskus­sionen aus, aber ist dabei in der Insze­nierung von Ingo Kerkhof so spannend, dass die ersten schon in der Pause das Haus gelang­weilt oder frustriert verlassen.

Es ist immer ein ganz schlechtes Zeichen, wenn man sich beim Anschauen einer Insze­nierung dumm vorkommt, und erstmal nach der Aufführung das Programmheft studiert, weil man sich hier Antworten erhofft. So versteht man zwar, dass Kerkhof in einer Art Traum Elsas ihre Revolution in einer von Männern beherrschten Welt durch­führen, aber das passiert leider so bleiern und verkopft, dass man Träume als bestes Schlaf­mittel bezeichnen könnte. Nur einmal rückt man als Zuschauer auf die Bett‑, pardon, Stuhl­kante, wenn die beiden Schurken in diesem Stück, Telramund und besonders Ortrud ihre Ränke schmieden. Die ersten beiden Szenen des zweiten Aktes sind handwerklich richtig gutes Theater mit einer ungehemmten Perso­nen­führung, wo nicht einmal der Sex zwischen Ortrud und Telramund peinlich gewollt, sondern durchaus plausibel erscheint.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der andere gute Moment findet zu den letzten Takten der Oper statt, wenn Elsa türknallend ihr symbo­li­sches Zimmer in dieser Gesell­schaft verlässt und dort eine untätige bezie­hungs­weise tote Männer­riege zurück­lässt. Auch Ortrud bekommt von Elsa das Messer zum Suizid in die Hand gedrückt. Das alles ist zu wenig für einen vierstün­digen Opern­abend, bei dem man das Gefühl hat, dass der Regisseur gar nicht verheim­lichen will, dass ihm beispiels­weise für die Szene vor dem Münster nichts Sinnvolles einge­fallen ist, außer dass die Damen des Chores peu à peu auftreten dürfen. Die Videos von Philipp Ludwig Stangl, die handwerklich gut gemacht sind, lockern den langat­migen Abend nicht auf. Statt­dessen darf man später im Programmheft erfahren, dass neckische Spielchen beim Abend­essen zwischen den Kindern Gottfried und Elsa ein inzes­tuöses Begehren andeuten sollen. Inter­essant. Auch Dirk Becker und Jessica Rockstroh lassen die Augen des Publikums im Stich. Bühnenbild und Kostüme fallen erschre­ckend fahl und trist aus. Die Anzüge und Kleider, angelehnt an Wagners Zeiten, beschränken sich auf Schwarzweiß-Kontraste. Das macht die teils verkopften Aktionen zwischen Schilfs­tümpfen auch nicht besser.

Die meist offene Bühne macht die Akustik für die Sänger schwerer, und Kerkhof setzt sozusagen noch einen drauf. Wieso sich Dortmunds General­mu­sik­di­rektor mit darauf einge­lassen hat, im ersten und dritten Akt den Opernchor auf den Rängen zu positio­nieren, ist ein Rätsel, denn das musika­lische Gefüge wird so empfindlich gestört. Wenn die Männer imposant König Heinrich begrüßen, macht das noch großen Effekt. Dann aber gelangen viele an sich verhaltene Einwürfe des Chores, der durchaus ein schönes, tragfä­higes Piano singen kann, viel zu plakativ an die Ohren der direkt benach­barten Hörer. Da hätte Chordi­rektor Fabio Mancini schon einen Kammerchor aufstellen müssen, um die an sich gewünschte Atmosphäre zu erreichen. Zum großen Ärgernis gerät dann der Jubelchor des ersten Finales, in dem sich die Solisten auf der Bühne entweder die Stimm­bänder aus dem Hals singen müssen oder sich einfach entspannt zurück­lehnen können – von ihnen versteht man eh kein Wort. Denn die Chormasse im Publikum übersingt gnadenlos alles und kann noch nicht mal was dafür. Genau so soll Wagner nicht klingen: Laut und grell.

Foto © Thomas Jauk

Natürlich geht es auch anders. Die Dortmunder Philhar­mo­niker beginnen den Abend mit diesem wundervoll innigen Vorspiel, und zwar nicht künstlich ätherisch, sondern das Piano der Streicher hat Ausdrucks­kraft. Gabriel Feltz demons­triert hier sein Gefühl für akustisch fein abgestimmte Nuancen, und das Orchester setzt sie konzen­triert um. Im Laufe der Vorstellung ist mancher Einsatz noch etwas zu direkt, wo ein Hinein­gleiten schöner wäre. Sehr gut ausge­ar­beitet ist der musika­lische Fluss, der nie in falschen Still­stand gezwungen wird, sondern immer vorwärts bewegt wird und dann passend in starken Steige­rungen mündet. Einen ganz starken Abend haben die Ferntrom­peter, die blitz­sauber ein dreidi­men­sio­nales Hörerlebnis kreieren.

Was für ein Lohengrin unter diesen musika­li­schen Umständen wohl möglich gewesen wäre? Angefangen bei den vier Edelknaben und vier braban­ti­schen Edlen sind alle Rollen durchweg gut besetzt. Morgan Moody tritt als Heerrufer mit den Gesten eines kalku­lie­renden Confé­ren­ciers auf und singt seine Phrasen elegant und markig aus. Mit dem gefähr­lichen Enthu­si­asmus eines Politikers führt Shavleg Armasi mit kräftigen Höhen das Volk Brabants in einen Krieg. Stéphanie Müther als emanzi­pierte Ortrud schillert darstel­le­risch schimä­renhaft. Erotisch öffnet sie Telramund ihr „Seherauge“ und zeigt sich im nächsten Moment selbst­zer­stö­re­risch Elsa gegenüber. Auch vokal bietet die Sängerin eine große Menge an Farben und kostet zudem auch alle vokalen Höhepunkte der Partie ungefährdet aus. Eine große Leistung! Die Stärken von Joachim Golz liegen in der sauber und melodisch, aber auch zugleich effektvoll vorge­tra­genen Anklage des Telra­munds. Im zweiten Akt singt er sich in seiner Schmach etwas fest, ist aber ein Partner auf Augenhöhe in der Diskussion mit Ortrud.

Das andere Paar hätte nicht besser aufein­ander abgestimmt sein können. Christina Nilsson und Daniel Behle sind beide Debütanten und schmiegen sich vokal so schön anein­ander, dass man den beiden unbedingt ein Happy End gewünscht hätte. Insgesamt darf man Behles Rollen­debüt als geglückt bezeichnen, wenngleich man sich von ihm manchmal etwas mehr die tenorale Trompete gewünscht hätte. Die Spitzentöne kommen ungedrückt und klar, aber sie heben sich ein bisschen zu wenig von den lyrischen Phrasen ab. Hier liegen Behles überdeut­liche Stärken. Selten hat man einen Schwa­nen­ritter, der so elegant die deutsche Sprache phrasiert und in lange Legato-Bögen einbindet. Genau wie ihm würde man – vorerst – auch Christina Nilsson davon abraten, ihre Partie an größeren Häusern zu singen. Aber Nomen ist Omen. Eine Schwedin namens Nilsson kann offenbar Wagner singen. Ihre Stimme klingt noch taufrisch und bewegt sich zugleich sehr sicher und femininer Anmut durch die jugendlich-drama­ti­schen Phrasen, in der auch die Höhen ohne den Anflug von Schärfen in die Gesangs­linie mit einge­bunden werden.

Man darf vermuten, dass die spontanen, stehenden Ovationen, die unmit­telbar nach dem Schluss­ap­plaus einsetzen, den beiden gelten sowie auch den anderen Sängern. Mit Bravo-Rufen spart das Publikum dennoch. Die Buhrufe für das Regieteam sind deutlich vernehmbar, ebenso wie eine Abnahme des Applaus­pegels. Aber auch die Befür­worter des Regie­kon­zepts machen sich bemerkbar. Insgesamt hätte man sich gewünscht, dass Szene und Musik näher beiein­ander liegen. So muss das Dortmunder Publikum auf den nächsten Schwan warten.

Christoph Broermann

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