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Legende von Evita

EVITA
(Andrew Lloyd Webber)

Besuch am
30. November 2019
(Premiere)

 

Mainfranken-Theater Würzburg

Wer kennt ihn nicht, diesen berühmten Ohrwurm Don’t cry for me Argentina aus dem Musical Evita von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice? Der Stoff um das Leben der Gattin des Diktators Juan Perón, die von der Bevöl­kerung wie eine Heilige verehrt, angebetet und geliebt wurde, besitzt durchaus Faszi­nation und ist auch musika­lisch inter­essant durch die Mischung von neoklas­si­zis­ti­schen Klängen, latein­ame­ri­ka­ni­schen Tanzrhythmen, unerwar­teten Disso­nanzen und mitrei­ßendem Schwung sowie eingän­gigen Melodien. Diese Evita hat viele Facetten, Verbun­denheit zum „Volk“, zur Unter­schicht, aus der sie stammt und aus der sie entfliehen will durch Berechnung, unstill­baren Ehrgeiz, intel­li­gentes Vorgehen und zielge­richtete Härte, aber auch eine sehr weibliche Ausstrahlung, eine nicht ganz uneigen­nützige Mildtä­tigkeit und politi­sches Kalkül; sie war ohne Zweifel eine außer­ge­wöhn­liche Frau. Das Musical von 1978 beschäftigt sich weitgehend unkri­tisch mit ihrer „Karriere“ und ist auch nicht unbedingt histo­risch genau.

Es beginnt mit dem allseits betrau­erten Tod Evitas und zeichnet im Rückblick Leben und Aufstieg dieser einfluss­reichen Frau nach. Wichtig sind dabei auch die musika­li­schen Elemente, die stimmungs­mäßig den Hinter­grund andeuten. Aufschluss­reich ist das „Requiem“ des Volkes am Anfang und Ende des Musicals jeweils nach dem Tod der verehrten Primera Dama durch die disso­nanten Klänge, wohl auch ein Hinweis auf die doch nicht so ganz positive Beurteilung der Person Eva Duarte, spätere Eva Perón. Die einzelnen Stationen dieses kurzen Lebens von 1919 bis 1952 werden ohne Unter­bre­chung anein­an­der­ge­reiht wie eine Show über den glamou­rösen Aufstieg eines Stars und die Verkettung von Ruhm und Politik.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Regisseur Matthew Ferraro betont deshalb nicht unbedingt den histo­ri­schen Hinter­grund, sondern die „Psycho­logie des Persön­lich­keits­kultes“. Deshalb verwendet er auch keine Bilder der realen Evita oder des damaligen Argen­ti­niens. So sieht man im Riesen­porträt im Goldrahmen und im Video-Hinter­grund, auch life aufge­zeichnet von Olivia Ciccotti, immer wieder die Darstel­lerin der Eva Perón. Auch wenn auf der Bühne, die der Regisseur zusammen mit Kostüm­bild­nerin Carola Volles ausge­stattet hat, immer wieder Elemente aus dem Show-Business auftauchen, etwa als Reminiszenz an das Studio 54 in New York, an TV-Sendungen oder Rockkon­zerte, so erinnern nur wenige Requi­siten an die Zeit ihres Aufstiegs wie ein nostal­gisch-antiker, ameri­ka­ni­scher Straßen­kreuzer-Schlitten als Hinweis auf Evas Ankommen im großstäd­ti­schen Buenos Aires oder die werbe­wirksame „Regenbogen“-Tournee durch Europa. Ansonsten aber werden die „Epochen“ gemischt: Die „höhere“ Gesell­schaft, die erklärten Wider­sacher Evas, tragen hier Barock­kostüme, teilweise auch schon rampo­niert, und die Militärs sind ebenso desil­lu­sio­nierend als Lüstlinge demas­kiert. Das wunderbare weiße Ball-Kleid, überdi­men­sio­niert in der Money-Nummer, als Eva mit Spenden­geldern um sich wirft und so das Volk begeistert, zeigt den Hang zur selbst­sti­li­sie­renden Vergrö­ßerung auf. Ansonsten aber trägt das Volk Kleider aus der Beatles-Zeit, die Politiker graue Anzüge, Perón eine dezente Uniform. Der Aufstieg Evas aus dem Show-Business wird begleitet von Glitzer-Kostümen, leider etwas sehr konven­tionell von Tänze­rinnen und Tänzern umgesetzt durch die Choreo­grafie von Gabrielle Zucker. Eva selbst wandelt sich vom Amüsier-Girl, das Männer für seine Ziele benutzt, sie schnell im Fotostudio wechselt, zur „bürgerlich“ schicken Schau­spie­lerin, die Perón für sich gewinnt, zur eleganten ersten Dame und schließlich im grünen Samtkleid zur ambitio­nierten Politi­kerin und am Ende im gestreiften Morgen­mantel zur Sterbens­kranken. Sie präsen­tiert sich wie eine Madonna im Strah­len­kranz mit starken Paral­lelen zur bunten Show-Bühne. Nur in einem verharmlost die Regie die histo­rische Wahrheit: Als die namenlose Mistress im durch­sich­tigen Babydoll aus dem Bett Peróns verjagt wird, erscheint das harmlos. Der war aber bekann­ter­maßen pädophil und vergriff sich an Minder­jäh­rigen. Das Mädchen hier wirkt wie eine nette, naive Gitar­ren­spie­lerin. Die Figur des Che, von Anfang an auf der Bühne, erinnert im blau glitzernden Anzug an einen Confé­rencier einer Show; laut Regie „haben wir es hier mit einem Kommen­tator zu tun“, also keineswegs ähnlich dem echten Che Guevara. Die kriti­schen Anmer­kungen von Che zum Leben Evitas passen zu einer solchen Aufgabe.

Foto © Nik Schölzel

Die Insze­nierung leidet bei der Premiere, jeden­falls bis zur Pause, unter der missglückten Tonsteuerung von Volker Ulfig und Max-Lukas Hundels­hausen; das meiste klingt zu schrill, zu laut, auch dem sehr schema­tisch bewegten Chor gereicht das zum Nachteil, einstu­diert von Anton Tremmel; erst im zweiten Akt, nach einer Korrektur, hört man Diffe­ren­zier­teres, emotionale Zwischentöne. Aber auch das Philhar­mo­nische Orchester spielt unter der Leitung von Gábor Hontvári oft nicht präzis genug, lässt auch strecken­weise mitrei­ßenden Sound vermissen, wirkt etwas behäbig.

Dagegen glänzt die ausge­zeichnete Marzia Marzo in der Titel­rolle. Ihre Evita überzeugt sehr, auch äußerlich eine äußerst attraktive Erscheinung, getrieben und besessen von Ehrgeiz. Man spürt: Sie will unbedingt an die Spitze. Als sie Perón bezirzt, schaltet sie einen Gang zurück, wird dann allmählich zu einer hoheits­vollen, anbetungs­wür­digen Gestalt, bei ihrer Regen­bogen-Reise noch quirlig und lebendig, angepasst der jewei­ligen Situation, dann fast unnahbar erhaben, bis sie dann bemit­lei­denswert und krank zusam­men­bricht. Immer ist der tragfähige, elanvolle, schön gefärbte Mezzo­sopran der Sängerin ein Garant für die gelungene Darbietung aller Nummern, allen voran das berühmte Don’t cry for me Argentina. Cedric von Borries liefert eine bemer­kenswert anspre­chende, sänge­risch wie darstel­le­risch glaub­hafte Inter­pre­tation der beobach­tenden und kommen­tie­renden Figur des Che ab. Kosma Ranuer als Perón wirkt irgendwie blass, und auch stimmlich profi­liert er sich kaum als brutaler Diktator. Als Tango-Künstler und früher Freund Evas Magaldi strahlt Mathew Habib nichts Mitrei­ßendes aus; er agiert und singt eher schwer­fällig. Anna-Lena Müller erfüllt mit ihrem hellen Sopran die Rolle der abgelegten Liebschaft von Perón, der kleinen Mistress, recht gut, nur die Gitarre im Bett stört da etwas. Als sehr lockere Militärs führen Davis Hieronimi als Offizier und Paul Henrik Schulte als Admiral den Kreis ihrer zügel­losen Genossen an. Alle übrigen Rollen werden von Chor-Mitgliedern gestaltet. Ein beson­deres Highlight ist die kindliche Schar des Jungen Chors des Theaters, wenn die Kleinen ihre „Mama“ Eva anbeten und verehren und dabei Eva-Puppen an sich drücken.

Das Publikum im ausver­kauften Haus feiert alle Mitwir­kenden lange.

Renate Freyeisen

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