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Pralles Menschentheater

WOLF UNTER WÖLFEN
(Søren Nils Eichberg)

Besuch am
29. November 2019
(Urauf­führung am 23. November 2019)

 

Theater Koblenz

Der Topos Berlin der 1920-er Jahre ist insbe­sondere dank vielfäl­tiger medialer Thema­ti­sie­rungen ein ausge­sprochen populäres, wahrscheinlich schon überstra­pa­ziertes Sujet. Die Palette reicht, um nur wenige Beispiele zu nennen, von Alfred Döblins Roman Berlin Alexan­der­platz über diverse Operetten, Revuen, Musicals – etwa Cabaret – bis hin zur TV-Serie Babylon Berlin in jüngster Zeit. Dagegen sind Verar­bei­tungen der Nuller wie der Beginn der Zehner Jahre des 20. Jahrhun­derts, Vorstadium der ersten Kriegs­aus­ein­an­der­set­zungen im Weltmaßstab, eher selten Gegen­stand auf der Bühne, im Film und in anderen modernen Medien. Wer sich mithin aufmacht, den Fokus der künst­le­ri­schen Annäherung wie jetzt das Theater Koblenz mit der Oper Wolf unter Wölfen nach Hans Falladas Roman auf das Berlin des Krisen­jahres 1923 mit seiner wahnwit­zigen Inflation zu richten, muss hierfür schon gewichtige Gründe haben.

Intendant Markus Dietze weiß gleich mehrere auf seiner Seite. Der von ihm mit der Kompo­sition einer Litera­turoper beauf­tragte Komponist Søren Nils Eichberg ist in der Spiel­plan­chronik des Hauses an der Clemens­straße bereits verankert. Seine Science-Fiction-Oper Glare erlebt am 11. März vergan­genen Jahres ihre deutsche Erstauf­führung am Theater Koblenz. Die Geschichte von der Konstruktion eines künst­lichen Menschen, eines artifi­zi­ellen Ich, entfaltet auch überre­gionale Aufmerk­samkeit. Für ein kleines Theater wie Koblenz ist Eichberg zudem als Persön­lichkeit ein Gewinn. Der Komponist verbar­ri­ka­diert sich nicht wie andere hinter seinem Auftrag, sucht vielmehr frühzeitig den Austausch auf allen Ebenen des Theaters. „Es macht mir ungeheuren Spaß“, offenbart er in einem Interview, „mit anderen Menschen zusammen ein solches Werk zu entwi­ckeln.“ Die Hingabe einer Kompo­sition zum Beispiel an Sänge­rinnen und Sänger sei für ihn „auch immer etwas ganz Beson­deres“. Vermutlich ist diese Haltung auch ein Grund für das Theater, die Zusam­men­arbeit weiterzuführen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Zu den glück­lichen Umständen des Unter­fangens zählt ferner das Libretto des Schrift­stellers und Drama­turgen John von Düffel, der nichts weniger als ein litera­ri­sches Kunstwerk geschaffen hat. Falladas Epos, 1937 veröf­fent­licht, handelt von der Verlo­renheit des Einzelnen in einer destruk­tiven, auf Egoismus und Aggression gründenden Gesell­schaft. Eine Parallele für von Düffel zur Gegenwart? Für die Opern­vorlage hat er eine Auswahl von knapp einem Dutzend schil­lernder Figuren getroffen, die eines eint: Milie­unähe, leben­diges Profil und Theater­präsenz. Ganz der Litera­turoper verhaftet, lässt von Düffel die Corona um die drei ehema­ligen Soldaten Wolfgang Pagel, Offizier Studmann und Rittmeister von Prackwitz in einer doppel­bö­digen, bisweilen dialek­ti­schen Sprache agieren, die meist strophig knapp­ge­halten und ständig auf Kippe angelegt ist. Der Verfall einer Gesell­schaft, in der es keine verbind­lichen Werte und keine Verläss­lichkeit gibt, geht so auch sprachlich unter die Haut.

Titelheld Pagel, verzweifelt auf der Suche nach Geld, um die Ex-Prosti­tu­ierte Petra Ledig, seine Verlobte, ehelichen und aus dem Elend befreien zu können, erlebt sich – wie die ganze Welt – „im täglichen Krieg“. Am Ende, am Anfang, dekla­miert das Paar, gleich, gleich, gleiche Not. Auf dem Höhepunkt der Verschmelzung ihrer Herzen skandieren sie ein ausge­dehntes Vorbei! Vorbei! Von simplen Weisheiten zehren die einfachen Leute, seien sie Spieler, Kuppler, Voyeure: Wer zahlt, der kommt frei. Wer nicht zahlt, der sitzt ein. Während­dessen verfällt Eva von Prackwitz auf dem Landgut zur Aufrecht­erhaltung der brüchigen Fassade ihrer längst porösen Existenz ins Franzö­sische. Auch auf dem Lande – der schein­baren Idylle und Gegen­entwurf zur verwor­fenen Metropole – zählt nicht mehr, was früher zählte.

Waltraud Lehner, schon 2017 bei Glare mit der Regie betraut, hat in den solis­ti­schen Haupt­partien, dem Chor in der Einstu­dierung von Aki Schmitt sowie in den schau­spie­lernden Darstellern insgesamt ein Ensemble zur Verfügung, das mit Elan, Engagement und Spielwitz imponiert. Den Rahmen hierfür bietet die von Ulrich Frommhold erschaffene, multiple Bühne mit ihrer Drehtechnik, die die unter­schied­lichen Schau­plätze auf dem Hinter­grund einer düsteren Mauer plastisch ins Bild rückt. So die tristen Straßen und das Hinter­hof­milieu der Großstadt, das Casino, die Terrasse auf dem Landsitz. Ein Übriges erreichen die Kostüme von Dorothee Brodrück und Eva Martin mit ihrer milieu­ge­rechten Optik. Davon profi­tiert ganz besonders Danielle Rohr in der Rolle der Petra. Kleider und Dessous weisen sie als das aus, was sie gerade spielt: die zerstörte Existenz, die erwar­tungs­volle Braut, die enttäuschte Liebende.

Foto © Matthias Baus

Falladas und von Düffels Bilder­folge erlaubt Lehner, das Polit- und Sozial­drama als vitales Menschen­theater aufzu­ziehen. Derb und drastisch kommt das Ganze daher, wenn die Vermie­terin Petras, Monica Mascus trefflich als Frau Thumann, das mittellose Mädchen aus dem Quartier weist und auf die Straße schickt. Pointiert zeigt sich der immer noch vorhandene latente Milita­rismus der Gesell­schaft, wenn die drei Soldaten im rasselnden Stech­schritt auf der Bühne marschieren. Eher Parodie als Ernst. Genau erarbeitet auf dem schmalen Bühnenraum sind die Ensem­ble­szenen von Chor und Statisten, wobei Michèle Silvestrini, Eva Krumme, Chris­tiane Thomas als die drei Edel-Callgirls Revue­stimmung herbeimimen. Eine besondere Farbe zwischen Show, Zirkus und Komödie vermittelt Marcel Hoffmann aus dem Koblenzer Schau­spiel­ensemble, der als „Confé­rencier zwischen den Zeiten“ gekonnt Stile, Charaktere und Genres mixt. Der sich am Ende im Takt mit Eva auch noch als hervor­ra­gender Tänzer erweist.

Ist Eichbergs Science-Fiction-Opus Glare vom Elektro­sound geprägt, bewegt sich seine aktuelle Partitur behände und fanta­sie­reich mit dem Ziel durch allerlei Stile, die musika­lische Aura des Berlins der Zwanziger Jahre herauf­zu­be­schwören. Aus einer atonalen, keineswegs zu sehr stres­senden Grund­struktur treten Fetzen von Operetten‑, Schlager- und Marsch­musik hervor. Chansons werden zitiert, Swing klingt an. Arioses ist erlaubt, bisweilen im Stil von Richard Strauss. Blech und allerlei Schlagwerk geben den Ton an, häufig vor. Das Staats­or­chester Rheinische Philhar­monie unter seinem energi­schen wie einfühl­samen Dirigenten Karsten Huschke wird in quasi-kammer­mu­si­ka­li­scher Besetzung mit dieser Anfor­derung sehr gut fertig.

Der Klang­teppich funktio­niert für die Gesangs­so­listen wie eine Einladung, sich vokal wie spiele­risch mit ihrer jewei­ligen Rolle zu identi­fi­zieren. Mit der Mezzo­so­pra­nistin Rohr und dem Tenor Tobias Haaks als Liebespaar bietet das Theater Koblenz ein starkes Tandem auf. Sie anrührend mit dem Melos und der Technik ihrer Stimme, die Eichbergs disruptive Noten­sprünge vorzüglich meistert. Er mit Vehemenz, Kraft und einem Stimm­radius von der verhal­tenen Lyrik bis hin zum martia­li­schen Klageton. Der Bariton Christoph Plessers ist als schnei­diger Ex-Rittmeister und Verwalter des Landgutes maximal präsent. Die Chiffre des Schei­terns einer ganzen Kaste. Eine brillante Leistung zeigt Theresa Dittmar als Ehefrau des Majors mit kolora­tur­sprü­hendem Sopran. Mark Bowman-Hester, Gast in Koblenz, setzt als Studmann mit seinem gefäl­ligen Spiel­tenor und seiner großen Affinität zum Komödi­an­ti­schen prächtige Akzente. Aus den peripheren Rollen ragt Junho Lee in dem ambiva­lenten Part des von Zecke mit seinem markanten Tenor heraus.

Ein Teil der Plätze im Großen Saal des Theaters ist leer geblieben. Das mindert aber nicht den starken Beifall, mit dem das Publikum die Leistung aller Mitwir­kenden quittiert. Der Applaus wirkt auch wie ein Ausweg aus der Beklemmung, die einige Besucher angesichts des Schei­terns des Paares von 1923 und ihres Lebens­hungers empfunden haben mögen. Die neuere Forschung hat Falladas Bild vom Wölfi­schen der Art inzwi­schen widerlegt. Wölfe leben in Gemein­schaften mit hoher sozialer Kompetenz und starkem Zusam­menhalt im Rudel. Diese Erkenntnis spielt aber angesichts der gesell­schaft­lichen Trends ein Jahrhundert später keine große Rolle. Wolf unter Wölfen alias Wolf unter Menschen sollte die Chance auch auf weiteren Bühnen bekommen.

Ralf Siepmann

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