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Dass Jacques Offenbach ausgerechnet von seinem bedeutendsten Bühnenwerk Les Contes d’Hoffmann keine „Fassung letzter Hand“ hinterlassen hat, stellt jeden Herausgeber, Regisseur und Dirigenten vor große Probleme. Allerdings eröffnen sich ihnen dadurch ungewöhnlich große Freiräume, die quasi jede Aufführung anders aussehen und erklingen lassen und noch mehr Überraschungen bereithalten als die anderer Werke dieser Klasse und Komplexität. Was oft vergessen wird: Wenn Offenbach den Hoffmann als fragmentarische Baustelle mit etlichen Varianten, Lücken und Skizzen zurücklassen musste, kommt er damit, wenn auch unfreiwillig, durchaus dem Geist der Romantik entgegen. Das fragile Wechselspiel zwischen Realität und Illusion, der Zweifel an logischer Eindeutigkeit von Wahrnehmungen und Erkenntnissen, die Skepsis gegenüber dem Vertrauen in den Menschen als vernunftbegabtem Wesen, all diese Attribute einer romantischen Weltsicht spiegeln sich im Werk und der Rezeptionsgeschichte der letzten Offenbach-Oper schillernd wider.
Die Oper als eine Art Setzkasten mit diversen Fragmentteilen und Alternativen, wie sie Offenbach hinterlassen hat, verleitet freilich zur Willkür, wenn man nicht einmal dem vertraut, was der Komponist vollenden und relativ eindeutig zum Ausdruck bringen konnte. Ohne auf den Bearbeitungs- und Fassungssalat eingehen zu wollen, mit dem sich jeder Regisseur und Dirigent herumschlagen muss, lässt sich eine Botschaft klar herausstellen: Auf seiner Suche nach dem Glück bringen Hoffmann weder Frauen noch der Alkohol zum ersehnten Ziel. Sondern beide „Rauschmittel“ ziehen ihn in einen Strudel unkontrollierter, unkontrollierbarer und trügerischer Illusionen. Zu innerer Stabilität verhilft ihm allein die Muse. Sie weist ihm die richtige Zielrichtung an, indem sie ihn an seine Bestimmung als Dichter erinnert.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Hagens Intendant Francis Hüsers stellt in seiner Neuinszenierung ausgerechnet diesen Kernaspekt in Frage beziehungsweise auf den Kopf und scheitert auf ganzer Linie. Hüsers möchte die Geschichte nicht aus der Perspektive des Titelhelden erzählen, sondern konstruiert sie als Intrige der vier Frauen Olympia, Antonia, Giulietta und Nicola alias Nicklausse alias Muse. Im Prolog spinnen sie in Komplizenschaft mit einem jungen Darsteller des Bösewichts die Fäden, mit denen sie Hoffmann bewusst um den Verstand bringen wollen. Stella wird lediglich als mögliche weitere Eroberung Hoffmanns erwähnt und taucht in der Inszenierung ebenso wenig auf wie Lindorf. In dieser Konstellation verliert Nicklausse auch die Funktion der Muse, so dass der Epilog abrupt ohne jeden erlösenden Hinweis endet.
So wird aus einem vielschichtigen Künstler- und Menschendrama ein ziemlich banales Intriganten- und Gaunerstück mit zwei möglichen, aber gleichwertig schwachen Resümees. Einerseits: Das geschieht einem Schürzenjäger wie Hoffmann ganz recht. Andererseits: So sind sie halt, die durchtriebenen Frauen.
Unbefriedigend, weil überflüssig, bleibt auch Hüsers Versuch, das Stück aus zwei zeitlichen Perspektiven ablaufen zu lassen. Die Rahmenteile spielen im Jahre 1907, die zentralen Handlungsakte zurzeit Offenbachs. Warum 1907? Weil in diesem Jahr Thomas Manns Zauberberg erschienen ist, dessen Protagonist sich von der Magie des Sanatoriums ebenso umnebeln lässt wie Hoffmann von den Verführungskünsten der Frauen und des Alkohols. Ein willkürlicher Bezug, der in der Inszenierung überhaupt nicht deutlich und auch von den Bühnenbildern Alfred Peters nicht erhellt wird. Und von Magie, welcher Art auch immer, ist in Hagen ohnehin nichts zu spüren. Wie auch, wenn das Ganze als Spiel frustrierter und gelangweilter Frauen angelegt ist.

Generalmusikdirektor Joseph Trafton ist ein dynamischer Dirigent, der auch Offenbachs Schwanengesang kraftvoll und mit viel Drive unter Strom setzt. An musikalischer Spannung fehlt es seinem Dirigat nicht, auch wenn angesichts seiner rasanten Tempi die Abstimmung mit den diffizilen Chorpartien in der Premiere noch wackelt. Man muss auch in Kauf nehmen, dass das lyrische, spezifisch französische Kolorit der Partitur eine gute Dosis zu kurz kommt.
Das alles ist schade, da die Produktion vokal rundum überzeugen kann. Das betrifft zunächst Thomas Paul als Hoffmann, der mit seinem biegsamen lyrischen Tenor den Ton der Partie sicher trifft und sowohl die dramatischen als auch die zarten Passagen mühelos aussingen kann. Grandios präsentiert sich wiederum Angela Davis mit ihrem großen, für die Antonia schon fast zu großen Sopran. Bemerkenswert, dass sie dennoch die zerbrechlichen Fassetten der Rolle subtil erfassen kann. Ohne Fehl und Tadel gestaltet Cristina Piccardi die halsbrecherischen Koloraturen der Olympia und Netta Or muss sich mit der etwas undankbaren Rolle der Giulietta begnügen. Dabei hat sie an anderen Orten schon wiederholt bewiesen, dass sie alle drei Rollen in Personalunion beherrschen und durchstehen kann, was allerdings dem szenischen Konzept Hüsers widerspräche. Maria Markina wird in der von Hüsers geradezu kastrierten Rolle der Muse alias Nicola in ihren Auftrittsmöglichkeiten stark beschnitten. Was sie singt, gelingt ihr jedoch auf dem Niveau ihrer Kolleginnen. Einen ungewöhnlich sympathischen, stimmlich markanten Bösewicht steuert Dong-Won Seo bei. Auch die kleineren Partien sind gut besetzt. Der erweiterte, klangvoll auftrumpfende Chor des Theaters Hagen hatte in der Premiere noch ein paar Anlaufschwierigkeiten, um dem Tempo des Dirigenten folgen zu können. Das lässt sich korrigieren, die Schwächen der Inszenierung vermutlich weniger.
Viel Beifall für eine szenisch problematische, musikalisch und vor allem vokal jedoch beachtliche Produktion des ambitionierten Hauses. Ein Glanzstück im Offenbach-Jahr bietet der Hagener Hoffmann nicht. Aber damit befindet sich Hagen selbst mit Offenbachs Geburtsstadt Köln in guter Gesellschaft, deren Ausbeute an Offenbach-würdigen Veranstaltungen erstaunlich mager ausgefallen ist.
Pedro Obiera