O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Der Schürzenjäger und seine Rächerinnen

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
(Jacques Offenbach)

Besuch am
30. November 2019
(Premiere)

 

Theater Hagen

Dass Jacques Offenbach ausge­rechnet von seinem bedeu­tendsten Bühnenwerk Les Contes d’Hoffmann keine „Fassung letzter Hand“ hinter­lassen hat, stellt jeden Heraus­geber, Regisseur und Dirigenten vor große Probleme. Aller­dings eröffnen sich ihnen dadurch ungewöhnlich große Freiräume, die quasi jede Aufführung anders aussehen und erklingen lassen und noch mehr Überra­schungen bereit­halten als die anderer Werke dieser Klasse und Komple­xität. Was oft vergessen wird: Wenn Offenbach den Hoffmann als fragmen­ta­rische Baustelle mit etlichen Varianten, Lücken und Skizzen zurück­lassen musste, kommt er damit, wenn auch unfrei­willig, durchaus dem Geist der Romantik entgegen. Das fragile Wechsel­spiel zwischen Realität und Illusion, der Zweifel an logischer Eindeu­tigkeit von Wahrneh­mungen und Erkennt­nissen, die Skepsis gegenüber dem Vertrauen in den Menschen als vernunft­be­gabtem Wesen, all diese Attribute einer roman­ti­schen Weltsicht spiegeln sich im Werk und der Rezep­ti­ons­ge­schichte der letzten Offenbach-Oper schil­lernd wider.

Die Oper als eine Art Setzkasten mit diversen Fragment­teilen und Alter­na­tiven, wie sie Offenbach hinter­lassen hat, verleitet freilich zur Willkür, wenn man nicht einmal dem vertraut, was der Komponist vollenden und relativ eindeutig zum Ausdruck bringen konnte. Ohne auf den Bearbei­tungs- und Fassungs­salat eingehen zu wollen, mit dem sich jeder Regisseur und Dirigent herum­schlagen muss, lässt sich eine Botschaft klar heraus­stellen: Auf seiner Suche nach dem Glück bringen Hoffmann weder Frauen noch der Alkohol zum ersehnten Ziel. Sondern beide „Rausch­mittel“ ziehen ihn in einen Strudel unkon­trol­lierter, unkon­trol­lier­barer und trüge­ri­scher Illusionen. Zu innerer Stabi­lität verhilft ihm allein die Muse. Sie weist ihm die richtige Zielrichtung an, indem sie ihn an seine Bestimmung als Dichter erinnert.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Hagens Intendant Francis Hüsers stellt in seiner Neuin­sze­nierung ausge­rechnet diesen Kernaspekt in Frage bezie­hungs­weise auf den Kopf und scheitert auf ganzer Linie. Hüsers möchte die Geschichte nicht aus der Perspektive des Titel­helden erzählen, sondern konstruiert sie als Intrige der vier Frauen Olympia, Antonia, Giulietta und Nicola alias Nickl­ausse alias Muse. Im Prolog spinnen sie in Kompli­zen­schaft mit einem jungen Darsteller des Bösewichts die Fäden, mit denen sie Hoffmann bewusst um den Verstand bringen wollen. Stella wird lediglich als mögliche weitere Eroberung Hoffmanns erwähnt und taucht in der Insze­nierung ebenso wenig auf wie Lindorf. In dieser Konstel­lation verliert Nickl­ausse auch die Funktion der Muse, so dass der Epilog abrupt ohne jeden erlösenden Hinweis endet.

So wird aus einem vielschich­tigen Künstler- und Menschen­drama ein ziemlich banales Intri­ganten- und Gauner­stück mit zwei möglichen, aber gleich­wertig schwachen Resümees. Einer­seits: Das geschieht einem Schür­zen­jäger wie Hoffmann ganz recht. Anderer­seits: So sind sie halt, die durch­trie­benen Frauen.

Unbefrie­digend, weil überflüssig, bleibt auch Hüsers Versuch, das Stück aus zwei zeitlichen Perspek­tiven ablaufen zu lassen. Die Rahmen­teile spielen im Jahre 1907, die zentralen Handlungsakte zurzeit Offen­bachs. Warum 1907? Weil in diesem Jahr Thomas Manns Zauberberg erschienen ist, dessen Protagonist sich von der Magie des Sanato­riums ebenso umnebeln lässt wie Hoffmann von den Verfüh­rungs­künsten der Frauen und des Alkohols. Ein willkür­licher Bezug, der in der Insze­nierung überhaupt nicht deutlich und auch von den Bühnen­bildern Alfred Peters nicht erhellt wird. Und von Magie, welcher Art auch immer, ist in Hagen ohnehin nichts zu spüren. Wie auch, wenn das Ganze als Spiel frustrierter und gelang­weilter Frauen angelegt ist.

Foto © Klaus Lefebvre

General­mu­sik­di­rektor Joseph Trafton ist ein dynami­scher Dirigent, der auch Offen­bachs Schwa­nen­gesang kraftvoll und mit viel Drive unter Strom setzt. An musika­li­scher Spannung fehlt es seinem Dirigat nicht, auch wenn angesichts seiner rasanten Tempi die Abstimmung mit den diffi­zilen Chorpartien in der Premiere noch wackelt. Man muss auch in Kauf nehmen, dass das lyrische, spezi­fisch franzö­sische Kolorit der Partitur eine gute Dosis zu kurz kommt.

Das alles ist schade, da die Produktion vokal rundum überzeugen kann. Das betrifft zunächst Thomas Paul als Hoffmann, der mit seinem biegsamen lyrischen Tenor den Ton der Partie sicher trifft und sowohl die drama­ti­schen als auch die zarten Passagen mühelos aussingen kann. Grandios präsen­tiert sich wiederum Angela Davis mit ihrem großen, für die Antonia schon fast zu großen Sopran. Bemer­kenswert, dass sie dennoch die zerbrech­lichen Fassetten der Rolle subtil erfassen kann. Ohne Fehl und Tadel gestaltet Cristina Piccardi die halsbre­che­ri­schen Kolora­turen der Olympia und Netta Or muss sich mit der etwas undank­baren Rolle der Giulietta begnügen. Dabei hat sie an anderen Orten schon wiederholt bewiesen, dass sie alle drei Rollen in Perso­nal­union beherr­schen und durch­stehen kann, was aller­dings dem szeni­schen Konzept Hüsers wider­spräche. Maria Markina wird in der von Hüsers geradezu kastrierten Rolle der Muse alias Nicola in ihren Auftritts­mög­lich­keiten stark beschnitten. Was sie singt, gelingt ihr jedoch auf dem Niveau ihrer Kolle­ginnen. Einen ungewöhnlich sympa­thi­schen, stimmlich markanten Bösewicht steuert Dong-Won Seo bei. Auch die kleineren Partien sind gut besetzt. Der erwei­terte, klangvoll auftrump­fende Chor des Theaters Hagen hatte in der Premiere noch ein paar Anlauf­schwie­rig­keiten, um dem Tempo des Dirigenten folgen zu können. Das lässt sich korri­gieren, die Schwächen der Insze­nierung vermutlich weniger.

Viel Beifall für eine szenisch proble­ma­tische, musika­lisch und vor allem vokal jedoch beacht­liche Produktion des ambitio­nierten Hauses. Ein Glanz­stück im Offenbach-Jahr bietet der Hagener Hoffmann nicht. Aber damit befindet sich Hagen selbst mit Offen­bachs Geburts­stadt Köln in guter Gesell­schaft, deren Ausbeute an Offenbach-würdigen Veran­stal­tungen erstaunlich mager ausge­fallen ist.

Pedro Obiera

Teilen Sie O-Ton mit anderen: