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Gleich, wenn man den kleinen Innenhof der Ehrenfeldstudios in Köln betritt, spürt man die Entspannung. Klar, heute Abend soll hier Großes stattfinden, aber das ist ja kein Grund, in Fieber zu verfallen. Vor dem Eingang sitzt Silke Z., um die Gäste persönlich zu begrüßen. Sie hat in Zusammenarbeit mit Angus Balbernie den heutigen Abend entworfen. Die Anderen hat sie das Stück genannt, das die Zuschauer in einer kurzweiligen Stunde fesseln wird. „Die Digitalisierung und Vernetzung in unseren Gesellschaften gaukeln uns eine scheinbar direkte, unmittelbare Nähe vor. Aber die vermeintliche Abschaffung von Distanz erzeugt nicht ein Mehr an Nähe, sondern zerstört sie“, sagt sie im Vorfeld. Und will es in ihrem Stück präzisieren.
Schon in den Saal kommt man nicht hinein, ohne körperliche Distanz aufzugeben. Am Eingang stehen die Metabolisten, jene Theatertruppe, mit der Silke Z. jetzt zum dritten Mal zusammenarbeitet. Einen Handschlag, eine Umarmung oder ein kleines Tänzchen muss der Besucher abliefern und das gleich mehrfach. Im Saal werden die Zuschauer von Caroline Simon empfangen, die sich rührend um das Wohlbefinden der Gäste kümmert. Sie werden zum Platz geleitet, mit größter Rücksicht darauf, dass einem auch nicht der Sitzriese in der Reihe davor den Blick versperrt. Es grenzt an ein Wunder, dass das Ganze auch noch recht zügig vonstattengeht. Muss es auch, denn an diesem Abend ist wirklich jeder Stuhl besetzt.

Während der Regen stimmungsvoll auf das Dach tropft, setzen die Klangflächen von André Zimmermann ein, und die zehn Metabolisten im Alter zwischen 19 und 62 Jahren zeigen tänzerisch, wie man in der Menge ziemlich allein und sehnsuchtsvoll sein kann. Die Gruppe formiert sich und Angus Balbernie tritt aus der Linie hervor, um auf Englisch darüber zu philosophieren, wer „die Anderen“ wohl sind und wie sie in Beziehung zueinander stehen könnten, während Malina Hoffmann lautstark insistiert und auf die emotionale Ebene einer solchen Beziehung pocht. Der Wechsel zwischen Tanz und Spiel setzt sich munter fort, während das Stück zunehmend auf Empathie fokussiert.
Sehr schön die mit bitterem Humor gewürzte Spielszene, in der Hoffmann eine Sachbearbeiterin des Ministeriums für Empathie mimt und den Antrag auf Erteilung von Empathie entgegennimmt. Charles Ripley möchte eigentlich nur beim täglichen Einkauf nicht mehr unsichtbar sein, aber die behördlichen Schranken scheinen kaum überwindbar. Zeit, Empathiespender im Publikum zu suchen. Dazu bewaffnen sich Bettina Muckenhaupt und Malina Hoffmann mit Mikrofonen und befragen ausgesuchte Zuschauer nach ihrer Hilfsbereitschaft.
Und weiter geht es mit dem Tanz. Lisa Kirsch tobt sich auf der Bühne aus, scheint die Orientierung in der Gesellschaft verloren zu haben, was sie immer wieder zu Fall bringt. Abine Leao Ka, Karel Vanĕk, Alice Smith und Florian Patschovsky üben sich derweil mal in der Gruppe, mal als Solo im Ausdruckstanz. Mit allerlei weiteren originellen Einfällen vergeht eine Stunde wie im Flug.
Wenn man Empathie versteht als „Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden“, verwischen die Begrifflichkeiten im Stück immer wieder, wird persönliche Nähe, Hilfsbereitschaft oder Fürsorge gleichgesetzt mit innerer Anteilnahme oder Einfühlungsvermögen. Was aber völlig legitim ist, wenn man Die Anderen als das begreift, als was es gemeint ist: als Vorspiel zu einer geplanten Reihe von Stücken, die sich mit dem Thema Der empathische Körper auseinandersetzen wollen.
Derweil entsteht auf der Bühne ein anrührendes Schlussbild. Und wenn man nun noch Schnee darüberstreute, wäre es die perfekte Weihnachtsgeschichte. Aber so viel Rührung soll es dann doch nicht sein. Auch so reicht es, um das Publikum zu begeistertem Applaus hinzureißen. Silke Z. hat ein Stück vorgestellt, dass sich ohne Sentimentalität, dafür mit Witz und originellen Einfällen mit dem Thema Nähe auseinandersetzt. Da kann man sich auf das kommende Jahr freuen, wenn Silke Z. mitteilen wird, was es mit dem emphatischen Körper auf sich hat.
Michael S. Zerban