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HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
(Jacques Offenbach)
Besuch am
10. Dezember 2019
(Premiere)
Das Offenbach-Jahr neigt sich dem Ende zu und selbst die aufwändigsten Produktionen von Köln bis Salzburg haben vor allem gezeigt, dass man sich hierzulande noch immer schwertut, den spitzzüngigen Esprit Offenbachs mit leichtem Florett austeilen zu können oder zu wollen. Die Brüsseler Oper lässt das Jubiläumsjahr mit einer Neuinszenierung von Offenbachs uneingeschränkt seriösem Schwanengesang, der Oper Les Contes d’Hoffmann, ausklingen. Hier zeigt sich, dass Musikchef Alain Altinoglu über ein absolut sicheres Händchen für das Kolorit und die Stimmungslagen der Musik verfügt, so dass die Produktion zusammen mit der rundum hochwertigen Besetzung musikalisch zu den Höhepunkten des Offenbach-Jahres zählen dürfte.
Mit der Wahl Krzysztof Warlikowskis setzte man freilich auf einen Regisseur, der von einer brillanten Lulu bis zu einem grottenschlechten Don Giovanni in Brüssel alle Güteklassen des Regietheaters bedient hat. Der neue Hoffmann gehört eher zu seinen schwächeren Arbeiten. Die komplizierte Frage nach der gewählten Fassung des von Offenbach fragmentarisch hinterlassenen und in unzähligen Versionen umhergeisternden Werks ist hier zweitrangig. Auf dem Programmzettel ist zwar die viel gespielte Fassung von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck angegeben, zu sehen ist jedoch eine Deutung Warlikowskis eigener Art, die vor allem darauf bedacht ist, das Werk von jedem romantischen Flair zu befreien. Obwohl es Offenbach mit Bezug auf die zugrunde liegenden Erzählungen E. T. A. Hoffmanns ausdrücklich als „Opéra-fantastique“ verstanden wissen wollte.

Den Frauenverschleiß des Titelhelden nimmt Warlikowski zum Anlass, alle Episoden in das nüchterne Szenario einer modernen Modell-Agentur zu verlagern. Bühne und Kostüme stammen von Małgorzata Szczęśniak. Stella ist hier nicht die Traumfrau, die sich in den drei in Hoffmanns Fantasie verklärten Frauen spiegelt und vereinigt, der Puppe Olympia, der todkranken Antonia und der Kurtisane Giulietta. Sie dreht mit an der Schraube geschäftsmäßig real inszenierter Aktionen inklusive eifersüchtiger Intrigen und allerlei Zickenkriegen im Show-Business, wodurch die Liebesbeziehungen Hoffmanns ihre doppelbödigen Zwischentöne verlieren. Zu sehen sind banale Geschichten aus dem Alltag einer Modell-Agentur. Ein Ansatz, der bereits mit der ersten Episode ausgereizt ist und der weder den vierstündigen Abend tragen noch der Komplexität des Werks gerecht werden kann. Die Rolle der Muse verliert vollends ihren Sinn. Anstatt Hoffmann am Ende auf seine Bestimmung als Dichter zurückzuführen, intrigiert sie munter mit. Bezeichnend, dass Warlikowski nach dem Zusammenbruch Hoffmanns zunächst einen überflüssigen, albernen Dialog hinzudichtet. Das anschließende Final-Ensemble mit der Botschaft der Muse wird, in diesem Kontext völlig sinnfrei, dann doch noch angefügt. Schön allein wegen der grandiosen Musik.
Und die musikalische Umsetzung rettet letztlich den ganzen Abend. Nicht nur Altinoglu mit seinem brillanten Dirigat, sondern auch das exzellente Ensemble, aus dem der ausdrucksstarke Eric Cutler in der Titelpartie heraussticht, auch wenn im Laufe des Abends seine stimmliche Kondition nachlässt. Star des Abends ist unbestritten Patricia Petibon, die alle vier Frauenrollen in Personalunion singt. Dabei gelingen ihr die Koloraturen der Olympia ebenso gut wie die lyrischen Kantilenen der Antonia und der sinnliche Unterton der Giulietta. Und mehr noch: Als perfekte Darstellerin verfügt sie über ein ähnliches Charisma wie einst Barbara Hannigan in Warlikowskis legendärer Lulu-Inszenierung.
Viel Magie kann in dieser Inszenierung nicht von den männlichen Bösewichtern ausgehen, die Gábor Bretz tadellos, aber ein wenig eindimensional verkörpert. Ausdrucksstark gestaltet und singt Michèle Losier die Muse, auch wenn ihre Rolle eindeutig falsch angelegt ist. Beeindruckend der Chor der Monnaie, der allerdings weitgehend untätig aus dem Bühnenhintergrund zu singen hat.
Am Ende begeisterter Beifall für die musikalischen Akteure, gemischte Reaktionen für das szenische Team. Ein durchwachsener Abschluss des Offenbach-Jahres.
Pedro Obiera