O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
ORLANDO
(Olga Neuwirth)
Besuch am
11. Dezember 2019
(Premiere am 8. Dezember 2019)
Judenverfolgung, Atombombe, Vietnam, 68-er Generation, Social Media, Kaufrausch, Trump-Rhetorik, Syrien-Krieg, Klimaproteste: Es ist schon ein seltsames und vor allem ziemlich überfrachtetes Potpourri, das Olga Neuwirth bei der Uraufführung ihrer neuen Oper Orlando, ein Auftragswerk der Wiener Staatsoper, speziell im zweiten Teil da ausbreitet. Und da jagt dann beinahe atemlos und ziemlich plakativ bei dem Libretto, das sie gemeinsam mit Catherine Filloux erstellt hat und der Regie von Polly Graham eine Idee die andere. Dazu gibt es fast peinliche Zwischentexte und platte Slogans. Zu viel gewollt, zu wenig erreicht. Vor allem im zweiten Teil des Abends, der diesen mit seinen endlosen Wiederholungen und nicht enden wollenden Monologen ziemlich in die Länge zieht. Dabei hätte die Oper der 51-jährigen Komponistin, der ersten Frau, die an der Wiener Staatsoper eine abendfüllende Oper, wenn man von der Kinderoper von Johanna Doderer von 2017 absieht, wahrscheinlich erfolgreicher werden können, wenn sie sich ausschließlich an den Roman von Virginia Woolf gehalten hätte, auf dem ihr Werk basiert, die die Geschichte des fast 400-jährigen Leben von Orlando 1928 beendet. Gemeinsam mit Catherine Filloux arbeitete Olga Neuwirth am Libretto und dehnte die literarische Vorlage bis ins Heute aus und erreicht dabei mehr Flach- als Tiefgang. Verantwortlich dafür sind Unwuchten im selbst erstellten Textbuch. Während Neuwirths erste Opernhälfte diese Vita rasant verdichtet, leidet der Abend nach der Pause an Spannungsschwund. Und vor lauter Welthistorie kommt Orlando eine bühnentaugliche Geschichte abhanden.
Erzählt wird die Geschichte vom jugendhaften Helden Orlando in 19 Bildern, der 1598 als junger ungestümer Mann Königin Elizabeth I begegnet. Während des großen Frosts 1610 in London verweigert sich ihm die attraktive Sasha. Orlando zieht sich bedrückt zurück und wird zum Schriftsteller. Das Schreiben wird zum wesentlichen Inhalt des Romans. Gräuel und Krieg lassen ihn in einen langen Schlaf fallen, aus dem er als Frau erwacht. Die rechtlose, nicht respektierte Frau erlebt im viktorianischen Zeitalter die repressive soziale Atmosphäre und kämpft um ihre Rechte als Frau und später für die Kinder. Nach dem Ende des Romans sackt die Dramaturgie ab und die Erzählung wird nur mehr zu einem langgezogenen, verkrampften gesellschaftspolitischen Statement. Roy Span gestaltet eine Bühne ohne Kulissen mit wenigen Requisiten. Wesentlichen Eindruck hinterlassen die Videoeinspielungen mit stimmungsvollen Landschafts -, Farb‑, Regen- und Schneeaufnahmen. Dabei hängen einige Leinwandpanele von der Bühnendecke und werden wie Vorhänge verschoben. Phantasievoll bunt und geradezu abenteuerlich voluminös sind die Kostüme und Masken von Rei Kawakubo, angepasst an die verschiedenen Jahrhunderte. Die Personenregie hinterlässt wenig Eindruck auf einer zumeist vollbesetzten und vollgestellten Bühne. Und immer wieder tanzt ein überdimensionaler Zeitkreisel als Projektion bei den Szenenübergängen und führt durch die Jahrhunderte.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der musikalische Stilkosmos ist gewaltig! Es gibt musikalische Parallelsphären, die aufeinanderprallen, sich übermalen und bisweilen eine komplexe Gleichzeitigkeit erzeugen: Auf dieser Reise durch die Jahrhunderte schimmert orchestrale Spätromantik ebenso durch wie komplexe rhythmisch repetitive Musik und stimmenverändernde Elektronik durch. Verfremdungen von Offenbachs Cancan blitzen auf ebenso auf wie Bella ciao, das Lied des italienischen Widerstands gegen den Faschismus. Das Weihnachtlied O Tannenbaum und das Kirchenlied Danke für diesen guten Morgen sind hörbar wie auch mit Streifzügen durch die Musikgeschichte. Neuwirth verliert ihre fassettenreiche Handschrift selbst dann nicht, wenn sie Vorbilder zitiert oder persifliert: Renaissance-Madrigal, Lautenlied, Henry Purcells Cold Song, Händel-Arie, Bach-Choral, Ringelreihe-Tanz, oder ein Sound der Talking Heads. Ebenso erlebt man Walzerklänge, Flower-Power-Riffs, Rock, Punk, Jazz und Funk, worum sich eine auf die Bühne geschobene kleine Band bemüht, die die Orchesterklänge umkreisen. All das wird man am Ende gehört haben, und doch klingt es originär. Besonders intensiv geraten ihr dabei die orchestralen Zwischenspiele.

All das wird in einer Glanzleistung vom Orchester der Wiener Staatsoper unter dem sachkundigen und völlig exakt schlagenden Dirigenten Matthias Pintscher präsentiert. Mit dem Chor, der Chorakademie und der Opernschule der Wiener Staatsoper hat der Dirigent einen Riesenapparat zu bewegen. Er macht das bei seinem Debüt im Haus mit solcher Ruhe, Präzision und Übersicht, als ob es ein obligates Repertoirestück wäre. Seine Souveränität rührt wohl auch daher, dass er nicht nur ein ausgesuchter Experte für Zeitgenössisches ist, sondern selber Komponist.
Chapeau auch für die Sänger, unmöglich alle fast dreißig, meist in mehreren Rollen, aufzuzählen! Die phänomenale Kate Lindsey brilliert als Orlando mit ihrem dunklen Mezzo, nimmt wie selbstverständlich alle Hürden der Partitur und weiß auch darstellerisch den Wandel vom Mann zur Frau in feinen Fassetten glaubhaft zu machen. Constance Hauman, unter anderem als Königin Elizabeth I, singt ausdrucksstark. Anna Clementi ist eine eindringliche Erzählerin in dem englischsprachigen Werk, Justin Vivian Bond leiht der Stimme von Orlandos Kind eine angeraute Stimme. Intensiv ist auch Leigh Melrose als unter anderem Green und ganz besonders der Countertenor Eric Jurenas als Orlandos Schutzengel. Agneta Eichenholz fasziniert als Sasha ebenso wie der Rest des großen, motivierten Ensembles, während der sehr gute Chor in der Rolle des Beobachters belassen wird.
Am Ende gibt es Jubel für alle Musiker, speziell für Kate Lindsey und für den Dirigenten, und bei der Premiere respektablen Applaus für das Team um Regisseurin Polly Graham und Ovationen für die offenbar sehr zufriedene Olga Neuwirth, untermischt allerdings mit ein paar wenigen Buhs.
Helmut Christian Mayer