O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Zwei Operetten in (k)einer

DAS LAND DES LÄCHELNS
(Franz Lehár)

Besuch am
12. Dezember 2019
(Premiere am 7. Dezember 2019)

 

Aalto-Musik­theater, Essen

Ein Suppen-Eintopf kann vieles vertragen. Doch wenn man gleich zwei Operetten, die politi­schen Wirren der Entste­hungszeit und noch zusätzlich eigene Ingre­di­enzen in den Topf wirft, wird die künst­le­rische Suppe nicht unbedingt schmack­hafter, sondern verliert am Ende den letzten Rest an Eigen­ge­schmack. Dieser Eindruck stellt sich in der Essener Neuin­sze­nierung von Franz Lehárs Operette Das Land des Lächelns ein, mit der sich Sabine Hartmannshenn viel vorge­nommen hat. Wie sich heraus­stellt, zu viel.

Lehárs bekanntem Endprodukt aus dem Jahre 1929 ging sechs Jahre früher eine Version voraus, die unter dem Titel Die gelbe Jacke ein Flop wurde. Es ist sicher inter­essant, dass sich das ungetrübte Happy End der Gelben Jacke, in dem Pedro und Lea glücklich zuein­ander finden, im Land des Lächelns nicht einstellen will. Die kultu­rellen Barrieren zwischen dem chine­si­schen Prinzen Sou-Chong und der Wienerin Lisa sind zu groß. Es mag sein, dass die politische Entwicklung Ende der 1920-er Jahre mit der Weltwirt­schafts­krise und dem wachsenden Antise­mi­tismus Lehár zu dem nachdenk­lichen Schluss bewogen hat. Wegen seiner jüdischen Frau und den vielen jüdischen Kollegen gerade im Operetten-Genre bekam auch der promi­nente und von Hitler geschätzte Lehár die bösen Entwick­lungen zu spüren. Wenn auch viel glimpf­licher als etwa Fritz Löhner-Beda, der Co-Librettist des Land des Lächelns und damit auch des Hits Dein ist mein ganzes Herz, der, wie viele seiner Kollegen, in Auschwitz oder anderen Vernich­tungs­lagern ermordet wurde.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der Versuch von Sabine Hartmannshenn, Die gelbe Jacke mit dem Land des Lächelns zu verknüpfen und darin die politische Stimmung der Entste­hungszeit einfließen zu lassen, zeugt von Ehrgeiz, schafft aber mehr Verwirrung als Klarheit, von der spezi­fi­schen Atmosphäre des Stücks ganz zu schweigen. Wobei viele politisch gefärbte und bewusst auf persön­liche Distanz gehaltene Insze­nie­rungen des Genres das Vorurteil durch­blicken lassen, Operetten gaukelten eine heile Welt inmitten Katastrophen aller Art vor und trieften vor Senti­men­ta­lität. Hört man sich Aufnahmen mit Lehár am Pult und Richard Tauber als Tenor der Sonder­klasse an, ist von Senti­men­ta­lität nichts zu spüren. Ein Vorurteil, das sich in der Nachkriegszeit entwi­ckelte, in der die Operette lange Zeit als Musik­theater zweiter oder dritter Klasse allen­falls als flache Unter­hal­tungs­kiste akzep­tiert wurde. Die musika­lisch hochwertig besetzten Operetten-Aufnahmen der EMI bildeten eine Ausnahme, die sich auf den Bühnen­alltag jedoch nicht auswirkten.

Wenn man also Lehár nicht traut und Angst davor hat, dass es auf der Bühne allzu gefühlvoll und nicht immer tiefgründig genug zugehen könnte, muss gepuscht werden: So findet in Essen die China-Revue  Die gelbe Jacke als Gastspiel des Berliner Metro­pol­theaters Eingang in die Handlung des lächelnden Landes, wobei die Figuren mit zwei Namen auftreten. Nicht genug damit: Onkel Chang tritt auch noch als Gauleiter auf. Der Chor flankiert das Ganze als Zuschauer und es kommt zu braun gefärbten Störungen mit wilden Prügel­at­tacken. Selbst Prinz Sou-Chong alias Pedro wird nach seinem Ohrwurm Dein ist mein ganzes Herz grob abgeführt. Am Ende ziert die von Lukas Kretschmer durchaus eindrucks­volle Theater­fassade neue, mit den geschwärzten Namen der jüdischen Libret­tisten versehene Plakate, die jetzt zum Land des Lächelns einladen. Große Haken­kreuz­fahnen zieren die Mauern.

Foto © Bettina Stöß

Der Sänger des Prinzen verlässt mit einem einfachen Flücht­lings-Koffer die Szene. Auf dem Theater im Theater, also während der Präsen­tation der Gelben Jacke, kam es zuvor schon zur Trennung von Lisa alias Lea, die aus dem fremden China nach Wien zurück­kehrte. Und damit man auch den kultur­kri­ti­schen Ansatz des Stücks und die fremden­feind­lichen Zeichen der Zeit erkennt, streut die Regis­seurin in das Tingel­tangel der Show Überzeich­nungen ein, wenn auf allen vieren kriechende Frauen an Hunde­hals­bändern geführt werden und mit dem Hinweis auf die niedrige Stellung der Frau im China des Prinzen auch noch Lehárs Einstellung zur Frau auf den Prüfstein gelegt wird.

Das alles ist gut mit gemeint und wird auch detail­liert ausge­ar­beitet. Letztlich verstellt das thema­tische Sammel­surium jedoch den Blick auf wesent­liche Teile der Handlung, zu denen auch die proble­ma­ti­schen Liebes­be­zie­hungen zwischen dem Prinzen und Lisa sowie zwischen dem Grafen Gustl alias Claudius und Mi aka Martha gehören, die in diesem Umfeld nur unscharf zum Ausdruck gebracht werden.

Als Dirigent war der äußerst Genre-kundige Fachmann Friedrich Haider vorge­sehen, der kurzfristig absprang. Aus „gesund­heit­lichen Gründen“, wie offiziell verlautbart wurde. Eine Version, die hinter den Kulissen kräftig angezweifelt wird. In der Tat lassen sich die Quali­täten der Partitur in diesem szeni­schen Umfeld kaum überzeugend zur Geltung bringen. Und so prescht Stefan Klingele mit recht harter Hand durch das Stück: kräftig und alles andere als charmant. Das führt dazu, dass Jessica Muirhead die Partie der Lisa mit ihrer druck­vollen Stimme mit mehr scharfen und forcierten Tönen ausstattet als nötig. Auch Carlos Cardoso als Prinz Sou-Chong muss sich mit einiger Anstrengung gegen das robust aufspie­lende Orchester durch­setzen. Sein weicher Tenor verfügt zwar über genügend Stehver­mögen, wirkt ohne metal­li­schen Glanz jedoch etwas eindi­men­sional. Auch Christina Clark als Mi alias Martha hat schon oft bewiesen, dass sie über eine diffe­ren­ziertere Ausdrucks­skala verfügt als sie im Land des Lächelns erkennen lässt.

Vorzüglich die recht geschlossene Ensem­ble­leistung, zu der auch Albrecht Kluds­zuweit als Graf Gustl, Karel Martin Ludvik als Onkel Tschang und Gauleiter, Rainer Maria Röhr als Obereunuch und Spiel­leiter sowie der gut dispo­nierte Chor des Aalto-Theaters gehören.

Insgesamt eine gut gemeinte, aber sich im Fassungs- und Deutungs­di­ckicht verzet­telnde Produktion, die beim Publikum auf begeis­terten Beifall stößt.

Pedro Obiera

Teilen Sie O-Ton mit anderen: