O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Tom Schulze

Weihnachtsmarkt-Oper-Feeling

LA FANCIULLA DEL WEST
(Giacomo Puccini)

Besuch am
14. Dezember 2019
(Premiere am 29. September 2018)

 

Oper Leipzig

­La Fanciulla del West im Dezember in Leipzig passt als musika­lische Oper-Schmon­zette à la Giacomo Puccini in die Jahreszeit. Wie überall dominieren in den Städten die Weihnachts­märkte. Die von Bratwurst, Glühwein, gerös­teten Mandeln und Gebäck geschwän­gerte Luft tragen die Opern­be­sucher selbst­ver­ständlich mit ins Haus.

Hohe Zeit des Advents, die in der Oper und auf dem Weihnachts­markt parallel, doch sehr unter­schiedlich verstanden wird. Kaum noch einen Gedanken an die Erwartung der Geburt des im Neuen Testament verhei­ßenen Erlösers zu verschwenden, scheint die vom Alkohol befeuerte Weihnachts­markt­ge­sell­schaft. Im Opernhaus ist Minnie, la Fanciulla, in einem Wild-West-Kaff für die Goldgräber nicht nur Wirtin und erotische Projek­ti­ons­fläche, sondern geriert sich letztlich als eine Heilige. Minnie versammelt den wilden Männer­haufen um sich und liest ihnen aus der Bibel vor.

Wo auf dem Weihnachts­markt der Glühwein die Stimmung hebt, belebt er sie bei Minnie in der Spelunke Polka mit Whisky. Trällern dort im Hinter­grund abgenu­delte, verhunzte Weihnachts­lieder, fluten über die Opern­bühne Puccinis musika­lisch kalku­lierte Emotionen. Minnies christ­liche Lektionen geben der reichlich konstru­ierten, schwer verdau­lichen Liebe-Herz-Schmerz-Räuber­pistole nach dem Schau­spiel The Girl of the Golden West von David Belasco aus dem Jahr 1905 sowie dem darauf fußenden Libretto von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini auch noch die noch weniger glaub­hafte Erlösungsgeste.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Puccini liegt das dolce vita mit schnellen Autos und eleganten Frauen zu Beginn des 20. Jahrhun­derts näher, als sich als Avant­gardist moderner Musik à la Arnold Schönberg zu profi­lieren. Nach seinen frühen Erfolgen mit Tosca, Madama Butterfly und Manon Lescaut genießt er sein Leben in Reichtum und Glanz. Schöne, süffig melodra­ma­tische Melodien sind es, die musika­lische Stimmungen schaffen, in die man sich wie in einer medial insze­nierten Soap-Oper zurück­lehnen kann. Harmo­nisch kompo­nierte Hör-Schönheit. ­

La Fanciulla del West wirkt dabei wie eine prophe­tische Vorweg­nahme des Kinos. Puccinis dezidierte Anmer­kungen für jeden Gesangspart lesen sich dazu wie ein effektvoll organi­siertes Film-Script. Dass sich ­La Fanciulla del West heute auf den Opern­bühnen eher rar macht, liegt einer­seits an einem mehr als gewöh­nungs­be­dürf­tigen Melodie-Platz­halter-Libretto. Gewich­tigere Gründe liegen in den solis­ti­schen Höchst­schwie­rig­keiten. Wie lässt sich dieser Dualismus auflösen?

Die Insze­nierung von Cusch Jung folgt konse­quent einem weit verbrei­teten Wild-West-Mythos mit Cowboyhut und Zigarre. Die Bühne und die Kostüme von Karin Fritz erinnern an das Ende des Bergbaus. Mit Paletten und Bierkästen möbliert, ist das Wirtshaus Wäschekaue und Beicht­stuhl in einem. Melan­cho­lisch senti­mentale wie auch vom Whisky besoffene Gold-Glücks­sucher treffen sich bei Minnie mit ihren Sehnsüchten und Hoffnungen nach einem anderem, einem diffusen Liebes­glück. Halbbe­kleidet, duschnass die einen, in abgenutzten Jeans die anderen, vereint im Glücks­spiel, singen und spielen die Herren des Opern­chores mit wechselnder Überzeugung. Von Thomas Eitler-de Lint gestimmt, vermisst man mitunter in den Massen­szenen eine klang­liche Stringenz.

Ulf Schirmer lässt nach dem fulmi­nanten Ouvertüre-Auftakt das Gewand­haus­or­chester mit Volldampf voraus spielen. In den Trink- und Spiel­gelage-Szenen klingt das narrativ gerecht, turbulent radikal zuspitzend. Meagan Millers erste Auftritte als Minnie deckt der Fortissimo-Orches­ter­klang aller­dings ziemlich zu. Im Weiteren gelingt Schirmer mehr Klang­dif­fe­ren­zierung, mehr farbiges Kolorit im Blech und mit den Strei­chern, untermalt von einer Windma­schine. Puccinis Instru­men­tation in ihrer facet­ten­reichen Klang-Bandbreite, eine italie­nisch jubilie­rende, drama­tisch dröhnende Grandezza bleibt ein Versprechen in Ansätzen.

Gaston Rivero gewinnt der überstra­pa­ziert gebro­chenen Figur des Dick Johnson charak­ter­volle Aspekte ab. Er spielt die Verbrecher-Sünder-Liebhaber-Rolle in einer Mischung aus liebes­ge­bremster Bruta­lität und sanfter Demut. Rivero muss sich als Sänger lange zurück­halten, bevor ihm Puccini im letzten Akt mit der Arie Ch’ella mi creda die Chance gibt, als Tenor zu brillieren. Puccinis Tenor-Anfor­derung, bruchlos auf das hohe C und höher hinauf zu singen, gelingt Rivero relativ angestrengt. Tief einatmend, gewinnt er mit konzen­trierter Anstrengung in verin­ner­lichter Authen­ti­zität, ohne spekta­kulär zu glänzen, die gefor­derten Höhen.

Foto © Tom Schulze

Das große Goldgräber-Solisten-Ensemble – auffällig präsent Patrick Vogel als Oppor­tunist Nick, Jonathan Michie als agiler Sonora, Randall Jacobsh als intri­ganter Ashby – nimmt die von der Partitur vorge­ge­benen Gestal­tungs­chancen stilsicher an. Sie bilden ein verläss­liches Rückgrat nicht nur für Rivero, sondern für die Insze­nierung insgesamt.

Jung entgeht der Versu­chung, sich allein auf die Dreiecks­kon­stel­lation Minnie, Dick und den versof­fenen Sheriff Jack Rance zu fokus­sieren. Als Sheriff Rance ist Tuomas Pursio für Jung der Protagonist für Leere, Einsamkeit und Depression von Menschen, die um ihrer und der Familien Existenz Willen eine Arbeit leisten, die sie irgendwo fern, irgendwie unwirklich, irgendwann völlig entmenschlicht.

Pursio überzeugt, je länger die Aufführung dauert, immer stärker. Er gibt diesem verzwei­felten, in sich gespal­tenen Charakter eine variabel charak­te­ri­sie­rende Stimme sowie eine spiele­risch gestisch nachhaltige Struktur, die vergeblich Minnies Liebes-Kuss-Zustimmung erfleht.

In dieser absti­nenten Männerwelt wirkt Minnie wie ein Märchen-Engel, der den männlich sexua­li­sierten Überdruck vermindert. Dem ersten Anschein nach Flintenweib, ist sie für die Männer realiter Seelen­trös­terin, Mutter, Schwester – und Lehrerin der Bibel. Meagan Miller charak­te­ri­siert Minnie mit imponie­rendem Verve und Instinkt. Ihr gelingt es, Minnie in ihrer jungfräu­lichen, weltfremden Brombeer-Zufrie­denheit und naiven Gläubigkeit, dass allein der erste Kuss über ewig dauernde Liebe entscheidet, ausge­rechnet einem Räuber verfällt, als weltfremde Person glaubhaft zu machen.

Miller schafft das mit einer empathi­schen Rollen­auf­fassung, die selbst Unglaub­lichem einen Hauch des Möglichen gibt. Das gelingt ihr mit einem diffe­ren­ziert abruf­baren Potenzial an gesang­licher und spiele­ri­scher Präsenz. Ihre den Romantik-Kitsch strei­fende Unschulds-Arie Oh, se sapeste come il vivere é allegro! singt sie lyrisch verklärt, wobei ihre brillante Gesangs­kultur die Libretto-Ungereimt­heiten überdeckt.

In dem Moment, als Minnie Dicks Verlangen nach dem einen Kuss – Un bacio, un acio alem! – in liebender Ergebenheit erliegt – „Eccolo! É tuo!“ – und sie ihn wenig später als einen geraubten versteht – „Ma il primo bacio mio vi siete preso, ché vi credevo mio, solanto mio“ – singt sich Miller in einen von redun­danten Kuss-Fantasien gezeich­neten Sopran-Rausch.

Aus tiefster Verzweiflung erlöst sie sich und die Goldgräber schluss­endlich in göttlicher Marien-Pose. Minnie, mit Millers Sopran koloriert – „Fratelli, non v’é al mondo peccatore cui non stapra una via di reden­zione“ – entschwebt zusammen mit Dick in himmli­scher Erlösung.

Nur wenige Treppen­stufen vom Opernhaus entfernt, dreht sich noch das glitzernde Riesenrad. Bierselige Stimmung schwappt den Opern­be­su­chern beim Verlassen des Hauses entgegen. La Fanciulla del West, das kleine Mädchen aus dem Westen, tanzt mit Weihnachts­markt­mas­kerade in eine andere Welt durch Leipzig davon.

Peter E. Rytz

Teilen Sie O-Ton mit anderen: