O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Die Mimì stirbt so schön

LA BOHÈME
(Giacomo Puccini)

Besuch am
13. Dezember 2019
(Premiere am 21. November 2015)

 

Staats­theater Nürnberg, Opernhaus

Wenn ein Opernhaus eine Insze­nierung von 2015 wieder­auf­nimmt, liegt das in der Regel nicht daran, dass man neue – künst­le­rische – Impulse setzen möchte, sondern die Regie-Arbeit so gut war, dass man sich mit kleinerem Aufwand noch einmal sichere Einnahmen erhofft. La bohème von Giacomo Puccini ist zudem eine Oper, von der es so viele Insze­nie­rungen gibt, dass man froh sein kann, wenn man über eine Regie-Arbeit verfügt, die ihren Erfolg schon einmal bewiesen hat. Gerade in dieser Spielzeit scheint es kaum noch ein Haus zu geben, dass die Oper nicht auf dem Spielplan hat.

Trotz etlicher Schwächen konnte die Insze­nierung des Regie-Teams Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die am 21. November 2015 zur Premiere kam (O‑Ton berichtete), Kritiker und Publikum überzeugen. Und auch die Folge­vor­stellung der Wieder­auf­nahme vom Anfang dieses Monats ist außer­ge­wöhnlich gut besucht. Man traut seinen Augen kaum, und so möchte man eigentlich jeden Opern­abend erleben: Mindestens ein Drittel des Publikums besteht aus jungen Menschen, vielleicht am ehesten Oberstu­fen­schüler oder Studenten. Selbst wenn hier über Karten­sub­ven­tionen oder Vermitt­lungs­pro­gramme nachge­holfen wurde, was ja vollkommen legitim wäre, ist das ein grandioser Anblick. Endlich einmal eine gesunde Mischung der Genera­tionen im Saal. Man kann sich gar nicht sattsehen an den jungen Leuten, die offenbar großen­teils ihre erste Opern­erfahrung sammeln, aber durch die Bank weg schon in der Pause vom Erlebnis Oper begeistert sind. Nun ist La bohème gerade in dem Alter sicher auch die ideale Einstiegsoper. Begeis­ternde Musik, großartige Stimmen, eine Gefühlswelt, die von der der Pubertät ja nicht allzu weit entfernt ist und eine drama­tische Entwicklung, gegen die jeder Hollywood-Film abfällt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Inter­essant für den erfah­renen Opern­gänger ist die Wieder­auf­nahme am Staats­theater Nürnberg auch. Denn das Stück ist bis auf den Auftritt von Parpignol, den auch jetzt wieder Klaus Brummer erfri­schend gestaltet, komplett neu besetzt worden. Aber der Reihe nach.

Das Bühnenbild wirkt auch nach vier Jahren noch eindrucksvoll, wenn auch ein wenig brav, bisweilen plakativ. Die Auflösung der stark einge­schränkten Perspektive auf das Künst­ler­zimmer ins Blutrote: Wir wissen, wie das Stück ausgeht. Auch die folgenden Anspie­lungen verlieren in Kenntnis des Endes. Das Café Momus in seiner natura­lis­ti­schen Darstellung gefällt insbe­sondere, offenbart aber auch die größte Schwäche der akustisch zerklüf­teten Bühne. Szemerédy und Perditka gleichen das mit Rampen­singen aus. Nun denn. Was weitaus weniger begeistert, ist die Besetzung. Gefragt sind Künstler in einer prekären Lebens­si­tuation. Den hiesigen Akteuren ist dieses Leben sichtbar fremd. Gesunde,wohlgenährte Körper. Bei den Herren runde Bäuche, die vom erlebten Genuss berichten; bei den Damen sorgt vor allem Mimì für Verwirrung. Da steht auf der Bühne eine vor Leben strot­zende Person mit einer unwirklich wirkenden Perücke, der man die Augen mit zerlau­fendem Make-up bemalt hat, damit wenigstens irgend­etwas zu sehen ist. Nichts ist zu sehen von der zarten, zerbrech­lichen Gestalt einer Schwind­süch­tigen, die zunehmend verfällt. Man muss als Zuschauer schon sehr viel Fantasie aufbringen, um zu verstehen, was hier eigentlich vor sich gehen soll.

Foto © Pedro Malinowski

Stimmlich, so weit hörbar, ist der Abend ein Genuss. Einer Emily Newton, hier als Mimì, zuzuhören, ist ohnehin stets große Freude. Und sie stirbt so schön. Andromahi Raptis steht ihr in nichts nach, darf als Musetta nur ein wenig mehr von ihrer Spiel­freude zeigen. Arthur Espiritu lässt in der Rolle des Rodolfo einen lupen­reinen Tenor erklingen, während Bariton Sangmin Lee einen hervor­ra­genden Marcello zum Besten gibt. Wonyong Kang in der Rolle des Schaunard, Nicolai Karnolsky als Colline, Dariusz Siedlik mit seinem Alcindoro und Suren Manukyan als Benoît unter­stützen gekonnt das sänge­rische Geschehen. In der Einstu­dierung von Tarmo Vaask zeigen sich der Chor des Staats­theaters und der Jugendchor des Lehrer­ge­sangs­vereins Nürnberg stimmlich von ihrer besten Seite und beleben spiel­freudig die Szenerie, soweit die Regie das zulässt.

Die Staats­phil­har­monie Nürnberg spielt genau das, was ihr angezeigt wird. Über weite Strecken ist das viel zu viel. Ohne Rücksicht auf Verluste lässt Lutz de Veer am Pult die Stimmen zudecken. Das ist umso erstaun­licher, als der Dirigent die Menschen auf der Bühne stets im Blick hat und mit deutlicher Geste führt. So hört man viel Orchester, aber wenig Puccini. Immerhin werden die großen Arien mitge­tragen. Da darf man sich im Gesamt­ergebnis freuen, an diesem Abend dabei gewesen zu sein.

Findet auch das Publikum, das sich intensiv bei Sängern und Orchester bedankt, zur Pause schon mal auch umfang­reich die Akteure feiert und die Arien ausgiebig würdigt. Für die Erstbe­sucher eines Opern­abends wird das sicher eine denkwürdige Erinnerung bleiben.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: