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LA BOHÈME
(Giacomo Puccini)
Besuch am
13. Dezember 2019
(Premiere am 21. November 2015)
Wenn ein Opernhaus eine Inszenierung von 2015 wiederaufnimmt, liegt das in der Regel nicht daran, dass man neue – künstlerische – Impulse setzen möchte, sondern die Regie-Arbeit so gut war, dass man sich mit kleinerem Aufwand noch einmal sichere Einnahmen erhofft. La bohème von Giacomo Puccini ist zudem eine Oper, von der es so viele Inszenierungen gibt, dass man froh sein kann, wenn man über eine Regie-Arbeit verfügt, die ihren Erfolg schon einmal bewiesen hat. Gerade in dieser Spielzeit scheint es kaum noch ein Haus zu geben, dass die Oper nicht auf dem Spielplan hat.
Trotz etlicher Schwächen konnte die Inszenierung des Regie-Teams Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die am 21. November 2015 zur Premiere kam (O‑Ton berichtete), Kritiker und Publikum überzeugen. Und auch die Folgevorstellung der Wiederaufnahme vom Anfang dieses Monats ist außergewöhnlich gut besucht. Man traut seinen Augen kaum, und so möchte man eigentlich jeden Opernabend erleben: Mindestens ein Drittel des Publikums besteht aus jungen Menschen, vielleicht am ehesten Oberstufenschüler oder Studenten. Selbst wenn hier über Kartensubventionen oder Vermittlungsprogramme nachgeholfen wurde, was ja vollkommen legitim wäre, ist das ein grandioser Anblick. Endlich einmal eine gesunde Mischung der Generationen im Saal. Man kann sich gar nicht sattsehen an den jungen Leuten, die offenbar großenteils ihre erste Opernerfahrung sammeln, aber durch die Bank weg schon in der Pause vom Erlebnis Oper begeistert sind. Nun ist La bohème gerade in dem Alter sicher auch die ideale Einstiegsoper. Begeisternde Musik, großartige Stimmen, eine Gefühlswelt, die von der der Pubertät ja nicht allzu weit entfernt ist und eine dramatische Entwicklung, gegen die jeder Hollywood-Film abfällt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Interessant für den erfahrenen Operngänger ist die Wiederaufnahme am Staatstheater Nürnberg auch. Denn das Stück ist bis auf den Auftritt von Parpignol, den auch jetzt wieder Klaus Brummer erfrischend gestaltet, komplett neu besetzt worden. Aber der Reihe nach.
Das Bühnenbild wirkt auch nach vier Jahren noch eindrucksvoll, wenn auch ein wenig brav, bisweilen plakativ. Die Auflösung der stark eingeschränkten Perspektive auf das Künstlerzimmer ins Blutrote: Wir wissen, wie das Stück ausgeht. Auch die folgenden Anspielungen verlieren in Kenntnis des Endes. Das Café Momus in seiner naturalistischen Darstellung gefällt insbesondere, offenbart aber auch die größte Schwäche der akustisch zerklüfteten Bühne. Szemerédy und Perditka gleichen das mit Rampensingen aus. Nun denn. Was weitaus weniger begeistert, ist die Besetzung. Gefragt sind Künstler in einer prekären Lebenssituation. Den hiesigen Akteuren ist dieses Leben sichtbar fremd. Gesunde,wohlgenährte Körper. Bei den Herren runde Bäuche, die vom erlebten Genuss berichten; bei den Damen sorgt vor allem Mimì für Verwirrung. Da steht auf der Bühne eine vor Leben strotzende Person mit einer unwirklich wirkenden Perücke, der man die Augen mit zerlaufendem Make-up bemalt hat, damit wenigstens irgendetwas zu sehen ist. Nichts ist zu sehen von der zarten, zerbrechlichen Gestalt einer Schwindsüchtigen, die zunehmend verfällt. Man muss als Zuschauer schon sehr viel Fantasie aufbringen, um zu verstehen, was hier eigentlich vor sich gehen soll.

Stimmlich, so weit hörbar, ist der Abend ein Genuss. Einer Emily Newton, hier als Mimì, zuzuhören, ist ohnehin stets große Freude. Und sie stirbt so schön. Andromahi Raptis steht ihr in nichts nach, darf als Musetta nur ein wenig mehr von ihrer Spielfreude zeigen. Arthur Espiritu lässt in der Rolle des Rodolfo einen lupenreinen Tenor erklingen, während Bariton Sangmin Lee einen hervorragenden Marcello zum Besten gibt. Wonyong Kang in der Rolle des Schaunard, Nicolai Karnolsky als Colline, Dariusz Siedlik mit seinem Alcindoro und Suren Manukyan als Benoît unterstützen gekonnt das sängerische Geschehen. In der Einstudierung von Tarmo Vaask zeigen sich der Chor des Staatstheaters und der Jugendchor des Lehrergesangsvereins Nürnberg stimmlich von ihrer besten Seite und beleben spielfreudig die Szenerie, soweit die Regie das zulässt.
Die Staatsphilharmonie Nürnberg spielt genau das, was ihr angezeigt wird. Über weite Strecken ist das viel zu viel. Ohne Rücksicht auf Verluste lässt Lutz de Veer am Pult die Stimmen zudecken. Das ist umso erstaunlicher, als der Dirigent die Menschen auf der Bühne stets im Blick hat und mit deutlicher Geste führt. So hört man viel Orchester, aber wenig Puccini. Immerhin werden die großen Arien mitgetragen. Da darf man sich im Gesamtergebnis freuen, an diesem Abend dabei gewesen zu sein.
Findet auch das Publikum, das sich intensiv bei Sängern und Orchester bedankt, zur Pause schon mal auch umfangreich die Akteure feiert und die Arien ausgiebig würdigt. Für die Erstbesucher eines Opernabends wird das sicher eine denkwürdige Erinnerung bleiben.
Michael S. Zerban