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I LOVE YOU, TURKEY
(Ceren Ercan)
Besuch am
12. Dezember 2019
(Premiere am 5. Oktober 2019)
Seit vielen Jahren werden zahlreiche gesellschaftliche Gruppen zu ‚Unerwünschten‘ erklärt. Da diese Menschen ihr Alltagsleben unter diesen Umständen nicht mehr wie gewohnt fortsetzen können, verlassen sie entweder das Land sang- und klanglos, oder sie leben weiterhin in der Türkei. Dabei leidet aber ihr Zugehörigkeitsgefühl.“ Sagt Ceren Ercan über die inneren Befindlichkeiten vor allem der Jugend in der Türkei. Mit Sicherheit bewirken die seit Jahren zunehmenden Repressionen im Land ja nicht nur prinzipielle Existenzängste, sondern auch einen grundlegenden Bewusstseinswandel, der der Gesellschaft vor allem in Zukunft erheblichen Schaden zufügen wird. In dem Sinne, dass freiheitliche Werte verlorengehen, die in Jahrzehnten nicht wieder aufgebaut werden können. Und damit erübrigt sich die Frage, was das Ganze denn eigentlich mit Deutschland zu tun hat.
Ercan hat über die desolate Situation in der Türkei ein Stück geschrieben, das nicht nur Missstände aufzeigt, sondern gleichzeitig eine Liebeserklärung an ihr Land ist. I love you, Turkey!, so der Titel des Werks, ist ein Stück über die Verunsicherung der jungen Generation, das in den Kammerspielen des Staatstheaters Nürnberg zur deutschen Erstaufführung kommt. Dazu schafft die Autorin eine Ausgangssituation, wie wir sie bereits aus Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre kennen. Nur, dass es sich bei Ercan um einen Waschsalon handelt. Hier treffen aufeinander: ein schwuler Radiomoderator, eine Übersetzerin, die sich bereits seit 92 Tagen aus Protest nicht mehr gewaschen hat, eine Journalistin im Mutterschutz, eine Sängerin und ein leitender Angestellter. Bei allen ist zuhause das Wasser abgestellt, ob staatliche Repression oder Ausdruck der verfallenden wirtschaftlichen und sozialen Situation, erfährt der Zuschauer nicht.

Dass es hier um Reinigung und Selbstreinigung, Klarheit und Automatismen geht, wird ihm beim Anblick des Bühnenbildes allerdings rasch klar. In einem weißgekachelten Guckkasten sind an der Rückwand vier auf fünf Waschmaschinen aufgestellt. Links vom Guckkasten ist eine weitere Spielstation aufgebaut, von der aus die inzwischen offenbar unvermeidliche YouTube-Show gezeigt wird. Dahinter wie auf der rechten Seite hängt jeweils ein Monitor, auf dem unter anderem türkische Übertitel gezeigt werden. Sehr lobenswert: Auch das Programmheft ist zweisprachig angelegt.
Erst später wird klar, dass Lydia Merkel hier eine Drehbühne eingerichtet hat, auf deren Rückseite noch Platz für eine Bar ist. Anna Maria Schories steckt die Darsteller in heutige, westeuropäische Kostüme und vermeidet damit die üblichen Klischees. Auch Regisseurin Selen Kara bemüht sich, Stereotype zu vermeiden. Neben einer lebhaften und raumfüllenden Personenführung die beste Voraussetzung für einen aufregenden Abend.
Süheyla Únlü, Lisa Mies, Lea Sophie Salfeld, Amadeus Köhli und Nicolas Frederick Djuren sorgen textsicher und charakterstark für einen wirklich großen Abend, der nicht nur die Ereignisse auf dem Taksim-Platz und die Istiklai-Straße reflektiert, sondern auch über eine darüber hinaus gehende Idee reflektiert.
Während Vera Mohrs Klaviermusik von der Festplatte einspielt, die auch auf der Bühne vorstellbar wäre, schwanken die Schauspieler zwischen der Angst vor den Repressalien des Staates, dem Wunsch, das Land zu verlassen und dem festen Willen, daran mitzuarbeiten, dass ihre Heimat einmal weltoffener sein wird.
Das Publikum in den gut besuchten Kammerspielen applaudiert nicht nur den Darstellern für die überzeugende Leistung, sondern auch einem Stück, das zu weiteren Diskussionen anregt.
Michael S. Zerban