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TORSO MODI
(Diverse Komponisten)
Besuch am
16. Dezember 2019
(Einmalige Aufführung)
Aus Sicht der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen gibt es Grund zu feiern. Sie wird heuer 30 Jahre alt. Deshalb hat sie sich in diesem Jahr nicht darauf beschränkt, Förderanträge aus allen Kunstsparten zu bewilligen, sondern einmal selbst Arbeiten in Auftrag gegeben. Im Bereich Musik wurden deshalb vier ungarische Komponisten beauftragt, Streichquartette zu komponieren. Ungarische Tonkünstler? Es gibt also in dem Bundesland keine vier Komponisten, die Streichquartette schreiben können? Als das auffiel, waren die Aufträge offenbar schon raus, also entschieden sich die Verantwortlichen, die Aufführungen der Streichquartette mit einer Tanzaufführung zu kombinieren. Selbstverständlich mit einer Choreografin aus NRW. Die Wahl fiel auf Stephanie Thiersch, hat sie doch in jüngster Vergangenheit schon erfolgreich mit dem Asasello-Quartett zusammengearbeitet, das für die Umsetzung der Kompositionen vorgesehen ist. Die Kölner Choreografin sollte zusammen mit der Company Bodhi Project irgendetwas erarbeiten, das zu den Kompositionen passt.
Also wird – ungewöhnlich für eine Jubiläumsfeier – eine Art Geheimtreffen vereinbart. Rund 40 Gäste werden zum Haus für Musiker auf der Raketenstation Hombroich im Kreis Neuss eingeladen. Man muss sich das so vorstellen: Eine Adresse für das Navigationssystem gibt es nicht. Es erfordert schon einiges Geschick, das Gebäude in der Dunkelheit irgendwo auf dem Land zu finden. Und wer das findet, bekommt in der Betonarchitektur Hinweise darauf, wie er in den Keller gelangt, wo eine Art Betonwanne für Konzerte geschaffen wurde. So etwas wie ein Geheim-Luxusdomizil für Kunst. Gewärmter Sichtbeton in Arena-Form für ein großes Ereignis.

Das Asasello-Quartett ist mittlerweile geübt im Umgang mit den Ideen von Stephanie Thiersch und sitzt entsprechend gelassen inmitten von sechs Tänzern des Bodhi-Projekts, die sich in der Wolle von Lauren Steel verkriechen, alle in schwarz gekleidet. Auch die Musiker, ebenfalls in schwarz gekleidet, sind mit den Wollknäueln Steels „verziert“. Die kunstvoll geknoteten, bunten Knäuel werden während der gesamten Aufführung immer wieder einbezogen.
Thiersch lässt die vier Tänzerinnen und zwei Tänzer zunächst immer wieder zu Skulpturen erstarren, die ihre Partner in vorgeformten Haltungen aufnehmen. Ein überraschender Effekt, der neuerdings häufiger in Choreografien auftaucht und gewissermaßen als Umkehrschluss sehr interessant wirkt. Legen die Tänzer zunächst ihre Bewegungen noch in die Spielpausen, verquicken Tanz und Musik zunehmend. Zwischenzeitlich treten die Tänzer auch in direkten Dialog mit den Musikern. Die Körpersprache wird zunehmend gruppendynamischer. Bis hin zu geradezu akrobatischen Übungen, bei denen auch die Wände miteinbezogen werden.
So gelungen die Choreografie auch Musik und Tanz miteinander verstrickt, fällt es mitunter schwer, das Werk ganzheitlich zu betrachten. Rostislav Kozhevnikov, Barbara Streil, Justyna Sliwa und Teemu Myöhänen vom Asasello-Quartett ziehen sich zwischenzeitlich auf die „Empore“ hinter eine halbhohe Mauer zurück und geraten dadurch schon visuell in den Hintergrund. Da wird aus der Musik genau das, was vermieden werden sollte: Hintergrundmusik. Ärgerlicher ist allerdings, dass der Zuschauer mit seinen Eindrücken orientierungslos gelassen wird. Welche Uraufführung die Musiker da gerade spielen, kann er nicht einmal erahnen, zumal die Reihenfolge der Stücke nicht mit dem dürftigen Abendzettel übereinstimmt und kurze Stücke von Györgi Ligeti eingefügt werden, die gar nicht erst im Programm auftauchen. Allenfalls die Standortwechsel des Streichquartetts sorgen für eine gewisse Struktur.

Nach einem kurzen Intro von Ligeti wird Dadamusik – Hommage à Kurt Schwitters & his Ursonate von Máté Balogh aufgeführt. Der 29-jährige Assistenz-Professor von der Franz-Liszt-Akademie in Budapest lässt die Musiker auf ihren Instrumenten Klänge erzeugen, die möglichst weit entfernt vom eigentlichen Zweck der Streichinstrumente sein sollen, so scheint es. Zwischendurch darf auch mal geschrien werden. Gut, kann man machen, auch wenn es seinen Grund hat, dass der Dadaismus eigentlich nur noch als geschichtliches Phänomen eine Rolle spielt. Warum der Geiger und Bratschist Péter Tornyai, ebenfalls Lehrer an der Budapester Akademie, sein Stück Weitere intime Briefe nennt, bleibt im Verborgenen. Jedenfalls scheinen es, den Klängen nach zu urteilen, recht dünne und auch kurze Briefe zu sein. Nach rund zehn Minuten ist das Stück beendet. Ombres densément tissées – dicht gewebte Schatten – nennt die 40-jährige Pianistin und Komponistin Judit Varga ihr rund 15-minütiges Werk, das im Gesamtgeschehen daran erinnert, dass Streichquartette auch zum Zusammenspiel in einer größeren Klangfülle in der Lage sind. Und damit an diesem Abend eigentlich den stärksten Eindruck hinterlässt. Ein weiteres Ligeti-Intermezzo führt schließlich zur letzten Uraufführung. Arpád Solti ist von Hause aus Perkussionist und lehrt ebenfalls an der Musikakademie in Budapest. Auch sein Stück A1313A kommt mit rund zehn Minuten aus.
So entsteht ein kurzweiliger, knapp einstündiger Abend, dem das Publikum gefälligen Applaus schenkt. In seiner Eröffnungsrede weist Csaba Kézér, Experte für Musik/Musiktheater bei der Kunststiftung NRW, darauf hin, dass es sich bei dem Abend um eine erste Kooperation mit Ungarn handele, die ausgebaut werden solle und somit als work in progress zu betrachten sei. Warum eine Zusammenarbeit zwischen Ungarn und Nordrhein-Westfalen besonders erstrebenswert ist, erschließt er nicht. Das Musikalische allerdings erlaubt noch viel Luft nach oben.
Michael S. Zerban