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Rausch der Freiheit

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
17. Dezember 2019
(Premiere am 30. November 2018

 

Oper Leipzig

George Bizets Carmen funktio­niert auf den Bühnen der Welt verlässlich als Applaus-Oper, ein Garant für Zuspruch und Begeis­terung, so auch in der Oper Leipzig. Von Carmens Habanera Prés des reamparts de Séville chez mon ami Lillas Pastia im ersten Akt bis zu Escamillos Toréador, en grande! im dritten Akt steht Bizets Carmen in der Erwartung des Publikums, die Lieder zu hören, die im Laufe der Zeit zu Gassen­hauern geworden sind.

Letztlich kapitu­lieren selbst Insze­nie­rungen, die versuchen, die Ernst­haf­tigkeit der Kompo­sition zu behaupten, vor dem auf Wieder­erkennung wartenden Teil der Opern­be­sucher. Dem entgeht auch die Insze­nierung von Lindy Hume in Leipzig nicht. Ihre im Programmheft  mit feminis­ti­schem Under­statement formu­lierte Überzeugung – „Carmen ist eine Oper, die sich ganz den Frauen widmet … die eine Heldin für viele Frauen sein könnte … und nicht nur eine maskuline Fantasie“ – kann den optimis­ti­schen Konjunktiv nicht wirklich in einen überzeu­genden Indikativ auflösen. Die Insze­nierung will program­ma­tisch mehr, als sie anbietet.

Das klischierte Abziehbild von erotisch wilden, freiheitlich räube­ri­schen Zigeunern verflüchtigt sich auch dann nicht, wenn sich das Programmheft dazu verpflichtet fühlt, die Political Correctness mit der Autorität der Litera­tur­no­bel­preis­trä­gerin Herta Müller zu betonen. Erschreckte Carmen als Typ unabhängige Frau zu Zeiten der Urauf­führung die bürger­liche Welt ausgangs des 19. Jahrhun­derts, ist dieser Skandalon längst verpufft. In einer heute sich selbst als aufge­klärt verste­henden, gender­ge­rechten Welt ist die unabhängige, selbst­be­wusste Frau jedoch noch immer keine gesell­schaft­liche Selbstverständlichkeit.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Humes drama­tur­gische Konzeption kontras­tiert zwei gegen­ein­ander gestellte Bühnen­pro­spekte. In der von Dan Potra gebauten Bühne ragt links eine wellen­förmig geschwungene, nach unten geneigte Kubatur mit einer Abriss­kante, auf die von Zeit zu Zeit das Bild eines mythisch anmutenden Frieses von Liebenden proji­ziert wird. Auf der Gegen­seite ein geome­trisch exakter Quader. An den unteren Rändern blutrot bemalt, Lust und Tod imagi­nierend, werden die Bauten szenisch absichtsvoll bewegt. Der Raum zwischen ihnen verkleinert, respektive verdichtet sich. Das Chaos der Liebe versus häusliche Ordnung.

Die eigentlich minima­lis­tische Konstruktion überzeugt dort, wo sie der Insze­nie­rungsidee ein archi­tek­to­ni­sches Bild gibt. Als Don José am Ende des zweiten Akts gewillt ist, seine Ordnungswelt hinter sich zu lassen, mit Carmen ins freie Ungewisse zu fliehen, bewegt sich der Quader als Ordnungs­platz­halter zur Mitte. Halb noch in der alten Welt, halb schon in der neuen. Umkehr mit dem Ordnungsruf der Trompete übersetzt die Szene eindrücklich.

Anderer­seits ist der laut vernehm­liche Aufbau von metal­lenen Gittern zu Beginn in seiner Sinnhaf­tigkeit nicht nachvoll­ziehbar. Er passt aller­dings zu dem unruhigen Auftakt insgesamt. Licht aus im Parkett, Licht an auf der Bühne. Der Chor – Soldaten und Arbei­te­rinnen der Zigar­ren­fabrik – kommen zum Bühnenrand. Im Parkett wird das Licht wieder angeknipst. Die Choristen schauen stumm posierend ins Publikum. Schein­werfer schwenken blendend über dem Chor.

Die fulminant kompo­nierte Ouvertüre beendet das bedeu­tungs­schwangere Vorspiel. Was da aus dem Orches­ter­graben aller­dings zu hören ist, klingt mehrtönig zerfasert, als wären die Musiker des Gewand­haus­or­chesters noch im Findungs­modus. Matthias Formney findet im Laufe der Aufführung einen strin­gen­teren Zugriff auf die musik­dra­ma­tische Gestaltung ohne wirkliche Überzeu­gungs­kraft. Tempi, Betonungen und Akzen­tu­ie­rungen bleiben häufig im Ungefähren.

Chor und Kinderchor der Oper Leipzig, von Thomas Eitler-de Lint und Sophie Bauer szenisch kompa­tibel einge­stellt, spielen engagiert, sichtbar mit Lust. Warum die Regie den Opernchor in einzelnen Szenen statua­risch aufstellt, die novel­lis­tische Erzählung von Prosper Mérimée nach dem Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy damit entschleunigt, bleibt ihr Geheimnis.

Kathrin Göring, erotisch tempe­riert mit rot gewirktem Zopf, gibt sänge­risch und spiele­risch mit aufge­helltem, gleichwohl auch dunkel raunendem Mezzo­sopran eine Carmen, die lebt und liebt, allein, wie sie es für richtig hält. Von Matthew Marshall ist sie wirkungsvoll ins Licht gesetzt, wenn ihr übergroßer Schatten Don José winzig klein erscheinen lässt.

Selbst im Angesicht des verzweifelt mit einer drohend geschwenkten Pistole Liebe erbet­telnden Don José beharrt sie auf ihre Unabhän­gigkeit. „Jamais Carmen ne cédera! Libre elle est née et libre elle mourra!“ singt sie im vierten Akt Don José ins Verderben und sich in die tödliche Freiheit.

Foto © Kirsten Nijhof

Wenige Tage nach seiner Rolle des Dick Johnson in La Fanciulla del West ist Gaston Rivero wieder in einer Rolle als Helden­tenor zu erleben. Er charak­te­ri­siert den liebes­ver­wirrten, von Carmen zum Deser­tieren verführten Don José als einen labilen Typ. Und er verwandelt sich von einem ordent­lichen Soldaten und seiner Mutter in Ehrfurcht zugeneigten Sohn zu einem Mörder aus Unfähigkeit. Unfähig zu lieben, unfähig zu tolerieren, unfähig zu akzep­tieren, unfähig zu reflek­tieren. Ein Desaster seines Selbst, das angesichts des eindeutig behaup­teten Machismo von Escamillo – der stolze Mann als Torero und Liebhaber – nur umso deutlicher offenbar wird, verkleinert und zerkleinert in seiner falsch verstan­denen Liebesbehauptung.

Riveros Inter­pre­tation punktet mit einem kraftvoll intonie­renden Tenor in den Mittel­lagen. Die Höhen klingen mitunter überspitzt scharf­kantig. Weniger Vibrato wäre angesichts der anstren­genden Rolle insgesamt an so manchen Stellen mehr.

Don Josés Gegen­spieler Escamillo hat die Macho-Pose von Leiden­schaft und Lust, die jenem fehlt: „Soit! On paiera!“ Gezim Myshketa kann diesem Selbst­ver­ständnis als Sänger nur teilweise entsprechen. Prachtvoll von Don Porta mit pelzbe­setztem Mantel kostü­miert, fehlt seinem Bariton vor allem in den Höhen eine überzeu­gende Torrero-Grandezza, wie Pablo Picasso sie in seinen grafi­schen Blättern litho­gra­fiert hat.

Der in vielen Carmen-Insze­nie­rungen eher defensiv angelegten Rolle der Micaéla räumt Hume einen konzen­trierten, die Aufmerk­samkeit beim Publikum erhöhenden Platz ein. Magdalena Hinterd­obler gestaltet mit großartig unmit­tel­barer Gesangs­kultur. Die Reinheit ihres frühlings­frisch abgerun­deten, enigma­tisch vibrie­renden Soprans nimmt allein mit ihrem Gesang die Zuhörer trance­artig gefangen.

Ihre Erzählung, später als mahnender Hilferuf „Vede la madre lì, lei lo richiama”, zählt zu den weniger spekta­ku­lären, setzt, mit Rivero im Duett gesungen, aber einen unbedingten Höhepunkt der Inszenierung.

Carmens Tod, spekta­kulär mit Pistole, Kopfschuss und blutender Lache an der schäbigen Rückseite der Stier­kampf­arena bebildert, gilt Hume als drastische Behauptung der Unabhän­gigkeit und Freiheit von Frauen. Das Berau­schendste: Die Freiheit. Aber sie bleibt auch in der offenen, demokra­ti­schen Gesell­schaft immer noch eine gefährdete. Nicht nur für die Frauen.

Freund­licher Beifall, der neben Göring und Rivero besonders bemerkbar, vollständig zu Recht auch Hinterd­obler gilt.

Peter E. Rytz

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