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THE TURN OF THE SCREW
(Benjamin Britten)
Besuch am
20. Dezember 2019
(Premiere am 9. November 2019)
Das größte Grauen liegt in dem, was man nicht sieht, sondern nur ahnt. Nein, damit ist nicht die Stadt Freiburg im Breisgau oder gar das hiesige Stadttheater gemeint, vielmehr geht es um den Reiz von Gruselgeschichten. Und eine der schönsten, die es für die Opernbühne gibt, wurde im Jahr 1954 uraufgeführt. Die filigrane, zeitlose Musik, deren Glanz zu erzeugen sicher zum Edelsten gehört, was sich ein Orchester auf die Fahnen schreiben kann, stammt von Benjamin Britten, das Libretto hat Myfanwy Piper auf der Grundlage von Henry James‘ Novelle geschrieben, die der Oper dann auch den Namen gab: The Turn of the Screw – zu Deutsch etwa das Drehen der Schraube.
Dreizehn Musiker mit ihrem Dirigenten, sechs Sängerdarsteller – vielmehr braucht es nicht, um die Kammeroper auf die Bühne zu bringen. In der Theorie. In der Praxis ist der Teufel ein Eichhörnchen und springt von Baum zu Baum. Gelingt dem Regisseur nicht, die innere Spannung, die der Handlung innewohnt, auf die Bühne zu bringen, werden sich die übrigen Zutaten kaum entfalten. Routine darf sich bei den Musikern nicht einstellen. Dann ist sofort jener zauberhafte Glanz entschwunden, der so viel zur Wirkung der Oper beiträgt. Die Rollenansprüche sind vor allem gesanglich extrem hoch, und darüber hinaus werden auch noch zwei Kinder gebraucht, die den ganzen Abend über auf der Bühne sind. Nicht zuletzt ist auch die Größe der Spielstätte zu überlegen. Höchstens sechs Personen auf einer großen Bühne: Da ist schnell Schwund angesagt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Intendant Peter Carp, der diese Herausforderung als Regisseur annimmt, lässt das Stück auf der großen Bühne spielen. Das ist tatsächlich nötig, um Kaspar Zwimpfers Idee vom Bühnenbild umzusetzen. Große Aufbauten und ein Baum werden im schnellen Wechsel im Hintergrund der Bühne gedreht. Überall stehen Leitern herum oder sind Treppen eingebaut, die ins Nichts oder zumindest in die Unbestimmtheit führen. Davor entsteht ein hervorragender akustischer Raum, der seitlich mit Sofas begrenzt und in der Bühnenmitte mit wechselnden Accessoires belegt wird. Das Ganze ist im Stil des englischen Landhauses um 1900 herum entstanden, und auch die Kostüme von Gabriele Rupprecht könnten dieser Zeit entstammen. Dorothee Hoff hat sich mit dem Licht unglaubliche Mühe gegeben. Grandios, was da alles detailliert ausgeleuchtet wird – oder auch im Halbdunkel bleibt. Dass sie ganz zu Anfang die Zuschauer mit grellem Scheinwerfer blendet, ist bei ihrer Feinarbeit, mit der sie die Entwicklung vorantreibt, rasch vergessen. Auch Carp lässt sich mit Regieeinfällen nicht lumpen. Wie er nuancenreich den Verfall der Gesellschaft mit unendlicher Detailfreude entwickelt, lässt neben dem ständig zunehmenden Unwohlsein ob dem, was auf der Bühne vor sich geht, immer wieder auch Freude entstehen. Ein Blumenstrauß, der bei Berührung mal eben so teilweise zu Staub zerfällt, von den Zuschauern kaum bemerkt, ist ein Beispiel von vielen, von welchem Format der Regie-Arbeit hier zu sprechen ist. Ein kleiner Makel ist eigentlich gut gemeint. Da werden die Kinder beschützend hingestellt, um ihnen zum Gesang nicht auch noch die darstellerische Arbeit zuzumuten. Das wirkt bei den beiden ziemlich überflüssig. Ansonsten zeigt Theaterregisseur Carp in jeder Szene, wie man Musiktheater so auf die Bühne bringt, dass die Regie das Gesamtkunstwerk Oper mit entstehen lässt.

Hilfreich ist natürlich, wenn man bei solchem Aufwand über ein entsprechendes Ensemble verfügt, dass die Bemühungen mitträgt. Und Intendant Carp kann stolz auf seine Sänger sein. Ist er auch, wie er unumwunden zugibt. Die Stimmen sind überwältigend. Wirkt Joshua Kohl als Erzähler rollenbedingt noch kaum überzeugend, darf er seine Stärken als Peter Quint voll ausspielen und begeistert stimmlich wie darstellerisch. Judith Braun intoniert Ms Grose tadellos, und ihrem Habitus zufolge möchte man die Haushälterin gleich einstellen. Solch gutes Personal findet man eben selten. Die Gefühlseinbrüche und Gewissensbisse, die zunehmende Hilflosigkeit der Gouvernante verkörpert Solen Manguené überzeugend intensiv. Die großen stimmlichen Anforderungen der Rolle hat sie eher nebenbei im Griff, und beim Piano am Ende vergessen die Zuschauer im Saal das Atmen. Ebenso anspruchsvoll, wenn auch in der kleineren Rolle, zeigt sich Inga Schäfer als höchst attraktive Miss Jessel. Bei dieser Stimme allerdings geriete die Körperlichkeit schnell in Vergessenheit, wenn Carp nicht auch mit diesem Pfund wucherte und der toten Gouvernante viel Erotik mitgibt. Die Professionalität der Berufssänger wird allerdings von den Kindern noch überboten. Britten hat sich bei den Anforderungen an die Kinder nicht zurückgehalten. Aber Thomas Heinen als Miles und Katharina Bierweiler als Flora lassen sich davon nicht beeindrucken und singen makellos, was sie neben ihrem Schülerleben eingeübt haben. Der einzige Kinderbonus kommt, wie gesagt, von Carp, der die beiden zum Stillstand beim Singen verdonnert. Einfach grandios, was es an diesem Abend auf die Ohren gibt.
Eben, was die Sänger angeht. Beim Orchester der Freiburgischen Philharmoniker gibt es kleinere Abstriche, die Dirigent Gerhard Markson nur teilweise zu verantworten hat. Der hat zwar die Sänger auf der Bühne unterstützend im Blick, aber nicht immer gelingt es ihm, das sensible Gleichgewicht zwischen Bühne und halb hochgezogenem Graben herzustellen. Da werden nicht immer alle Mittel ausgeschöpft, die die Partitur Brittens anbietet. Das würde man sich aber auch in einer Folgevorstellung wünschen.
Der Dank des Publikums fällt trotzdem groß und warmherzig aus. Eines Publikums übrigens, dass auch an diesem Abend den Saal fast vollständig füllt. Das deckt sich mit der Aussage Carps, das Theater sei inzwischen über die Erwartungen hinaus gut angenommen. „Und dabei kommen die großen Publikumsnummern ja erst noch“, freut der Intendant sich. Silvester feiert das Theater mit Falstaff. Dann werden auch Inga Schäfer und Joshua Kohl wieder zu erleben sein. Als Gast wird Bariton Jiří Rajniš die Rolle des Ford übernehmen.
Michael S. Zerban