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FIDELIO
(Ludwig van Beethoven)
Besuch am
4. Januar 2020
(Premiere am 1. Januar 2020)
Wenige Minuten vor Vorstellungsbeginn schaut der Besucher in eine Art Werkstatt. Der Vorhang ist geöffnet. Die Szene wirkt völlig unfertig, jedenfalls irritierend. Requisiten, Stühle, Kameragestelle werden in ihre Positionen geschoben. Stimmengewirr, Regieanweisungen von allen Seiten. Ein „Kommando Beethoven“ wird auf einem überdimensionalen Screen angekündigt. Das Konzept des Theaters Bonn, dank des Inszenierungsteams um Regisseur Volker Lösch „mit Beethoven über Beethoven hinaus gehen“ und den Fidelio „mit aktuellen Geschichten von politischen Gefangenen in der Türkei und deren Angehörigen aufladen“ zu wollen, wird mit einem Schlage konkret, unheimlich, schon früh bedrohlich. Früh ist klar: Das „viel Spaß“, das der freundliche junge Kartenabreißer am Eingang gewünscht hat, kann nicht ernst gemeint sein.
Die Rezeptionsgeschichte von Beethovens Rettungs- und Befreiungsoper kennt zahlreiche Instrumentalisierungen gegen Repression und Willkür. Erinnert sei an Inszenierungen in der DDR in der Umbruchzeit vor und nach 1989. Verständliche, willkommene Konkretionen der unbedingten Freiheitsidee, die Beethoven im Ringen um eine finale, seiner Idee würdige Fassung mehr als eineinhalb Jahrzehnte beherrscht und beschäftigt hat. Doch dieser Fidelio, die erste Operninszenierung des Bonner Theaters im Jahr des Beethoven-Jubiläums, sprengt dann doch alle Konventionen einer politisch intendierten Inszenierung. Die Kunst wird zum Tribunal, zu einem Tribunal der rigorosen Anklage gegen Unterdrückung und Verfolgung der Kurden in der Türkei unter Erdogan. Vergleichbar der der Armenier im vergangenen Jahrhundert, an die gleich mehrfach erinnert wird.
Schon zur Ouvertüre zeichnen Videosequenzen im Stil von breaking news die Abgründe eines Polizei- und Militärstaats, in dem die auf ihrer Identität beharrenden Kurden in Gefängnissen festgehalten und alle zu „Terroristen“ erklärt werden, die sich dem Erdogan-System widersetzen. Es sind Bilder vom Putsch des Jahres 2016 mit der brutalen Verfolgung von Oppositionellen. Bilder aus dem Norden Syriens von der Auslöschung kurdischer Familien durch Bomben und Raketen. Bilder immer wieder von Stacheldraht und unüberwindbaren Mauern, hinter denen Unliebsame und Andersdenkende verschwinden, oft ohne Anklage und Urteil. Eingestreut gibt es Videoschnipsel von Treffen der deutschen Bundeskanzlerin mit dem türkischen Präsidenten, unterlegt mit Informationen zum bilateralen Flüchtlingsabkommen und der Drohung Erdogans, das bei allzu viel Widerstand gegen seine Politik platzen zu lassen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Doch diese Bilder sind weitaus mehr als ein ungewöhnlicher Blickfang. Lösch, der ausgewiesene Schauspielregisseur, unter anderem dem Bonner Theaterpublikum mit Bonnopoly von 2017 ein Begriff, geht weitere Schritte, die Kunst, die Oper in ihren Ausdrucksformen seinem ethischen, scheinbar durch Beethovens moralischen Rigorismus gerechtfertigt, unterzuordnen. Der Zweck, so Löschs Credo, möge die Mittel heilen. Legitim?
Das Libretto von Joseph Sonnleithner und Georg Friedrich Treitschke nach Jean Nicolas Bouillys Text für Piere Gaveauxs Oper Léonore ou l´amour conjugale ist vor allem sprachlich unausgereift und platt. Regisseure pflegen sich aus dieser Klemme häufig durch glatte Streichung der Sprechszenen in Beethovens Nummernoper zu befreien, zuletzt etwa Claus Guth in Salzburg 2015, der die Worte durch Geräusche ersetzt. In Bonn zieht Lösch bei weitgehender Eliminierung der Zwischentexte eine komplette zusätzliche dramaturgische Ebene ein, Dialog- und Spielszenen von Angehörigen und Zeitzeugen unter Anleitung eines Regisseurs, den Matthias Kelle verkörpert. Hakan Akay, Doğan Akhanli, Süleyman Demirtaş, Agît Keser und Dîlan Yazıcıoğlu sind diese Zeitzeugen, deren Schilderungen von Folter und Verfolgung die Schrecken der Bilder noch einmal steigern, weil sie ihre persönlichen Schicksale erzählen. Die sind mit denen von Ahmet Altan, Hozan Canê, Gönül Örs, Soydan Akay und Selahattin Demirtaş verknüpft, deren Freilassung am Ende der Aufführung auch auf Plakaten verlangt wird. So ist Demirtaş, der Zeuge auf der Bühne, der Bruder Selahattins, des früheren Vorsitzenden der prokurdischen HDP, der wegen angeblicher Terrorunterstützung seit über drei Jahren inhaftiert ist. Zu Unrecht, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte geurteilt hat.
Sitzen die Zeitzeugen zumeist seitlich um einen Tisch, ist das Geschehen der Oper in eine laufende Filmproduktion eingepasst. Beethoven am Set sozusagen. Parallel zum Entstehen einer Dokumentation über Erdogan läuft der „Film“ dieses Fidelio ab, dessen Dreh in der Green-Box-Technik von mehreren Kamerateams bewerkstelligt wird. In diesem surrealen Szenario agieren die Sängerdarsteller vor einer grünen Wand, was ihre Integration in beliebiger Verfremdung in die Filmproduktion ermöglicht, die die Besucher über den Großscreen erleben. Die Bühne hat Carola Reuther gebaut, die Kostüme Alissa Kolbusch entwickelt. So mutiert Martina Welschenbach in der Doppelrolle von Leonore und Fidelio, an Seilen festgemacht, zu einer Jeanne d´Arc der Lüfte, die mit der bloßen Faust Gefängnismauern einreißt. Allein dafür hat sie die Uniform des Justizvollzugs gegen ein rotes Abendkleid getauscht. So wandelt sich die Elendsgestalt des Florestan, dargestellt von Thomas Mohr, noch entschiedener zur Ikone des geschundenen Menschen. So denaturiert der von Marco Medved vorzügliche vorbereitete Gefangenenchor auf ergreifende Weise zu einem Heer entmenschlichter Wesen. Und so verwandelt sich Don Pizarro, von Mark Morouse mit markanter Baritonstimme profiliert, in eine verblüffende Parodie Erdogans.

Hat bei Lösch das Visuelle, das Protokoll das Sagen, bleibt der Musik wenig Raum. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass das Beethoven-Orchester Bonn (BOB) nach der Ouvertüre von der Augenhöhe zur Bühne in den Graben abgesenkt wird. In einer der zahlreichen Filmszenen überrollt ein Panzer einen hoffentlich unbesetzten Kleinwagen mit seiner Urgewalt. Ganz ähnlich überrollt der Regisseur die Musik, deren Belange häufig glatt ignorierend. Ein Beispiel ist der Marsch im ersten Akt, zu dem Pizarro durch das Haupttor das Staatsgefängnis betritt. Eine Atempause für das Publikum, sich auf die neue Situation einzustellen. Hier wird er schonungslos von den Debatten der Zeitzeugen zugedeckt. Dirigent Dirk Kaftan, Generalmusikdirektor Bonns und des BOB, hält mit seinen sehr gut eingestellten Musikern – gegeben wird die finale Fassung von 1814 – nicht nur mit, sondern an manchen Stellen auch bewusst dagegen. Er forciert wann immer möglich die Tempi, motiviert die Orchestertutti in den elegischen wie den sinfonischen Phasen zu einem Beethoven-Klangbild, das man gerade bei diesem Orchester unbewusst sucht. Wohltuend fallen Stärken der Einzelinstrumente wie Oboe und Trompete, kaum deren wenige Schwächen wie beim Horn ins Gewicht. Wie eine Ehrenrettung und Ausdruck eines schlechten Regiegewissens wirkt die Tatsache, dass das BOB schlussendlich wieder in die Position des Beginns hochgefahren wird. Prima la musica? Der Musik gehört dann die Bühne, was großartig mit dem triumphierenden Finale korrespondiert, das Beethovens Schlussapotheose in seiner Neunten Sinfonie vorwegzunehmen scheint.
Um das Sängerensemble muss es dem Publikum fast schon leidtun. Karl-Heinz Lehner als Kerkermeister Rocco, der seinen sängerischen Part achtbar leistet, wird als simpler Opportunist gezeichnet, Marie Heeschen als seine Tochter Marzelline als blondes Dummchen, das in jede Castingshow passte. Zumindest singt sie mit lebendiger Frische und sanguinem Frohsinn. Kieran Carrel macht als Jaquino eine passable, Martin Tzonev als Don Fernando eine stattliche Figur. Mohr ist als Florestan selten auf der schaurig-schönen tenoralen Höhe, die diese Rolle so unvergleichlich wie schwierig macht. Dafür ist die Leonore der Welschenbach, derzeit auch Bonns Marschallin im Rosenkavalier, in Gestus und Stimme der Gewinn dieser Produktion. Als liebendes Paar, das für einander in den Tod zu gehen bereit ist, haben beide indes auf dieser Bühne keine Chance. Bleibt doch bei Lösch Beethovens zentrales programmatisches Anliegen, die – traditionell formuliert – elementare Idee der Gattenliebe auf der Strecke. Übrigens auch bildlich manifestiert. Im bewegenden Duett O namenlose Freude verharren beide ohne Körperkontakt. Dabei – ein Irrwitz dieser Inszenierung – machen ja die eingebauten Dialog- und Spielszenen der Zeitzeugen fundamental bewusst, wie relevant die unmittelbare, auch physische Solidarität der Menschen in der Not ist. Die Empathie der Angehörigen draußen, mit denen da drinnen, den Weggesperrten.
Lösch – ein Fazit – will viel, sehr viel. Leider findet sein ethisch überhöhtes Tribunal im falschen Haus statt, eben nicht auf einer Bühne für Sprechtheater, wo es hervorragend aufgehoben wäre. Die Verlockung für einen Regisseur, der sich als ausgesprochen politischer Künstler versteht, ist offenkundig groß – auch mit Blick auf die größere Aufmerksamkeit, die die Bonner Oper im Jahr von Beethoven 2020 erwarten darf. Das Publikum, eher zögerlich beim Szenenapplaus zuvor, braucht keine zwei Minuten, bis sich der Großteil der Besucher im ausverkauften Haus von seinen Plätzen erhoben hat, um die Akteure zu feiern. Die schon früh erkennbare überdurchschnittliche Diskussionsbereitschaft setzt sich vor den Saaltüren fort. Die ausgelegten Informationen zur erbetenen konkreten Unterstützung der Menschenrechtsopfer in der Türkei werden gesucht und gefunden.
Dieser Teil der Botschaft des Abends hat also funktioniert, spontan, emotional, affektgeladen. Ob sich diese Haltung auch dauerhaft bestätigen wird? Auch wenn tatsächlich, wie im Video zitiert, bei massiver Erhöhung des politischen Drucks auf Erdogan mehr als drei Millionen Flüchtlinge nach Europa, speziell Deutschland überführt würden? Gewiss eine offene, aber berechtigte Frage.
Ralf Siepmann