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Depressiver Clown

FELLINI. EIN TRAUM
(Olivier Garofalo)

Besuch am
18. Januar 2020
(Urauf­führung)

 

Rheini­sches Landes­theater Neuss

Das Rheinische Landes­theater Neuss hat alles aufge­fahren, was möglich scheint. Eine Band im Hinter­grund, einen Karne­vals­verein, Martial-Arts-Kämpfer und ein Spitzen­en­semble auf der Bühne. Die Ziele sind hochge­steckt. Da geht es darum, die Bürger der Stadt in das Theater­ge­schehen einzu­binden, den 100. Geburtstag des Filme­ma­chers Federico Fellini zu feiern und ein erfolg­reiches Stück auf die Bühne zu hieven, das ohne Worte auskommt.

Das Format Wortlos wird zum ersten Mal gezeigt. Und soll die Menschen ins Theater locken, die mit unserer Sprache hapern. Funktio­niert nicht. Obwohl die Mitar­beiter der Stadt Neuss alles daran gesetzt haben, das Karten­kon­tigent, das der Förder­verein des Theaters eigens aufge­kauft hat, an Geflüchtete zu verteilen. Überhaupt scheinen die Vorbe­halte gegenüber wortlosem Theater groß. Viele Stühle bleiben an diesem Abend frei. Ohne Not, wie das Fest auf der Bühne zeigen wird.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Olivier Garofalo, Drama­tiker und Dramaturg am Hause, hat eine Hommage an Fellini verfasst, die mehr will als bloße Anein­an­der­reihung von Filmzi­taten. Surreal, poetisch, verträumt und bunt, ein bisschen verquast mit großen Momenten soll das Bühnen­stück selbst sein. Ein hoher Anspruch, den Antonia Schir­m­eister umsetzen soll. Der Ort der Handlung ist irgendwo zwischen Zirkus und Filmset angesiedelt. Thomas Rump hat dazu eine Bühne mit viel Spiel­fläche geschaffen. Im Hinter­grund eine Stuhl­reihe, die links und rechts Platz für Abgänge lassen. Ein überdi­men­sio­nierter Schmink­spiegel, ein Regie-Stuhl und ein paar Requi­siten vervoll­stän­digen den Raum. Hier kann Schir­m­eister ihre Grundidee verwirk­lichen, die den Einsatz von rund 1.000 Glühbirnen erfordern. Licht als das Lebens­elixier des Filme­ma­chers, Licht als Hilfs­mittel gegen die Depres­sionen eines Clowns. Der steht zu Beginn todtraurig auf der Bühne und weiß nicht, was er mit sich anfangen soll. Bis er in seiner Hosen­tasche ein Licht findet. Das aktiviert ihn und alsbald kann er die Regie-Arbeit in der Traum­fabrik übernehmen. Die ist bevölkert mit, wie nicht anders zu erwarten, einer Vielzahl skurriler Gestalten, die Elena Anato­levna höchst einfalls­reich einkleidet. In immer neuen Geschichten lässt Schir­m­eister den großen Zampano und seine Gelsomina, eine „verfüh­re­rische“ Nonne, einen Vogel­men­schen, der immer wieder erschossen wird, einen Läufer in Zeitlupe und viele mehr auftreten. So entsteht das gewollte Panop­tikum, das für heitere wie tragische Momente sorgt, aller­dings in der Mitte der andert­halb­stün­digen Aufführung vorüber­gehend, aber deutlich in Leerlauf gerät. An der Vielzahl der Regie-Einfälle liegt es nicht. Hier schöpft Schir­m­eister bis ins Detail aus dem Vollen.

Foto © Marco Piecuch

Auch die Akteure auf der Bühne zeigen, was in ihnen steckt. Sebastian Muskalla zeigt die beiden Seiten des Clowns, aber auch die Attitüden des italie­ni­schen Regis­seurs gekonnt im Zusam­men­spiel mit Stefan Schleue, der als Clowns-Assistent letztlich ganz wunderbar den Traum auflöst. Herrlich bärbeißig kommt Benjamin Schardt als Zampano mit entblößtem Oberkörper daher. Gerade ihm fehlen die Worte hier, um den Charakter des Jahrmarkt-Darstellers zu entblößen. Da hat es Mirjam Scholl­meyer als Gelsomina leichter und tatsächlich gelingen ihr ein, zwei Momente der Melan­cholie, die das Mädchen an Zampanos Seite so verletzlich wirken lassen. Nelly Politt als Dame in Rot gefällt durch energi­schen Auftritt, der in schönem Kontrast zu ihrem Widerpart, Carl Ludwig Weinknecht als rollschuh­lau­fender Biedermann, steht. Nur einmal richtig durch­atmen darf Tom Kramer, der ansonsten unter dem Pappmache-Kopf des Vogels versteckt bleibt. Ein wenig mysteriös bleibt der Auftritt von Niklas Maien­schein, der mit einem Schwimm­reifen um die Hüften und einer Last auf dem Rücken fast anderthalb Stunden durch den Saal schleicht. Ulrich Rechenbach darf die Hosen fallen lassen und die sechs jungen Damen aus dem Karne­vals­verein antanzen, die schöne Tanzein­lagen bieten und leicht­füßig einen Spagat zeigen. Nur gut, dass der Einfall von einer Frau stammt. So haben die Zuschauer Spaß, statt über Sexismus auf der Bühne nachzu­denken. Spaß haben sie auch, als Sarah Wissner das Geheimnis der Nonne lüftet. Ob man den Schau­kampf der beiden Martial-Arts-Kämpfer wirklich braucht, mag dahin­ge­stellt sein. An diesem Abend wirkt es eher wie eine einge­schobene Werbe­ver­an­staltung für ihren Verein.

Es ist auch nicht wirklich nachvoll­ziehbar, weshalb Matthias Flake sich mit der Musik derart zurückhält, als müsse jede Note einzeln bei der GEMA abgerechnet werden. Dem „Fellini-Feeling“ hätten sicher ein paar zusätz­liche Musik­ein­spie­lungen von Nino Rota nicht geschadet.

Insgesamt ein ambitio­nierter Abend, dem aber die Leiden­schaft abgeht, um Kult zu werden. Das neue Format erlaubt Vorfreude auf das nächste Stück ohne Worte, das bereits in Planung ist. Das Publikum übrigens antwortet ebenfalls wortlos: mit Gejohle und viel Applaus.

Michael S. Zerban

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