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Glück ist ein schöner Traum

GRÄFIN MARIZA
(Emmerich Kálmán)

Besuch am
18. Januar 2020
(Premiere am 22. März 2014)

 

Volksoper Wien

Glück ist ein schöner Traum“, die Prophe­zeiung der Zigeu­nerin Manja, steht symbo­lisch für die Sehnsucht nach dem Glück, nachdem sich sowohl die verhärmte Gräfin Mariza als auch der verarmte Graf Tassilo sehnen, aus ganz unter­schied­lichen Perspek­tiven. Regisseur Thomas Enzinger beginnt daher seine Insze­nierung mit einem Kunst­griff, um verständlich in die Handlung einzu­führen. Das Lied der Zigeu­nerin Manja steht ganz am Anfang, noch vor der Ouvertüre. Die Bühne ist verhangen, wie ein Relikt aus einer alten, verstaubten Zeit. Ein Zigeu­ner­geiger spielt melan­cho­lisch auf seiner Geige, und ein kleines Mädchen steht beobachtend und staunend vor dem Zigeu­nerpaar, und will von einem älteren Mann die Bedeutung dieser Szene wissen. Dieser Mann ist Tschekko, ein Diener auf dem Gut der Mariza und quasi der Erzähler der Geschichte, die wie eine Rückblende erzählt wird. Erst dann ertönt die Ouvertüre vor offenem Vorhang mit einem mitrei­ßenden Zigeunerballett.

Die Geschichte, die Tschekko erzählt, ist eine Geschichte von Liebe, Eitelkeit und falsch verstan­denem Stolz. Graf Tassilo, der verarmte Adlige, hat sich inkognito als neuer Verwalter bei der reichen Gräfin Mariza anstellen lassen, um dort die Ausbildung und Mitgift für seine Schwester Lisa zu verdienen, die von der ganzen finan­zi­ellen Misere ihrer Familie nichts ahnt. Voller Melan­cholie erinnert er sich an sein altes Leben in Wien. Doch dann erscheint der Budapester Adel, und inmitten Gräfin Mariza, die ihren aufdring­lichen Verehrern mittels einer Schein­ver­lobung mit dem Baron Koloman Zsupán, der Figur aus der Strauß-Operette Der Zigeu­ner­baron, zu entfliehen versucht. Das Auftrittslied der Gräfin Mariza Höre ich Zigeu­ner­geigen wird durch vier Bodyguards abgesi­chert. Auch die Operet­ten­figur Koloman Zsupán erscheint tatsächlich, als Zauberer mit Elvis-Frisur, der mit einem Marzi­pan­schweinchen seinen fiktiven Namens­vetter und Schwei­ne­fürsten alle Ehre bereitet, mit völlig überdrehtem Spiel, der am Ende an Luftballons entschwebt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Diese Szene ist gleicher­maßen grotesk wie herrlich komisch. Enzinger bedient sich der klassi­schen Operet­ten­kli­schees, spielt mit ihnen, zitiert sie, aber er führt sie nicht ins Lächer­liche, und das ist sein großer Verdienst bei dieser Insze­nierung. Auch Tassilos Leiden, seine Demütigung als vermeint­licher Verwalter, kommen in seinen beiden großen Arien zum Vorschein. Die kompli­zierte Liebe zwischen Mariza und Tassilo ist ein intimes Kammer­spiel von versteckten Gefühlen und verletztem Stolz, das sich im Finale in große Gefühle verwandelt. „Höre ich Zigeu­ner­geigen, wird es mir ums Herz so eigen, wachen alle Wünsche auf“, singt Gräfin Mariza in ihrem Auftrittslied und bringt so die Sehnsucht zum Ausdruck, einmal das Glück der Liebe kennen­zu­lernen. Diese Melan­cholie, die Sehnsucht nach Liebe und Glück, all das, was Kálmáns Musik so ausmacht, wird in dieser Insze­nierung auf den Punkt gebracht, die großen Gefühle springen auch wie ein Funke über, wenn man sich darauf einlässt.

Das ist der große Verdienst der Insze­nierung. Enzinger nähert sich der Thematik mit einer beson­deren Erzähl­weise. Es sind Emotionen wie Sehnsucht, Stolz und verletzte Eitelkeit, die im Vorder­grund stehen und von ihm feinfühlig und mit großem Gespür für das Theater insze­niert werden. So umschifft er die gefähr­lichen Klippen zu Kitsch und Klamauk und spielt statt­dessen mit den gängigen Operet­ten­kli­schees, indem er sie liebevoll und mit einem Augen­zwinkern präsen­tiert. Illusion und Desil­lusion, Schein und Sein stehen in einem ständigen Gegen­ein­ander. Heraus­ge­kommen ist eine gelungene Operet­ten­revue im Stil der 1920-er Jahre; spritzig, witzig und ohne Operet­ten­nost­algie, dafür ein sinnliches Erlebnis für Augen und Ohren. Der für diese Zeit typische Modetanz Shimmy, großartig getanzt vom Wiener Staats­ballett, ist eine Einlage aus Kálmáns Operette Die Bajadere. Die Dialoge sind entstaubt, dem heutigen Sprachstil angepasst und auf den Punkt gebracht.

Foto © Barbara Pálffy

Der dritte Akt mit dem Auftritt der Fürstin Bozena von Cudden­stein und ihres Kammer­dieners Penizek, oft ein Schwach­punkt der Operette, gelingt hier zu einem fast eigen­stän­digen Kammer­schau­spiel mit filigranem Humor und Situa­ti­ons­komik. Am Schluss finden sich die Paare. Mariza und Tassilo, nun dank der Hilfe seiner reichen Tante schul­denfrei, geben ihren Stolz auf und lassen sich aufein­ander ein. Koloman Zsupán, der sich als Hochstapler entpuppt, hat aber mit seinem leutse­ligen Spiel das Herz von Tassilos Schwester Lisa gewonnen, und der alternde Fürst Populescu, der vergeblich der Gräfin Mariza den Hof gemacht hat, erinnert sich an seine Jugend­liebe, die Fürstin Bozena von Cudden­stein. Und so gibt es für alle Betei­ligten nach fast drei Stunden ein erlösendes Happy End. Und am Schluss tanzt das kleine Mädchen, dem diese Geschichte erzählt wurde, zu den finalen Klängen der Musik allein und glückselig.

Passend zum Stil der Nachkriegszeit in Budapest sind die Bühnen­bilder und die stilvollen und farben­präch­tigen Kostüme von Toto. Durch die Drehbühne gibt es immer wieder wechselnde Szenen vom feudalen Gutszimmer bis hin zum Tabarin im Jugendstil.

Das Duett zwischen Tassilo und Lisa ist eine Reminiszenz an ihre glück­liche gemeinsame Kindheit, mit einem großen Kinder­zimmer und leben­digem Spielzeug.

Musika­lisch und sänge­risch zeigt sich das Ensemble der Volksoper Wien in großer Spiel­laune. Caroline Melzer in der Titel­rolle gibt sänge­risch und optisch eine wunderbare Gräfin Mariza. Sicher in den Höhen, drama­tisch im Spiel und lyrisch zärtlich im Duett, zeigt sie alle Facetten, die diese Partie verlangt. Carsten Süss ist ein sehr lyrischer Tassilo mit angenehmem barito­nalem Timbre ohne große Operet­ten­at­titüde, musika­lisch und in der Intonation sicher und ausdrucks­stark. Seine beiden großen Arien singt er mit sehr viel Gefühl und Leiden­schaft. Theresa Dax als seine Schwester Lisa ist eine junge Operet­ten­sou­brette, kokett und mit hellem Sopran, für dieses Fach eine Ideal­be­setzung. Abräumer des Abends ist der Tenor Jakob Semotan als Baron Koloman Zsupán. Sänge­risch, spiele­risch, tänze­risch der Inbegriff des Operet­ten­buffo. Toni Slama als Fürst Moritz Dragomir Populescu imponiert zwar mit gelacktem Spiel, doch als singender Schau­spieler fehlt ihm einfach die Durch­schlags­kraft der Stimme. Annely Peebo als Zigeu­nerin Manja lässt mit leicht drama­ti­schem Mezzo-Gesang aufhorchen. Helga Papou­schek als Fürstin Cudden­stein und Robert Meyer als ihr Kammer­diener Penizek komplet­tieren das Ensemble mit Witz und Tempe­rament und übernehmen im dritten Akt quasi das Kommando. Insbe­sondere Kammer­schau­spieler Robert Meyer, seit 2007 Direktor der Wiener Volksoper, gibt den Penizek als wandelndes Theater­le­xikon mit näselndem Einschlag, der sicher nicht zufällig an den großen Hans Moser erinnert, der 1924 bei der Urauf­führung der Gräfin Mariza in dieser Rolle brillierte. Robert Meyer steht als Opern­di­rektor in der Tradition eines Hubert Marischka, der 1924 ebenfalls als Opern­di­rektor am Theater an der Wien den Graf Tassilo in der Urauf­führung sang. Und Helga Papou­schek ist an der Wiener Volksoper eine Insti­tution, die vor fast sechzig Jahren hier ihr Debüt gab. Franz Suhrada weiß als Diener Tschekko zu überzeugen, und Emma Westerkamp zeigt als neugie­riges kleines Mädchen keine Berüh­rungs­ängste vor der großen Bühne.

Karsten Januschke führt das Orchester der Volksoper Wien sicher durch die Klippen der Partitur mit den vielen Tempo- und Rhyth­mus­wechseln, und gibt den Sängern den notwen­digen Spielraum. Sein Kálmán ist voller Elan, Schwung, aber auch mit der notwen­digen Gefühls­tiefe und Schwermut. Chor und Kinderchor der Volksoper Wien sind musika­lisch bestens von Holger Kristen einstu­diert und haben offen­sichtlich große Freude am opulenten Spiel und Tanz. Ein Sonderlob hat sich Luka Kusztrich als Primas für seine inten­siven und melan­cho­li­schen Geigensoli auf der Bühne verdient. Die Choreo­grafie von Bohdana Szivacz begeistert durch einen flotten, dem Stil der 1920-er Jahre angepassten Tanzstil, aber besonders in den Zigeu­ner­szenen weiß das Wiener Staats­ballett Leiden­schaft und Melan­cholie umzusetzen.

Am Schluss gibt es großen Beifall für alle Protago­nisten, und an den Gesichtern der Zuschauer erkennt man eine gewisse Glück­se­ligkeit, die dieser Abend vermittelt hat. Glück ist ein schöner Traum.

Andreas H. Hölscher

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