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1965 verabschiedete sich eine der ganz Großen von der Opernbühne. In der Rolle der Floria betrat Maria Callas zum letzten Mal die Bretter, die die Welt bedeuten, um die Oper zu feiern, die gerade mal 65 Jahre alt war. Mit Tosca schuf Giacomo Puccini zwei Arien, die bis heute zu den beliebtesten Gesängen schlechthin gehören. Vissi d’Arte gilt als die Arie aller Arien und eine besonders gelungene Version von E lucevan le stelle zählt zu den Pflichten eines jeden Tenors von Weltrang. Und obwohl das Werk eines der meist gespielten des Opernrepertoires ist, darf sich jeder Intendant bis heute über ein volles Haus freuen, wenn die Geschichte von Liebe und Macht auf dem Spielplan steht.
Das Problem vieler Opernliebhaber ist dabei die Inszenierung. Schließlich möchte jeder Regisseur, der etwas auf sich hält, dem Werk eine eigene Deutung abgewinnen, während der Zuschauer sich einfach nur auf eine Opernsängerin freut, die einen Maler liebt und einen Soldaten tötet, ehe sie sich von den Mauern der Engelsburg stürzt. Nein, so einfach macht es sich auch Christophe Honoré nicht. Ihn interessiert die Räuberpistole des Librettos nicht. Viel lieber möchte er sich mit der Person der Opernsängerin als solcher auseinandersetzen. Und dazu bietet sich Tosca, möchte man meinen, ja auch an. In Lyon kann man sich jetzt ansehen, was Honoré zum ersten Mal in Aix-en-Provence auf die Festivalbühne gebracht hat, ehe die Inszenierung ins Nationaltheater Mannheim weiterwandert. So bestechend die Idee ist: das Konzept geht nicht ganz auf. Ausgangspunkt der Handlung ist bei Honoré der Salon einer gealterten Operndiva, die ihre Freunde eingeladen hat, die Tosca im privaten Kreis konzertant aufzuführen. Allerdings ist die Dame so alt, dass sie die Floria nicht mehr selbst singen will. Wer sich nun einen schicken Salon in Rom oder Paris vorstellt, irrt. Alban Ho Van stellt eher etwas auf die Bühne, das an ein Anwesen auf dem Lande erinnert. In rustikalem Stil umrunden ein Schlafzimmer, Vorraum, Küche und Esszimmer den großzügigen Wohnraum, in dem neben einem Flügel auch noch Platz für eine Couch ist. Über dem Mittelteil ist Platz für zwei Projektionsflächen, die permanent genutzt werden, um mitgefilmte Nahaufnahmen, Aufnahmen ehemaliger Tosca-Sängerinnen oder auch mal ein Zitat von Marcel Proust zu zeigen. Und damit wird das Hauptproblem der Inszenierung deutlich. Honoré will von allem zu viel. Statt einer ordentlichen Blickführung, wie man sie eigentlich von einem Mann erwarten darf, der von der Filmregie kommt, finden so viele Parallelhandlungen statt, dass dem Zuschauer zwischenzeitlich der Überblick verloren gehen kann.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der erste Akt wird nun zur Probenstunde. Notenständer werden aufgebaut, Partituren herumgereicht, man singt in typischen Sängerposen vom Blatt. Das soll möglicherweise witzig sein, aber für Komik ist bei Tosca nun wahrlich wenig Platz. Erst recht irritiert, dass die alte Floria ständig die junge Floria belehren will, die aber laut Libretto ja längst eine erfahrene und gefeierte Sängerin ist. Im zweiten Akt mögen die heutigen Kostüme von Olivier Bériot noch passen, die herumgerückten Bauteile der Wohnung stören schlicht und ergreifend die von Ensemble und Orchester wunderbar aufgebaute Dramatik. Eigentlich möchte man da als Zuschauer schon wieder an den altbewährten Hinweis denken, der für so viele Regiearbeiten gilt, dass man ja nämlich die Augen schließen könne, wenn man eine „schöne Oper“ hören wolle, da gelingt es Honoré mit einem radikalen Bruch, das Ruder herumzureißen. Der Graben wird hochgefahren, die Bühnendeko herumgedreht, so dass nur noch die Rückwände zu sehen sind, die Platz für eine Galerie lassen, und das Orchester sitzt auf der Bühne. Davor ein Gaze-Vorhang, der eindrucksvolle Filmaufnahmen von der alternden Diva an der Engelsburg zeigt. Kaum noch Firlefanz, sondern Musik und Gesang pur. Und so geht sich diese Inszenierung mit einer mächtigen Gänsehaut aus.

Denn an Sangeskraft hat Lyon einiges zu bieten an diesem Abend. Und auch darstellerisch gibt es schöne Momente. Allen voran La Prima Donna Catherine Malfitano, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zu den besten Floria-Darstellerinnen gehörte. Hier spielt sie grandios die Karikatur einer weltentrückten Operndiva, die kein Ende finden kann und bis zu ihrem Tode durch das Orchester lustwandelt. Eine Rolle, die man nur als Opernsängerin mit wahrer Größe spielen kann. Elena Guseva gibt in Lyon ihr Rollendebüt als Floria. Was für eine Stimme! Kraftvoll, strahlend in den Höhen, sonor in der Mittellage zeigt die Sängerin, dass dieser Abend nur der Auftakt zu vielen Rollenauftritten als Tosca sein kann. Diese Frau, so viel steht fest, möchte man auf der ganzen Welt hören. Wunderbar! Auf dem Tritt folgt ihr Alexey Markov als Scarpia. Selten kann man einen so edlen Baron erleben, wie er hier von Markov gesungen wird. Für Verwirrung sorgt zunächst Massimo Giordano, der in den ersten beiden Akten nur ganz kurz mal tenoralen Glanz aufscheinen lässt, ansonsten aber eher blass wirkt. So kennt man den Sänger nicht. Ah, und im dritten Akt zeigt er dann den wahren Cavaradossi. Dieses Finale ist eine Sternstunde der Oper! Die übrigen Rollen sind adäquat besetzt. Simon Shibambu als Angelotti, Michael Smallwood als Spoletta und Jean-Gabriel Saint-Martin als Sciarrone fügen sich unauffällig in das Geschehen ein. Der Kinderchor unter Leitung von Karine Locatelli und der Erwachsenenchor in der Einstudierung von Hugo Peraldo genießen sichtlich ihren Auftritt und sind stimmlich eine Freude.
Begeisterung wecken kann schließlich über den gesamten Abend das operneigene Orchester mit einem außerordentlich engagierten Daniele Rustioni am Pult. Hier werden die Feinheiten ebenso herausgearbeitet wie der Zugriff an den richtigen Stellen auch mal packend und vehement sein kann. Selbst wenn auf der Bühne mal wieder viel Spielszenen gleichzeitig zu sehen sind und die Musik nur noch als Hintergrundgeräusch funktioniert, bleibt der feinziselierte Klang erhalten. Eine echte Meisterleistung, die man an diesem Abend geboten bekommt.
Das sieht auch das Publikum so, das das Orchester, dem es zujubelt, auch mal sehen kann. Es gibt sehr differenzierten Applaus. Komplett aus dem Häuschen gerät der Saal, als Guseva, Markov und Rustioni sich verbeugen. Ähnlich ergeht es auch Giordano und Malfitano. Beim Regie-Team werden dann auch schon mal unpassend böse Wörter im Saal laut. Das ist sicher nicht gerechtfertigt. Insgesamt bleibt der Eindruck haften, dass es sich um eine diskussionswürdige Inszenierung handelt, bei der Orchester durchgehend glänzt und wirklich großartiger Sänger zu hören sind. Lyon hält seinen hohen Anspruch, was vor allem die Jugend dem Haus dankt. Es dürfte wohl kaum ein Haus geben, in dem der Altersdurchschnitt niedriger liegt.
Michael S. Zerban