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Foto © Jean-Louis Fernandez

Abgesang einer Diva

TOSCA
(Giacomo Puccini)

Besuch am
20. Januar 2020
(Premiere)

 

Opéra national de Lyon

1965 verab­schiedete sich eine der ganz Großen von der Opern­bühne. In der Rolle der Floria betrat Maria Callas zum letzten Mal die Bretter, die die Welt bedeuten, um die Oper zu feiern, die gerade mal 65 Jahre alt war. Mit Tosca schuf Giacomo Puccini zwei Arien, die bis heute zu den belieb­testen Gesängen schlechthin gehören. Vissi d’Arte gilt als die Arie aller Arien und eine besonders gelungene Version von E lucevan le stelle zählt zu den Pflichten eines jeden Tenors von Weltrang. Und obwohl das Werk eines der meist gespielten des Opern­re­per­toires ist, darf sich jeder Intendant bis heute über ein volles Haus freuen, wenn die Geschichte von Liebe und Macht auf dem Spielplan steht.

Das Problem vieler Opern­lieb­haber ist dabei die Insze­nierung. Schließlich möchte jeder Regisseur, der etwas auf sich hält, dem Werk eine eigene Deutung abgewinnen, während der Zuschauer sich einfach nur auf eine Opern­sän­gerin freut, die einen Maler liebt und einen Soldaten tötet, ehe sie sich von den Mauern der Engelsburg stürzt. Nein, so einfach macht es sich auch Chris­tophe Honoré nicht. Ihn inter­es­siert die Räuber­pistole des Librettos nicht. Viel lieber möchte er sich mit der Person der Opern­sän­gerin als solcher ausein­an­der­setzen. Und dazu bietet sich Tosca, möchte man meinen, ja auch an. In Lyon kann man sich jetzt ansehen, was Honoré zum ersten Mal in Aix-en-Provence auf die Festi­val­bühne gebracht hat, ehe die Insze­nierung ins Natio­nal­theater Mannheim weiter­wandert. So bestechend die Idee ist: das Konzept geht nicht ganz auf. Ausgangs­punkt der Handlung ist bei Honoré der Salon einer gealterten Operndiva, die ihre Freunde einge­laden hat, die Tosca im privaten Kreis konzertant aufzu­führen. Aller­dings ist die Dame so alt, dass sie die Floria nicht mehr selbst singen will. Wer sich nun einen schicken Salon in Rom oder Paris vorstellt, irrt. Alban Ho Van stellt eher etwas auf die Bühne, das an ein Anwesen auf dem Lande erinnert. In rusti­kalem Stil umrunden ein Schlaf­zimmer, Vorraum, Küche und Esszimmer den großzü­gigen Wohnraum, in dem neben einem Flügel auch noch Platz für eine Couch ist. Über dem Mittelteil ist Platz für zwei Projek­ti­ons­flächen, die permanent genutzt werden, um mitge­filmte Nahauf­nahmen, Aufnahmen ehema­liger Tosca-Sänge­rinnen oder auch mal ein Zitat von Marcel Proust zu zeigen. Und damit wird das Haupt­problem der Insze­nierung deutlich. Honoré will von allem zu viel. Statt einer ordent­lichen Blick­führung, wie man sie eigentlich von einem Mann erwarten darf, der von der Filmregie kommt, finden so viele Paral­lel­hand­lungen statt, dass dem Zuschauer zwischen­zeitlich der Überblick verloren gehen kann.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der erste Akt wird nun zur Proben­stunde. Noten­ständer werden aufgebaut, Parti­turen herum­ge­reicht, man singt in typischen Sänger­posen vom Blatt. Das soll mögli­cher­weise witzig sein, aber für Komik ist bei Tosca nun wahrlich wenig Platz. Erst recht irritiert, dass die alte Floria ständig die junge Floria belehren will, die aber laut Libretto ja längst eine erfahrene und gefeierte Sängerin ist. Im zweiten Akt mögen die heutigen Kostüme von Olivier Bériot noch passen, die herum­ge­rückten Bauteile der Wohnung stören schlicht und ergreifend die von Ensemble und Orchester wunderbar aufge­baute Dramatik. Eigentlich möchte man da als Zuschauer schon wieder an den altbe­währten Hinweis denken, der für so viele Regie­ar­beiten gilt, dass man ja nämlich die Augen schließen könne, wenn man eine „schöne Oper“ hören wolle, da gelingt es Honoré mit einem radikalen Bruch, das Ruder herum­zu­reißen. Der Graben wird hochge­fahren, die Bühnendeko herum­ge­dreht, so dass nur noch die Rückwände zu sehen sind, die Platz für eine Galerie lassen, und das Orchester sitzt auf der Bühne. Davor ein Gaze-Vorhang, der eindrucks­volle Filmauf­nahmen von der alternden Diva an der Engelsburg zeigt. Kaum noch Firlefanz, sondern Musik und Gesang pur. Und so geht sich diese Insze­nierung mit einer mächtigen Gänsehaut aus.

Foto © Jean-Louis Fernandez

Denn an Sanges­kraft hat Lyon einiges zu bieten an diesem Abend. Und auch darstel­le­risch gibt es schöne Momente. Allen voran La Prima Donna Catherine Malfitano, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zu den besten Floria-Darstel­le­rinnen gehörte. Hier spielt sie grandios die Karikatur einer weltent­rückten Operndiva, die kein Ende finden kann und bis zu ihrem Tode durch das Orchester lustwandelt. Eine Rolle, die man nur als Opern­sän­gerin mit wahrer Größe spielen kann. Elena Guseva gibt in Lyon ihr Rollen­debüt als Floria. Was für eine Stimme! Kraftvoll, strahlend in den Höhen, sonor in der Mittellage zeigt die Sängerin, dass dieser Abend nur der Auftakt zu vielen Rollen­auf­tritten als Tosca sein kann. Diese Frau, so viel steht fest, möchte man auf der ganzen Welt hören. Wunderbar! Auf dem Tritt folgt ihr Alexey Markov als Scarpia. Selten kann man einen so edlen Baron erleben, wie er hier von Markov gesungen wird. Für Verwirrung sorgt zunächst Massimo Giordano, der in den ersten beiden Akten nur ganz kurz mal tenoralen Glanz aufscheinen lässt, ansonsten aber eher blass wirkt. So kennt man den Sänger nicht. Ah, und im dritten Akt zeigt er dann den wahren Cavara­dossi. Dieses Finale ist eine Stern­stunde der Oper! Die übrigen Rollen sind adäquat besetzt. Simon Shibambu als Angelotti, Michael Smallwood als Spoletta und Jean-Gabriel Saint-Martin als Sciarrone fügen sich unauf­fällig in das Geschehen ein. Der Kinderchor unter Leitung von Karine Locatelli und der Erwach­se­nenchor in der Einstu­dierung von Hugo Peraldo genießen sichtlich ihren Auftritt und sind stimmlich eine Freude.

Begeis­terung wecken kann schließlich über den gesamten Abend das opern­eigene Orchester mit einem außer­or­dentlich engagierten Daniele Rustioni am Pult. Hier werden die Feinheiten ebenso heraus­ge­ar­beitet wie der Zugriff an den richtigen Stellen auch mal packend und vehement sein kann. Selbst wenn auf der Bühne mal wieder viel Spiel­szenen gleich­zeitig zu sehen sind und die Musik nur noch als Hinter­grund­ge­räusch funktio­niert, bleibt der feinzi­se­lierte Klang erhalten. Eine echte Meister­leistung, die man an diesem Abend geboten bekommt.

Das sieht auch das Publikum so, das das Orchester, dem es zujubelt, auch mal sehen kann. Es gibt sehr diffe­ren­zierten Applaus. Komplett aus dem Häuschen gerät der Saal, als Guseva, Markov und Rustioni sich verbeugen. Ähnlich ergeht es auch Giordano und Malfitano. Beim Regie-Team werden dann auch schon mal unpassend böse Wörter im Saal laut. Das ist sicher nicht gerecht­fertigt. Insgesamt bleibt der Eindruck haften, dass es sich um eine diskus­si­ons­würdige Insze­nierung handelt, bei der Orchester durch­gehend glänzt und wirklich großar­tiger Sänger zu hören sind. Lyon hält seinen hohen Anspruch, was vor allem die Jugend dem Haus dankt. Es dürfte wohl kaum ein Haus geben, in dem der Alters­durch­schnitt niedriger liegt.

Michael S. Zerban

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