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Nach dem schwungvollen Falstaff wird mit Rossinis La Cenerentola ein weiteres Mal in dieser Jubiläumssaison unterhaltsam gefeiert. Das Osnabrücker Symphonieorchester wird 100 Jahre alt, und man darf vorwegnehmen, dass es sich in der italienischen Nähmaschinenmusik als würdig und versiert erweist. Ein gutes Timing in den Abläufen ist bei dieser Musik die halbe Miete, und Regisseurin Béatrice Lachaussée zeigt, dass sie die Komödie beherrscht. Innovativ ist ihre Arbeit nur bedingt. Da wird das landläufige Muster der Bewegungen von prominenten Kollegen von Jean-Pierre Ponelle bis Cesare Lievi aufgegriffen, aber zusammen mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Nele Ellegiers bekommt das Märchen von Aschenputtel seinen ganz eigenen Charme.
Nicht bei den Gebrüdern Grimm haben sich Rossini und sein Librettist Ferretti bedient, sondern in einer französischen Version. Das italienische Aschenputtel – Cenerentola – heißt hier Angelina und steht unter der Knute eines cholerischen wie trotteligen Stiefvaters Don Magnifico, der zwei giftige und arrogante Töchter namens Clorinde und Tisbe hat. Bei Ellegiers schlafen sie wie die Prinzessin auf der Erbse auf einem Stapel Matratzen, während Angelina den Boden wienert. Mit viel Liebe zum Detail ist gerade diese erste Szene ausgearbeitet, die zudem noch durch eine ausgefeilte Interaktion auffällt. Mit Leggins und „Leolook“ bedient sich Ellegiers bei den Kostümen der Moderne, die aber auch immer wieder an historische Kleidungsstücke erinnern. Der Chor der Höflinge darf dann in Shorts, Hemd und Fliegen alle Auftrittsmöglichkeiten des Bühnenbildes ausnutzen. Zum Schießen jedenfalls sind die grandiosen Frisuren, als wäre die Musik Rossinis ihnen wie ein Fön durch die Haare gesaust. Die Auftritts-Choreografie auf dem Pferdetandem ist je nach Gemütszustand des Zuschauers albern oder komisch.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Überhaupt sind schnelle Auf- und Abtritte ein den Abend durchziehendes Muster in der Personenführung. So ist der Männerchor fast immer nur zu seinen Einsätzen auf der Bühne und muss ebenso schnell wieder verschwinden. Die zahlreichen Möglichkeiten zum Betreten und Verlassen der Bühne werden auf jeden Fall hinreichend genutzt, aber auch auf der Bühne wird Rossinis Musik ausgiebig in Bewegungen übertragen. Von der Zeitlupe bis zur Überzeichnung wird jedes Stilmittel der Komödie benutzt, leider in den Konturen manchmal noch etwas unscharf, aber das wird sich dank des bewegungsfreudigen Ensembles über die nächsten Vorstellungen einspielen.
Bereits eingespielt tritt das Osnabrücker Symphonieorchester in Erscheinung. Schon die Ouvertüre wird blitzsauber und akkurat vorgetragen. Die Holzbläser haben einen sehr guten Abend erwischt, und die Streicher sind der vorantreibende Motor. Was dem Dirigat von Daniel Inbal noch fehlt, ist das vollständige Ausnutzen von Modulationen in der Lautstärke. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Schließlich erlebt man es nicht alle Tage, dass eine Cenerentola ohne nennenswerte Patzer vorgetragen wird. Inbal, dessen Lockenpracht im Orchestergraben hin und her wirbelt, lässt schnell genug aufspielen, um den Wahnsinn von Rossinis Partitur einzufangen, aber noch so moderat, dass die Sänger rhythmisch folgen können. Bestes Beispiel dafür ist die Stretta im ersten Finale, die man selten live so präzise hört.

Hier mischt sich der mutig und quirlig auftretende Männerchor – Einstudierung: Sied Quarré – mit einem versierten wie spielfreudigen Ensemble. Olga Privalova ist keine Kitsch-Angelina, sondern begeistert mit bodenständig-natürlichem Material, das in manchen Höhen minimal an die Grenze stößt, dafür aber auch die Koloraturen in allen Tonlagen meistert. Mit ihrem Prinzen liefert sie sich ein traumhaft schönes Duett. Miloš Bulajić klingt in der Tiefe noch etwas bemüht, aber je höher er steigt, desto freier schwingt die Stimme. Wenn er sich zu Noi voleremo auf die Suche nach seiner Angebeteten macht, sendet er einen strahlenden Ton nach dem anderen voraus. Was ihm fehlt, ist etwas mehr Lust an der Darstellung. Das wird umso deutlicher, weil er dieses Bühnentier Jan Friedrich Eggers an seiner Seite hat. Der beherrscht nicht nur alle Arten der Komik und Mimik, sondern setzt mit seinem Bariton auch das Parlando des Dandini bravourös um. Genadijus Bergorulko übertreibt die Albernheiten des Don Magnifico zum Glück nicht, sondern findet auch einige ernste Facetten in der aufgeblähten Vaterfigur. Leider wird ihm seine zweite Arie gestrichen, vermutlich, weil sie seiner Stimme etwas zu hoch gelegen hätte. Erika Simons und Gabriella Guifoil sind als Schwestern Clorinda und Tisbe schön zickig und biestig. Glücklicherweise verlassen sie sich nicht nur auf ihre darstellerischen Qualitäten, sondern geben ihren Rollen auch vokal ein hörenswertes Profil. Mit individuellem Bass kann José Gallisa als Alidoro eigene Akzente in den Ensembles setzen und bewältigt sogar die ungemein schwierige Arie La del ciel. Etwas störend ist nur sein deutlich verfärbtes Italienisch.
Dem Publikum macht diese Premiere richtig viel Spaß. Das merkt man schon dem häufigen Zwischenapplaus an. Am Ende wird begeistert für die Musiker geklatscht, während des Regieteam fast einfach nur zur Kenntnis – allerdings auch ohne Ablehnung – genommen wird. Mit langem Applaus geht die erste Premiere von 2020 in Osnabrück zu Ende.
Rebecca Hoffmann