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Falstaff ist Verdis letzte Oper. Sie führt den Namen eines Mannes im Titel und ist doch – wie sonst nur noch Die Hochzeit des Figaro – ein Werk, das in vergleichbarer Weise ganz von der Dynamik der beteiligten Frauen in Gang gehalten wird.
Der dicke und verarmte Adlige Falstaff isst und trinkt sich auf Kosten anderer durchs Leben und ist auf der Pirsch nach reichen Bürgern, die er für seine Zwecke ausnehmen kann. Ideale Opfer erscheinen ihm die beiden Frauen Alice Ford und Meg Page, denen er zwei gleichlautende Liebesbriefe schreibt. Der bis zur Schmerzhaftigkeit eifersüchtige Ehemann von Alice erfährt davon, verkleidet sich und bittet Falstaff, seine angebetete Alice – in Wirklichkeit seine Frau – zu verführen. Er bietet dafür viel Geld. Als Ford von Falstaff erfährt, dass dieser gerade zu einem Rendezvous zu Alice unterwegs ist, platzt er vor Wut und Verzweiflung. Bei Falstaffs Treffen mit Alice tobt Ford herein, um den Dicken zu erschlagen. Falstaff wird von den Frauen versteckt und schließlich zur Erheiterung aller in die Themse geworfen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Während all dieser Turbulenzen findet ein Liebespaar zueinander: Nannetta und Fenton. Nannetta ist die Tochter von Ford, der sie mit dem langweiligen Dr. Cajus verheiraten will, was Mutter und Tochter nicht wollen. Falstaff wird eine Einladung von Alice überbracht, die ihre Unschuld an den Vorkommnissen beteuert und ihn um Mitternacht zur Herne-Eiche bestellt, wo der Schwarze Jäger umgeht. Er geht ihr auf den Leim. Dort erscheinen alle in vorher abgesprochenen Verkleidungen und fallen über den Herausforderer Falstaff her. Ford will hier seine Tochter mit Dr. Cajus verheiraten. Durch die im letzten Moment auf Initiative der Frauen vertauschten Kostüme gibt er jedoch unfreiwillig der Verbindung von Nannetta und Fenton seinen Segen. Falstaff führt die abschließende Fuge an; Lauter Betrogene – Alles in der Welt ist Spaß.
Der Regisseur Calixto Bieto lässt im Bühnenbild von Susanne Gschwendner, in den Kostümen von Anja Rabes und der effektvollen Lichtregie von Michael Bauer das Geschehen zunächst überwiegend in und vor einer typisch englischen Gastwirtschaft spielen, die sich im Verlauf um die eigene Achse dreht und Stück für Stück filetiert wird, bis das Gasthaus als optischer Anker ganz verschwunden ist. Das ermöglicht einen störungsfreien Spielverlauf ohne Umbaupausen. Die Szene wandelt sich zunehmend in einen unbestimmten Kosmos des Unkontrollierbaren und mündet so sehr folgerichtig in die Geisterwelt zu mitternächtlicher Stunde, in der sich die Ereignisse überschlagen. Die Kostüme sind in der heutigen Zeit angesiedelt.

Lustvoll lassen sich die Frauen auf das Spiel mit Falstaff ein. Es ist ein Ausbruch aus der sonst so sauberen, geregelten und engen Welt. Sie bringen sich mit Flachmann und ordentlich Zigarettengenuss in Schwung und genießen das Risiko der kleinen Flucht aus ihrer bürgerlichen Welt und die Erfahrung einer anderen Lebenseinstellung, die ihnen die Begegnung mit Falstaff ermöglicht.
Hier können sie sich wenigstens ein bisschen gehen lassen, eigenen Neigungen nachspüren. Oder bereit sein für die Überraschungen des Lebens, wenn nach der ersten sexuellen Begegnung von Nannetta und Fenton nun gleich die wahrlich ungeplante Schwangerschaft folgt. Die Männer haben keine andere Chance als der überlegenen Choreografie der Frauen zu folgen, die für die Fährnisse des Lebens eine organischere Antenne zu haben scheinen.
Das intensive Spiel entfaltet sich über weite Strecken einfallsreich sowie mit diffizilem Witz und Schwung. Die Personenführung spürt vielen feinsinnigen Details der Partitur nach, lediglich dem Herne-Akt mit dem statuarisch agierenden Chor fehlt eine überzeugende Umsetzung. Typisch für Bieitos Ästhetik wird deftig im Essen gerührt und geschmiert, sitzt der Titelheld zu Beginn des dritten Aktes auf einer Toilette, die von den inzwischen verbliebenen Requisiten der Gastwirtschaft noch auf der Bühne steht – möglicherweise ein Grund für die späteren Publikumsreaktion.
Das Sängerensemble begeistert ausnahmslos. Ambrogio Maestri ist seit rund 20 Jahren der Inbegriff des Falstaff auf allen großen Bühnen der Opernwelt. Dem Ruf wurde er nun auch in Hamburg voll gerecht. Stimmführung, das spezifische Falstaff-Parlando, Sprachwitz und Kantilene kommen bei Maestri phänomenal auf den Punkt. Er reißt das weitere Ensemble mit wie kein anderer.
Grandios die Frauenriege mit der spielfreudigen Maija Kovalevska als Alice, der wirkungsvoll in tiefer Lage auftrumpfenden Quickly der Nadezhda Karyazina, der sich in jugendlich-zarter Kantilene verschmelzenden Elbenita Kajtazi als Nannetta und Ida Aldrian als Meg.
Markus Brück als Ford führt mit kraftvollem, aber kontrolliert geführtem Bariton die Männergruppe an. Oleksiy Palchykov singt mit feingliedriger Tenorstimme einen jungen und scheuen Liebhaber, und Jürgen Sacher vermag mit einem selbstgewichtigen Dr. Cajus zu überzeugen. Tigram Matirossian als Pistola und Daniel Kluge als Bardolfo geben exzellente Porträts ihrer Rollen mit schonungslosem darstellerischem Einsatz.
Der Dirigent Axel Kober, Chefdirigent der Deutschen Oper am Rhein, vermag mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg die diffizilen Nuancen der Partitur mit ihren intrikaten rhythmischen Details überlegen auszukosten. Nie ist das Orchester zu laut, die Balance zwischen Bühne und Graben gelingt bei anspruchsvollen Tempi herausragend gut.
Der Chor der Staatsoper Hamburg unter Leitung von Eberhard Friedrich meistert die Aufgaben in gewohnter Professionalität.
Viel Applaus und bravi für die Sänger, allen voran Ambrogio Maestri, Nadezhda Karyazina, Maija Kovalevska und besonders Elbenita Kajtazi. Neben Applaus und bravi empfängt ein nicht ganz kleiner, aber umso wütenderer Buh-Sturm das Regieteam.
Achim Dombrowski