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DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
22. Februar 2020
(Premiere)
Wenn du in der Stadt die Plakate entdeckst, mit denen das Grand Théâtre de Genève für seine nächste Aufführung wirbt und auf denen Die Entführung aus dem Serail – Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart steht, gehst du da möglicherweise hin, weil du endlich mal dieses Stück sehen willst, von dem schon deine Großeltern geschwärmt haben. Schön mit dem Pascha, der einen Turban trägt, die Europäer, die da irgendwie in seine Gefangenschaft geraten sind und so weiter. Viel Orientalik, Witz und einen guten Ausgang. Das erwartest du.
In Genf erlebst du da eine riesige Enttäuschung. Also alles noch mal auf Anfang. Du entdeckst in Genf ein Plakat mit der Aufschrift Wanderung in die Erlösung – nach Motiven von Wolfgang Amadeus Mozart. Das ist jetzt gesponnen, klingt mehr oder weniger spannend, also beschließt du, dir das anzuschauen. Und du gehst, wie man das neudeutsch nennt, open-minded in das prunkvolle Haus an der Place du Neuve. Dahin, wohin sie alle an diesem Abend zu strömen scheinen. Ob vornehm, im Understatement-Dress, alt oder jung, alle drängen sie in die heiligen Hallen der Oper, in denen Aviel Cahn sich unbedingt vom Opern-Museum verabschieden will. Ausgerechnet in diesem Haus, das vom Prunk vergangener Jahrhunderte schwärmt. Nimmst du ja noch nicht so richtig ernst. Solltest Du aber. Der Mann erzählt das nämlich nicht nur so.
Um das Stück zu inszenieren, hat er Luk Perceval verpflichtet, der für die geänderte Aufführung auf den Text Der Mandarin von Aslı Erdoğan aus dem Jahr 1996 zugriff. Erdoğan ist studierte Physikerin und Journalistin. Mit ihrer prokurdischen Einstellung wurde sie in der Türkei zur persona non grata und lebt heute als Schriftstellerin in Deutschland. Ihr Leidensweg ist lang und schlägt sich in ihrem Werk nieder. Er hat sich in ihren Körper und ihre Psyche eingegraben. Perceval schreibt ein Stück, in dem er die Dialoge der Oper Die Entführung aus dem Serail kurzerhand streicht, die Musik ändert. Das hat zwei Effekte. Die Handlung der Mozart-Oper entfällt nahezu komplett, und es entsteht ein Werk, das an die Nieren geht. Erdoğans Texte handeln von den Entwurzelten, den Geflohenen, die in ihrem neuen Leben zurechtkommen müssen. Die falsche Liebe finden zum Reisenden, der sich einfach so durch ein Europa bewegen darf, weil er der gesellschaftlichen Norm entspricht. Ihre Texte sind poetisch, blicken hinter die Kulissen, entlarven die Hassreden als Lügen und treiben sich in den dunklen Straßen der Großstadt herum. Ihre Sprache weckt auf, ohne Optimismus zu verbreiten, verliert sich auch mal in den Gassen. Da bleibt sie stehen und schaut den Menschen zu, die ihr kleines Stückchen Glück verteidigen. In Verbindung mit den Musikstücken, die von Mozart übrigbleiben, entsteht so ein eindrucksvolles Werk, das es wert ist, einen eigenen Namen zu verdienen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Regisseur Luk Perceval hat sich zur Aufgabe gesetzt, diesen Stoff minimalistisch und „introspektiv“ umzusetzen. Eine Reise nach innen soll es werden. Und er hat dazu eine Menge Ideen, die auf der Bühne nicht ganz so auffackeln, wie der Regisseur sich das gedacht haben mag. Im Mittelpunkt der Bühne von Philipp Bussmann steht eine skelettierte Kirche, die auf der Drehbühne Dynamik entfaltet und unglaubliche Gegenbewegungen zur Choreografie von Ted Stoffer entwickelt. Man mag darin die Reste überholter Kirchenstrukturen sehen oder auch einen Ort, der offen ist für alle Religionen. Gleich am Anfang steht eine Gruppe von Menschen auf der Bühne – und spätestens hier sollte klar sein, dass es herzlich wenig um das Mozartsche Werk geht – und beginnt zu laufen. Zeigt die Fluchtbewegung als durchgängiges Motiv, dass Perceval der Statik in der Kirche gegenüberstellt. Damit bietet er den Sängern ausreichend Gelegenheit, ihre Stimme bei geringstmöglicher Bewegung ausreichend zur Geltung zu bringen. Ihnen stellt er Sprecher zur Seite, die nun im Wechsel mit dem Gesang Erdogans Geschichten erzählen. Da gelingt die Verbindung zueinander nicht immer, so dass die Inszenierung haarscharf an einer Nummernrevue vorbeischrammt. Einen zeitlichen Rahmen setzt Kostümbildnerin Ilse Vandenbussche außer Kraft, indem sie die Akteure in unauffällige, heutige Anzüge und Kleider steckt. Mark Van Denesse leuchtet die Bühne, ohne große dramatische Effekte zu setzen und unterstreicht so die Kühle, die sich Perceval wünscht.

Die Sänger bewegen sich am oberen Rand des Mittelmaßes. Ein Deutschlehrer hätte hier noch einiges bewegen können, und auch in der Wortverständlichkeit bleiben hier und da Wünsche offen. Olga Pudova beherrscht die Konstanze, bleibt aber ein wenig blutleer. Da vermag Rebecca Nelsen noch Akzente zu setzen, wenn sie am 1. Februar die Rolle übernimmt. Aufhorchen lässt Claire de Sévigné aus dem Jungen Ensemble als Blonde. Hier meldet sich eine zu Wort, die spielerische Leichtigkeit zeigt und damit stimmlich wie darstellerisch viel verspricht. Julien Behr beherrscht die Klippen, die der Gesang des Belmonte bietet, ohne dem jugendlichen Liebhaber den letzten Glanz zu verleihen. Denzil Delaere, ebenfalls aus dem Jungen Ensemble, als Pedrillo und Nahuel Di Pierro als Osmin zeigen gleichfalls ordentliche Leistungen, ebenso wie der Chor in der Einstudierung von Alan Woodbridge.
Herausragend sind ohne Ausnahme die Sprecher besetzt. Hier hat jemand bei der Besetzung ein ganz feines Ohr gehabt. Françoise Vercruyssen, Iris Tenge, Joris Bultynck und Patrice Luc Doumeyrou zeigen Wort für Wort, welche Kraft in den Texten von Erdogan steckt, mal sehnsüchtig, mal resigniert, dann wieder verletzt und trotzdem noch von Hoffnung beseelt, ehe sich der Tod als wahre Erlösung zeigt.
Mit Fabio Blondi steht jemand am Pult, der einen fabelhaften Mozart-Klang erzeugen kann, mit viel Einsatz die Balance zwischen Bühne und Graben findet. Ganz wunderbar spielt ihm das Orchestre de la Suisse Romande in die Hände. Und so findet ein kontrastreicher Abend zu einem Ergebnis, das sich unbedingt zu erleben lohnt.
Im Publikum, das reichlich Arien-Applaus liefert, macht sich am Ende der Unmut derjenigen Luft, die die Entführung aus dem Serail sehen wollten und nicht auf den Abend eingelassen haben. Da sind vereinzelte, aber lautstarke Buh-Rufe gleich nach dem Vorhang zu hören. Und während Darsteller wie Musiker gefeiert werden, bleibt für das Leitungsteam wenig mehr als höfliches Klatschen.
Aviel Cahn verlangt seinem Publikum einiges ab, wenn er ihm bekannte Meisterwerke verspricht, von denen letztlich nur Fragmente gezeigt werden. Gelingt es ihm allerdings, das Niveau zu halten, das er am heutigen Abend gezeigt hat, dürfen die Genfer sich in den nächsten Jahren auf großartiges, neues Musiktheater freuen. Nur die Museumsgänger, die werden vielleicht dann lieber nach Zürich fahren.
Michael S. Zerban