Poetische Frauenbewegung

THE SEA WITHIN
(Lisbeth Gruwez)

Besuch am
24. Januar 2020
(Premiere)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Lisbeth Gruwez ist in Belgien geboren und begann mit sechs Jahren mit klassi­schem Ballett. Sie studierte an der König­lichen Ballett­schule in Antwerpen und anschließend in Brüssel zeitge­nös­si­schen Tanz. Zusammen mit dem Musiker und Kompo­nisten Maarten Van Cauwen­berghe gründete sie 2007 die Compagnie Voetvolk – zu Deutsch Fußvolk – und erarbeitet sich seitdem einen Erfolg nach dem anderen, indem sie ihre eigene, von Präzision gekenn­zeichnete Handschrift ständig weiter­ent­wi­ckelt. Ihre neueste Arbeit ist The Sea Within – das Meer innerhalb – mit der sie im Mai 2018 erstmals in Deutschland auftrat. Und zum ersten Mal tanzt sie eine Choreo­grafie nicht mit. Statt­dessen schickt sie in Düsseldorf neun Tänze­rinnen auf die Bühne. Ursprünglich waren es elf, bei der deutschen Erstauf­führung zehn Tänze­rinnen und vermutlich vertrüge das Werk auch eine weitere Reduktion. Es ist wie bei einer guten Tomaten­sauce: Wer sie zur wirklichen Delika­tesse bringen will, lässt sie einkochen, um die verschie­denen Ingre­di­enzien schmackhaft mitein­ander zu verbinden.

Foto © Danny Willems

Im Großen Saal im Tanzhaus NRW ist die Bühne denkbar einfach, aber raffi­niert von Marie Szersnovicz gestaltet. Die Boden­fläche ist holzfarben, vermittelt aber im Verlauf immer mehr den Eindruck, Sand am Meeres­grund zu sein. Nach hinten ist die Bühne durch eine hochge­zogene Leinwand abgeschlossen, die Seiten­bühnen sind verhangen. Von dort aus betanzen die Tänze­rinnen im Halbdunkel – das Licht hat Harry Cole einge­richtet – die Bühne. Ein Zitat begleitet die Auffüh­rungs­serie, mit dem Gruwez ihre Arbeit erklärt. „Man ist heutzutage sehr wohl darin geübt, Dinge ausein­an­der­zu­nehmen. Jedoch vergisst man oft, sie wieder zusam­men­zu­setzen.“ Das macht sie zur Prämisse ihrer Arbeit, indem sie die einzelnen Tänze­rinnen im Chaos ihrer Bewegungen nicht allein lässt, sondern sie immer wieder zu einer Gruppe zusammenführt.

Gerade diese Gruppen­bildung hat es in sich. Hier finden nicht nur musika­lische Kumulation und Höhepunkte, sondern auch Bewegungs­ab­läufe statt, die geradezu poetisch wirken. Da verwinden sich Individuen zu einer Solidar­ge­mein­schaft, die zu immer neuen Ergeb­nissen findet. Mal kämpfe­risch, mal strudelnd wie Tang, immer aber voller Impulse zeigt sich die Gruppe auch schon mal in einer Linie, von Cole in einen Licht­strahl gesetzt. Daraus ergibt sich insgesamt eine „poetische Frauen­be­wegung“, die das Publikum eine Stunde lang in ihren Bann zieht. Dass in den Momenten, in denen die Frauen einzeln ihre Bahnen ziehen, starke Charaktere sichtbar werden, gibt der Choreo­grafie zusätz­liche Würze.

Was den Abend zu einer Beson­derheit werden lässt, ist die Kompo­sition von Maarten Van Cauwen­berghe. Er versteht es, sich vom Piano in die Ekstase treiben zu lassen, ohne den grund­sätzlich medita­tiven Charakter zu verlieren.

Das Publikum im nahezu vollbe­setzten Saal genießt den Abend und applau­diert engagiert einer verträumten Aufführung, die mit ungewöhn­licher Bewegungs­sprache beein­druckt. Da wird gejohlt und geklatscht, vereinzelt stehen die Besucher auf, um die Damen in ihren T‑Shirts und Mieder­hosen zu beglück­wün­schen. Schön, dass Gruwez und Van Cauwen­berghe in Düsseldorf angekommen sind.

Michael S. Zerban

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