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Foto © Christian Ahlborn

Dann doch lieber sterben

THE LAST MORTAL
(half past selber schuld)

Besuch am
29. Januar 2020
(Premiere)

 

Forum Freies Theater, Düsseldorf, Kammerspiele

Manchmal kommt eine Aufführung so leicht­füßig und elegant daher, dass man den riesigen Aufwand, der sich dahinter verbirgt, höchstens ahnen kann. Um es gleich vorweg­zu­nehmen: Die Kammer­spiele des Forums Freies Theater in Düsseldorf haben einen richtig großen Theater­abend erlebt. Verant­wortlich dafür zeichnet das Theater­kol­lektiv half past selber schuld, das den zweiten Teil seiner Trilogie Wonderland Inc. vorstellt. Vor knapp drei Jahren, genauer im April 2017, haben die „Erfinder des Bühnen­comics“ mit Kafka in Wonderland die fiktive Firma Wonderland Inc. präsen­tiert. „Das Künstler-Duo wirft einen Blick in die Zukunft der Menschheit, wo in einer hochtech­ni­sierten Welt eine Firma namens Wonderland Inc. die mensch­lichen Möglich­keiten um ein Vielfaches erweitert – mittels Genetik, Robotik und Nanotechnik“, beschrieb das Kollektiv damals seine Geschichte. Seit 1998 betätigen sich Ilanit Magarshak-Riegg und Frank Römmele als Regis­seure, Kompo­nisten, Musiker, Akteure, Trick­film­macher und Bühnen­bildner ihrer Stücke.

Jetzt kommt also mit The Last Mortal der zweite Teil der Trilogie auf die Bühne, an dem auch wieder Eli Zachary Socoloff Presser als Co-Autor und ‑Regisseur mitge­wirkt hat. Inhaltlich hat sich an der Ausgangs­si­tuation nichts geändert. Und auch die Mittel bleiben die gleichen. Trotzdem ist alles ganz anders. Das Kollektiv geht jetzt davon aus, dass die Künst­liche Intel­ligenz mit ewigem Leben die Welt übernehmen wird. Und so wird zusätzlich ein Wettbewerb ausge­schrieben, bei dem für den letzten Sterb­lichen ziemlich unnütze Preise ausgelobt werden – aber Haupt­sache Preise. Im Verlauf der Episo­den­ge­schichte wird der erste Unsterb­liche geboren, der – so viel sei verraten – auch wieder stirbt. Während­dessen betreibt die Wonderland Incor­po­ration kräftig Werbung für Produkte, die das Leben der Sterb­lichen verlängern sollen.

Foto © Christian Ahlborn

Auf einer leeren Bühne, in deren Hinter­grund lediglich eine Projek­ti­ons­fläche aufgebaut ist, entfaltet sich ein buntes Panop­tikum an selbst­ge­bauten Requi­siten, Puppen, verrückten Kostümen und Filmen. Da sprüht die Fantasie. Jede Szene ist ein Kunstwerk für sich. Wenn etwa Adolf Hitler als Puppe mit brauner Uniform und blauem Kopf auftritt, um zu versuchen, den Wissen­schaftlern neueste Technik abzuschwatzen, ist das nur einer von vielen witzigen, aber auch nachdenklich stimmenden Einfällen. Raffi­niert auch die Schat­ten­spiele in Kombi­nation mit Trickfilm. Christine Marie hat an dieser komplexen Auffüh­rungsform mitgewirkt.

Neben den Regis­seuren, die „selbst­ver­ständlich“ auch auf der Bühne agieren, müssen Florian Deiss, Marko Erak Bonsink, Tijmen Brozius, Bruno Bell, Roy Tracy und Anya Askew sämtliche Kräfte aufbieten, um zwischen eigener Aktion und Puppen­spiel-Animation die Kostüm­wechsel zu bewerk­stel­ligen. Die Anstren­gungen lohnen sich. Das Publikum spart nicht mit Szenen­ap­plaus. Das die Texte großen­teils in Englisch vorge­tragen werden, sollte bis auf einige Passagen selbst für Menschen, die dieser Sprache nicht mächtig sind, kein größeres Problem darstellen. Und dass das Stück überhaupt auf Englisch vorge­tragen wird, versteht jeder, der die Markt­macht und die Betäti­gungs­felder von Firmen wie Google kennt, die die Deutschen im digitalen Bereich längst weit hinter sich gelassen haben. Viele Klang­pas­sagen werden von der Festplatte einge­spielt, aller­dings in hervor­ra­gender Qualität.

So auch die Musik, die ebenfalls von half past selber schuld kompo­niert und einge­spielt wurde, eingängig, ohne Angst vor Melodie und nicht nur Beiwerk, sondern echter Bestandteil der Aufführung.

Nach nur einer Stunde, die wie im Flug vergeht, weiß das Publikum, dass die 30.000 Tage, die ein Mensch durch­schnittlich lebt, einfach zu wenig sind. Ob aller­dings genetische oder künst­liche Eingriffe wie Nano-Roboter geeignet sind, für eine sinnvolle Lebens­ver­län­gerung zu sorgen, müssen die Zuschauer für sich selbst entscheiden. Den Akteuren auf der Bühne kann es egal sein, ihnen ist der letzte Sterb­liche bekanntlich schon wegge­storben. Sie müssen nur noch heraus­finden, wer es war. Aber das inter­es­siert die Menschen im Saal auch nicht mehr wirklich. Sie feiern lieber eine komplexe, aufwändige, fanta­sie­volle, kluge Theater­auf­führung, wie man sie nicht mehr so oft erlebt, mit überschwäng­lichem Applaus und entlassen die Darsteller nur ungern. Damit hat das Forum Freies Theater die Messlatte gleich zu Jahres­beginn mal richtig hoch gelegt.

Michael S. Zerban

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