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DAS HEIMLICHE LIED
(Diverse Komponisten)
Besuch am
5. Februar 2020
(Einmalige Aufführung)
Westdeutscher Rundfunk, Funkhaus Wallraffplatz, Kleiner Sendesaal, Köln
Wer sich für den Besuch beim Westdeutschen Rundfunk im Kleinen Sendesaal des schon legendären Funkhauses am Wallraffplatz in Köln entscheidet, muss sich darauf einlassen, dass das Ordnungspersonal am Eingang ein unerbittliches Urteil über modische Trends fällt. Ein modernes Sakko in Überlänge gilt bei den Damen und Herren in dunklen Kostümen als Mantel und gehört damit in die Garderobe. Ob das vom Gast gewünscht ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Eine Jeans-Jacke, passend zum Jeans-Outfit? Eine Jacke ist eine Jacke. Ab zur Garderobe oder kein Eintritt. Vor den Dienstanweisungen der Ordnungskräfte sind alle gleich. Die normative Vorstellung zur Abendgarderobe nachgeordneten Personals ist zu überwinden, ehe es der Kunst gilt. Durchaus kein Einzelfall. Auch an renommierten Konzerthäusern muss man sich immer wieder mit dem Einlasspersonal über deren modische Kenntnisse auseinandersetzen.

An diesem Abend hilft es nicht. Das sorgfältig ausgewählte Kleidungsstück zur Kaschierung überbordender Körperfülle muss weichen, die Selbstentblößung teilt man immerhin mit anderen. Doch während man noch versucht, das eigene Unwohlsein zu überwinden, beginnt ein ganz wunderbarer Liederabend, der selbstverständlich aufgezeichnet wird, um am 12. Februar in der Reihe Funkhauskonzerte beim Westdeutschen Rundfunk ausgestrahlt zu werden.
Anna Herbst, ihres Zeichens Opernsängerin, Spezialistin für Alte und Neue Musik, hat dazu ein Programm ausgewählt, das nicht nur am Reißbrett überzeugt, sondern vor allem im Zusammenspiel mit ihren Kollegen für einen kurzweiligen Abend sorgt. Die Moderation übernimmt Johannes Zink. Dabei beschränkt er sich nicht auf die reine Ansage der Musiktitel, sondern lässt die Musiker erzählen, warum dieser Abend unter der Überschrift des Originalklangs steht. So spielt Tobias Koch mit Begeisterung auf einem 199 Jahre alten Flügel von Conrad Wolf, „einst der Rolls-Royce unter den Klavieren“. Der Steinway der Biedermeier-Zeit wird in der WDR-eigenen Sammlung liebevoll gepflegt, erzählt der Pianist, der exakt auf diesem Fortepiano seine erste Produktion in Diensten des Hörfunksenders einspielte. Die Klarinette von Lisa Shklyaver wurde im Jahr 1840 gebaut.

Die historischen Instrumente werden an diesem Abend für das Programm Das heimliche Lied benötigt. So heißt ein Gedicht von Ernst Koch, das Louis Spohr 1837 vertonte und das damit stellvertretend für den Abend steht, an dem die „hohe Kunst der Romantik, lyrische Stimmungen in wechselnden kammermusikalischen Farben zum Schwingen zu bringen“, im Mittelpunkt steht. Nach fünf Liedern von Ludwig van Beethoven, die Herbst und der Tenor Markus Schäfer wechselweise zu Gehör bringen, stehen Komponisten mit weniger bekannten Namen auf dem Zettel. Neben Spohr und Conradin Kreutzer wird die Arbeit von Norbert Burgmüller besonders gewürdigt. Burgmüller, 1810 in Düsseldorf geboren, war ein höchst vielversprechendes Talent. In seinen Frühwerken sind die Einflüsse seines Lehrers Spohr und Beethovens herauszuhören, aber auch schon eine höchst eigene Tonsprache. Seine Schaffensphase war nur kurz, denn bereits mit 26 Jahren starb der Komponist in Aachen. Beim Funkhauskonzert gibt es nicht nur musikalisch außerordentlich Hörenswertes, sondern auch eine Einordnung seines Werkes im Gespräch. So gestaltet sich der Abend abwechslungsreich und bisweilen amüsant.
Für die hohe musikalische Qualität sorgen die Akteure auf der Bühne. Tobias Koch bleibt am Fortepiano naturgemäß, aber höchst angenehm eher im Hintergrund. Anna Herbst, höchst liederfahren, lässt ihrer Stimme freien Lauf, bleibt in den Höhen wunderbar geschmeidig und setzt wortverständlich durchaus auch eigene Akzente. Markus Schäfer setzt die gesungenen Geschichten auch mimisch um, so dass der Bierernst außen vor bleibt. Professionelle Ungezwungenheit legt auch Lisa Shklyaver an der Klarinette an den Tag, die sie virtuos und mit leichtem Atem beherrscht. Es hat seinen Grund, dass sie seit vielen Jahren als Soloklarinettistin im Orchester Anima Eterna wirkt und mit dessen Chef, Jos van Immerseel, ein gemeinsames Album eingespielt hat.
Das Publikum zeigt sich vom wunderbaren Zusammenspiel der Musiker begeistert und ist so freigiebig mit Applaus, dass Koch zwischenzeitlich gar um etwas Zurückhaltung bitten muss, um die Liederzyklen nicht allzu sehr zu zerfleddern. So verfliegen in der angenehm intimen Atmosphäre des Kleinen Sendesaals anderthalb Stunden im Nu. Ein solcher Abend ruft nach Wiederholung – nicht nur im Radio.
Michael S. Zerban