Die eigene Stimme vertanzen

THE LISTENERS
(Alma Söderberg)

Besuch am
7. Februar 2020
(Deutsche Erstaufführung)

 

PACT Zollverein, Essen

Das Licht flammt auf, rhyth­misch dröhnende Musik setzt ein. Neun Tänzer haben sich gleich­mäßig auf dem weißen Tanzboden verteilt. Ihre abgezir­kelten, zurück­ge­nom­menen Bewegungen passen sich dem Rhythmus der Musik an, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Vom ersten Augen­blick an gelingt es Alma Söderberg, das Publikum in den Bann zu ziehen.

Die Schwedin hat zeitge­nös­si­schen Tanz, Choreo­grafie und Flamenco in Amsterdam studiert. In den letzten neun Jahren hat sie ihre ganz eigene Tanzsprache entwi­ckelt, indem sie Elemente wie Musik, Rhythmus und Gesang in Beziehung zu Tanz und Bewegung setzt. Daraus ergeben sich Gestal­tungs­mög­lich­keiten, die man so noch nicht kennt. Das hat die Cullberg-Compagnie inspi­riert, bei der Choreo­grafin ein erstes Werk in Auftrag zu geben. Cullberg wurde 1967 von Birgit Cullberg gegründet. Eines ihrer Marken­zeichen ist, dass die Compagnie regel­mäßig inter­na­tional bekannte Choreo­grafen verpflichtet, für sie eigene Stücke zu schaffen. Bei PACT Zollverein ist Söderberg keine Unbekannte. Hier hat sie bereits eigene Urauf­füh­rungen gezeigt. Und so liegt es nahe, dass auch die deutsche Erstauf­führung von The Listeners – die Zuhörer – in der Essener Spiel­stätte stattfindet.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der Titel irritiert vor allem dann, wenn man die Intention der Choreo­grafin kennt. Der geht es nämlich nach eigenen Angaben darum, mit den Tänzern das Zuhören auf der Tanzfläche zu erfor­schen. Ihre Fragen oder die Antworten der Tänzer werden für das Publikum nicht deutlich, weil etwas viel Besseres geschieht. Faszi­niert erleben die Zuschauer, wie sich die Gesamt­gruppe spaltet, aus der Musik von der Festplatte Chorgesang erwächst, der sich wieder in Einzel­stimmen aufspreizt. Die Heraus­for­derung für die Tänzer – und der Überra­schungs­effekt für das Publikum – ist, dass hier nicht einfach irgend­welche Liedchen gesungen werden, sondern eine ganze Tonku­lisse mit stimmlich erzeugten Lauten aufgebaut wird, die in direkter Beziehung zur Bewegung steht. Daraus entstehen permanent neue Konstel­la­tionen, aus denen Solisten hervor­treten, die mit eigenen Klang­kunst­stücken glänzen. Für die Musik zeichnet Dehendrik Lechat Willekens verant­wortlich, der sich nach Wünschen der Choreo­grafin immer wieder in Endlos­schleifen verliert, in der Steigerung aber auch zu eigenen Liedtexten findet, die leider nicht immer verständlich sind und auch keinen offen­sicht­lichen Zusam­menhang bilden. Macht nix: Der Hörgenuss ist groß, behält über die Dauer die Spannung bei und sorgt hier und da beim Publikum auch für Lacher.

Behnaz Aram hat für die Tänzer bunte Kostüme entwi­ckelt, die einer­seits prakti­kabel für den Tanz sind, immer aber auch ein Stück Trans­parenz beinhalten. Da wird die Leich­tigkeit der Stimme unter­strichen, ohne auch nur einen Körperteil zu entblößen, der für den Tanz nicht wichtig wäre. Trans­parenz schafft auch Pol Matthé, der die Tänzer immer in helles Licht stellt, ohne zu überblenden oder Lange­weile aufkommen zu lassen.

Am Ende des Abends ist es den Zuschauern reichlich egal, wer hier eigentlich wem in welcher Konstel­lation zuhören sollte. Nach einer Stunde wird das Licht über schweig­samen Tänzern ausge­blendet, und das Publikum im fast vollständig besetzten Saal tobt. Das Stampfen der Füße hört nur deshalb auf, weil die Zuschauer lieber im Stehen applau­dieren. Und sie haben Recht: An diesem Abend geht man mit dem Gefühl nach Hause, etwas noch nicht Gesehenes und Gehörtes erlebt zu haben. Ein großer Abend für den zeitge­nös­si­schen, genre­über­grei­fenden Tanz.

Michael S. Zerban

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