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THE FALL OF THE HOUSE OF USHER
(Philip Glass)
Besuch am
7. Februar 2020
(Premiere am 1. Februar 2020)
Roderick Usher und sein Jugendfreund William pendeln bei ihrem Treffen zwischen ihrer eigenen Realgeschichte und ihren Halluzinationen, sie taumeln durch eine „unaufhörliche Erinnerungsspirale“, in der sie sich „eine Geschichte erfinden, die sie für ihr eigenes Leben halten.“
Hintergrund dieser Verwirrtheit ist der frühe Tod der Zwillingsschwester von Roderick, die mit neun Jahren Opfer eines Brandunfalls wird. Diese Erinnerung wird Ausgangspunkt einer Krankheit, die Roderick als „nervöse Angegriffenheit“ bezeichnet, verbunden mit einer Menge unnatürlicher „Erregungszustände“, die ihn Kleidungsstoffe unerträglich, Blumendüfte unausstehlich und Licht als quälend empfinden lässt, selbst viele Tonklänge erscheinen ihm „entsetzlich“. Sein Freund William sieht Roderick „dem Grauen sklavisch unterworfen“, dem grässlichen Phantom „Furcht“ ausgeliefert, unfähig, sein Leben nach eigenem Entwurf zu gestalten.
A. Poe hat mit seiner Erzählung von 1839, die wahrscheinlich auf mehrere, auch deutsche Vorlagen zurückgreift, Sebastian Ritschel für seine Münsteraner Inszenierung reichlich Material an die Hand gegeben, um Poes Spukgeschichte grauslich-realitätsnah ins Bild zu setzen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Regisseur Ritschel, auch für Bühne und Kostüme verantwortlich, setzt dem Zuschauer eine durchweg schwarz gehaltene, mit kalten Lichtbändern abgegrenzte Spielfläche gegenüber, die Personen tragen meist „jenseitige“ Kleidung. Die dunkle, ja, finstere Welt, in der sich die beiden Hauptprotagonisten Roderick und William begegnen und in der immer wieder rätselhafte Figuren auftauchen, schafft eine düstere, häufig bedrohliche Atmosphäre, die bis zum Schluss anhält. Eine fast bühnenfüllende Maske in Gold ist wesentliches Element der Inszenierung, sie wirkt durch wechselnde, sehr geschickt veränderte Beleuchtung mal statuarisch majestätisch, mal bedrohlich, aber auch leicht beschädigt oder gar als bedrohlicher Totenkopf, um in der Schlussszene durch Risse und Abblättern ihren baldigen Zerfall anzudeuten. Die Maske und ein in mehreren Szenen durchs Bühnenbild gefahrener Kinderwagen stellen den Bezug zum unglücklichen Tod von Rodericks Schwester her, versteckte Spiegelwände blenden immer wieder unerklärliche Reflexionen ein. Ein weiß gekachelter Raum auf der Rückseite der Goldmaske deutet einen medizinischen Behandlungsraum an, in dem Pascal Herington als Arzt seinem seltsamen „Handwerk“ nachgeht und durchaus Erinnerungen an Dr. Mabuse weckt.
Rodericks früh verstorbene Zwillingsschwester, rothaarig wie ihr Bruder, taucht wie ein Geist in unterschiedlichen Gestalten mehrmals im Stück auf. Ihr gibt Marielle Murphy eine jenseitige, sphärisch tönende Stimme. Youn-Seong Shim, Tenor, und Bariton Filippo Bettoschi als Roderick wirken mehr durch ihre gefühlvollen, ausdrucksstarken Stimmen als durch ihr Spiel. Filippo Bettoschi gibt einen reservierten, fast introvertierten Freund des Roderick. Ungefähr ein Dutzend Damen der Statisterie unterstreichen durch ihre schwarzen Glitzerkleider oder körperengen, cremefarbigen Trikots den kühlen Charakter der Bühnenatmosphäre.

Ritschel hat Poe ernst genommen, dem es nicht darum ging, „das Vorhandene abzubilden“, Poesie ist für ihn „die erste, die höhere Wirklichkeit“. Die Münstersche Aufführung überlässt dem Zuschauer manch offene Situation zur eigenen Deutung, die „keinen festen Umriss“ hat. Gleichwohl kommt dabei keine Langeweile auf, die Spannung trägt. Die von Poe mit Lust wiederholte Frage, „ob nicht der Wahnsinn die höchste Stufe der Geistigkeit bildet“, durchzieht diese moderne Oper von Anfang bis Ende und mutet dem Zuschauer zu, bei allen verwickelten und verworrenen Ereignissen auf der Bühne selbst einen Weg „durchs gleiche psychopathologische Unterholz“ zu finden. Die Reaktionen des Publikums lassen erkennen, dass das gleichwohl mit Aufmerksamkeit und Lust geschehen kann und genügend Unterhaltung bietet.
Philip Glass‘ Musik fällt mehrfach aus dem Rahmen. Der auf mehreren Instrumenten vielseitig ausgebildete und erprobte, 1937 geborene Musiker und Komponist, dessen umfangreiches Werk bis jetzt über 20 Opern, zahlreiche Filmmusiken, Werbetrailer, aber auch die Eröffnungsmusik zu den Olympischen Sommerspielen 1984 in Los Angeles umfasst, gewinnt seine Inspirationen aus „Materialien, die im Alltäglichen zu finden sind“. Die Musik in der Usher-Aufführung beginnt mit einem langen Stakkato durch mehrere Instrumente, die in ihrer Gesamtheit indische Einflüsse erkennen lassen. Einfache Akkorde, zahlreiche Arpeggien, langanhaltende Tonpassagen halten die Musik als Begleitmusik des Bühnengeschehens eher im Hintergrund. Stefan Veselka mit einem Dutzend Musiker gelingt es ohne Mühe, diesen etwas anderen Klang leuchten zu lassen.
Die Münstersche Aufführung des Hauses Usher bietet ihren Besuchern sowohl die Chance bester, weil spannender Unterhaltung als auch genügend Anlässe, über das menschliche Dasein wie über sich selbst nachzudenken. Die unromantische Musik wie die Charaktere des Stückes lassen ihn erfahren, dass „ich mir selbst ein unerklärlich Rätsel“ bin, wie E. T. A. Hoffmann sagte, und die Trennungslinie zwischen Fakt und Fiktion unscharf bleibt. Ein Abend, der den Besuchern im Gedächtnis bleiben wird. Die Zuschauer bestätigen das mit einem langanhaltenden Schlussapplaus, mit dem sie sich für einen ungewöhnlichen, sehr gelungenen Abend bedanken.
Horst Dichanz