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Alcina allerorten: Die Händeloper erlebt eine Vielzahl von Neuinszenierungen und Aufführungen im gesamten europäischen Raum. Hannover bringt in diesem Reigen eine Produktion des Theaters Basel aus dem Jahre 2017 vor Ort neu heraus. Regie führt die vielbeschäftigte Künstlerin Lydia Steier.
Auf der einen Seite steht die auf einer Insel ihre Liebhaber in Bann schlagende Zauberin Alcina, die in einer liebenswert-bunten Kulissenwelt mit arte-povera-Elementen herrscht, liebt und ihre Verehrer in exotische Tiere oder Felsen verwandelt, sobald sie ihrer überdrüssig wird.
Auf der anderen Seite steht Bradamante, die ihren versprochenen, zwischenzeitig aber von Alcina umgarnten Liebhaber zurück ins bürgerliche, hoch-effizient durchorganisierte, öde, produktionsorientierte Arbeitsleben führt. Sie findet sich mit ihrem angebeteten Ruggiero schließlich im grauen Büroalltag wieder, wo sie auch die anderen verwandelten Liebhaber in ebenso grauen Anzügen an Schreibmaschinen als Büroarbeiter knechtet – sie ist die neue Herrscherin ohne Zauber, aber viel Macht in dieser bürgerlichen Arbeitswelt.
Die Handlung ist geprägt von allerlei barock-typischen Irrungen und Wirrungen der handelnden Personen, die durch Verkleidungen und Verstellung an ihre Ziele und letztlich ihre geliebten Partner zu gelangen versuchen. Alle Abläufe bilden immer zugleich Vorwand und Plattform für die wechselnden seelischen Zustände, die die handelnden Personen erleben und ggf. durchleiden.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Auf der Bühne von Flurin Borg Madsen und in den Kostümen von Gianluca Falaschi werden so im Kern zwei Lebens- und Liebeswelten gegenübergestellt. Beide Welten durchleben die Akteure in zwiespältigen Emotionen. Letztlich erscheinen beide Lebensräume nicht geheuer und emotional zweifelhaft.
Alcinas Insel wirkt wie ein liebenswerter Mummenschanz mit allerlei Pappkulissen und quietsch-buntem Kostümzauber, dem man angesichts der schwankenden Liebesempfindungen der Zauberin nicht trauen kann, und die öde Produktionswelt im Büro-Alltag Bradamantes verheißt wenig Geheimnis und Geborgenheit. Sicherlich ebenso wenig ein befriedigendes Lebens- und Liebesumfeld.
Das Regieteam zusammen mit der Lichtgestaltung von Roland Edrich weiß zu den Szenarien Bilder in wirkungsvoller Klarheit, aber hinreichender Abstraktion zu kreieren. Die Pappkulissen für Alcinas einsame Insel werden im rechten Moment auf offener Bühne in den Hintergrund geschoben, bevor sich lange Reihen von Bürotischen mit Schreibmaschinen unter standardisierter Neonbeleuchtung in den Raum schieben. Die sensible Personenführung stellt jederzeit sicher, dass eine immer glaubhafte und erfüllte gesangliche und darstellerische Ausformung der Arien für die Sängerdarsteller möglich ist und die wechselnden Emotionen von Freude, aber auch des Zweifels und der Unsicherheit intensiv vermittelt werden.

Nur der Junge Oberto nimmt eine andere, kindlich-sehnsuchtsvolle Haltung ein und steht in gewisser Weise ganz außerhalb des Geschehens. Er erhofft sich die Wiederkehr seines Vaters. Seine Träume und sein Sehnen sind noch die eines Kindes, gänzlich ungebrochen von den Verwicklungen der Erwachsenen. Er steht in gewisser Weise außerhalb der gezeigten Umgebung und durchlebt die Hoffnungswelten eines unverdorbenen Kindes.
Die Sänger der Produktion pflegen einen geerdeten, keinesfalls künstlich-ziselierten Händel-Stil. Ensemblemitglied Hailey Clark bewährt sich mit einem verhältnismäßig kraftvollen Sopran, der jedoch in den Momenten des Zweifelns und der Verletzung eine eindrucksvolle Nachdenklichkeit und Melancholie verbreitet. Countertenor Vince Yi bringt möglicherweise insgesamt das verletzlichste Timbre in das Sängerensemble ein. Seine Tongebung ist zart, seine Koloraturen sind treffsicher und perlend.
Klar und durchsichtig die Gesangsbögen von Avery Amereau als Bradamante, die nach dem Szenenwechsel in den bürgerlichen Alltag im grauen Kostüm zunächst gar nicht wiederzuerkennen ist. Spielfreudig und mit ungebrochenem stimmlichem Einsatz vermag Rupert Charlesworth als Oronte zu überzeugen. Eine besondere Freude bereitete Veronika Schäfer als Oberto in all ihrer Unschuld, und der silberklaren und treffsicher sitzenden, jungen Sopranstimme. Das Rollen- und Bühnendebüt dieser jungen Nachwuchssängerin an der Staatsoper Hannover hätte besser nicht gelingen können.
Der Chor der Staatsoper Hannover unter der Leitung von Lorenzo Da Rio und Matthias Wegele ist oft im Orchestergraben positioniert und bewerkstelligt seine Aufgaben mit Feingefühl und Präzision.
Dirigent Dubrovsky hat sich als Barockexperte und Gründer des Bach Consort Wien in den vorangegangenen Jahren einen Namen in der Opernwelt gemacht. In Hannover gelingt ihm zusammen mit der besonderen Besetzung des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover mit Gästen unter anderem für Laute, Theorbe und Barockgitarre schon nach kurzer Zeit eine dynamisch dichte, rhythmisch außerordentlich bewegende Deutung der Partitur. Die überzeugende, nie nachlassende dynamische Agogik und emotionale Intensität der Aufführung wird ganz wesentlich durch das engagierte Orchesterspiel geprägt.
Langanhaltender Beifall, viele Bravorufe für die Sänger und das Regieteam, insbesondere aber auch für die Orchesterleistung unter Rubén Dubrovsky. Hannover ist eine in der Spielzeit nach den vorangegangenen Erfolgen bei den Neuproduktionen mit der Übernahme dieser Produktion aus Basel eine schöne, vorzeigbare Erweiterung und Bereicherung im Repertoire gelungen.
Achim Dombrowski