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Peter Tschaikowskys Puschkin-Oper Pique Dame steht derzeit hoch im Kurs. Allein im Rheinland widmet sich jetzt mit dem Theater Aachen nach der Deutschen Oper am Rhein und dem Aalto-Theater Essen innerhalb weniger Monate die dritte Bühne der Region dem russischen Spieler- und Liebesdrama. Im Vorfeld schon hat Regisseurin Ewa Teilmans verlauten lassen, welchen Ehrgeiz sie in die Produktion investieren wollte. Und gespart hat man in Aachen an nichts. Weder an einer vorzüglichen Besetzung noch an aufwändigen Bühnenbildern und einer Flut an Kostümen, die die Nähmaschinen in Dauerbetrieb versetzt haben dürfte. Zudem zeigt man die ungekürzte Fassung mit allen Chorszenen und dem Schäferspiel als Intermezzo, so dass die Aufführung mit etwa dreieinviertel Stunden mehr als eine Stunde länger dauert als die gelichtete Fassung in Essen.
Dass das Ergebnis dennoch einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt, liegt möglicherweise daran, dass Teilmans zu viel zeigen will. Sie hat Recht, wenn Sie darauf hinweist, dass Tschaikowsky die ungleiche Liebesbeziehung zwischen Hermann und Lisa deutlicher betont als Puschkin, den das Spieler-Schicksal stärker interessierte. Aber gerade die Feinheiten, die eine intime und filigrane Umsetzung der tragischen Liaison erfordern, werden permanent durch ablenkenden Aktionismus überspielt. Der Chor und eine Statistentruppe sind fast ständig präsent und wenn es zu intimeren Treffen kommt, umschwirren drei „Schreckgestalten“ mit Totenmasken die Protagonisten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die von der geheimnisvollen Gräfin und dem wachsenden Wahnsinn Hermanns ausgehende Dämonie interessiert die Regisseurin weniger. Die Gräfin erweist sich als selbstbewusste, ältere Frau mit neutraler Ausstrahlung, Hermann erschießt sich am Ende eher wegen seiner ausweglosen Situation, nicht als Folge eskalierender Wahnvorstellungen. Und Lisa stürzt sich auch nicht in die Newa, sondern verlässt im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte lebend den Geliebten und die Bühne.
Die Kernhandlung inszeniert Ewa Teilmans also recht nüchtern. Um die auch in der Musik spürbare Dämonie der Handlung nicht zu kurz kommen zu lassen, greift sie auf den Einsatz von Statisten zurück, die freilich eher einen Mummenschanz veranstalten, als die Defizite ausgleichen zu können. Warum die Staffage in Starre verharrt oder in puppenhaft mechanische Bewegungen gerät, bleibt nicht nur unklar, sondern lenkt zusätzlich ab. Angesichts der permanenten Unruhe auf der Bühne wird auch der an sich von der Regisseurin gut gemeinte Sinn des Intermezzos vernebelt. Denn die Idee, in dem Schäferspiel die Dreiecksbeziehung zwischen Lisa, dem ihr von der Gräfin aufgezwungenen Fürsten Jeletzkij und ihrem Geliebten Hermann zu spiegeln, ist im Ansatz diskutabel.
Obwohl Elisabeth Pedross die Bühne in zwei Etagen teilt, wird es oft so eng, dass der Blick auf die Protagonisten auch szenisch immer wieder eingeschränkt wird. Und das merkwürdige Grün, das die Wände ihrer Dekorationen schmückt, wirkt so penetrant, dass die Figuren verblassen. Ihre große Arie singt Lisa auf einer riesigen, auf dem Boden gelagerten Uhr wie die Traviata in Willy Deckers denkwürdiger Salzburger Inszenierung. Hier wirkt der Einfall jedoch isoliert und ohne zwingende Logik. Da hat man von der Bühnenbildnerin in Aachen schon Überzeugenderes gesehen.

Es ist kein Zufall, dass die Szene am stärksten wirkt, in der Ewa Tilmans am Zurückhaltendsten vorgeht: Wenn nämlich Hermann in das Schlafgemach der Gräfin eindringt und sich der Fokus ausschließlich auf die Interaktion zwischen den beiden Figuren konzentriert. Ein Indiz für die Vermutung, dass die Inszenierung durch eine konsequente Reduktion der optischen Ablenkungsmanöver erheblich mehr an Nachdruck und Stringenz gewinnen könnte.
Generalmusikdirektor Christopher Ward zeigt durchaus Sinn für das spezifische Kolorit der Musik, wobei ihm das Aachener Sinfonieorchester mit einer gehörigen Portion an Klangsinnlichkeit folgt. Allerdings scheint es, dass er vor den akustischen Problemen des Theaters schon so weit resigniert hat, dass er nicht ansatzweise versucht, den Lautstärkepegel des Orchesters zu dämpfen. Wie gewohnt sind die Sänger gezwungen, forcierter zu singen als nötig.
Das mindert den insgesamt vorzüglichen vokalen Eindruck der Produktion nur marginal. Larisa Akbari verkörpert eine sensationelle Lisa. Jugendlich, selbstbewusst, stimmlich mit lyrischer Sensibilität und ausreichender Kraft für die dramatischen Akzente ausgestattet, markiert sie einen Höhepunkt der Aufführung. Die extrem kräftezehrende Partie des Hermann bewältigt Cooper Nolan mehr als beachtlich, auch wenn ihm die Anstrengungen deutlicher anzuhören sind als seiner Kollegin. Ronan Collett stellt einen noblen Fürsten Jeletzkij mit einer prachtvoll gesungenen Bravour-Arie dar. Auf gleichem Niveau bewegen sich Fanny Lustaud als Pauline und Hrólfur Saemundsson als Graf Tomskij. Livia Budai gelingt eine eindrucksvolle Rollenstudie der Gräfin. Auch der verstärkte Opernchor und der Kinderchor des Aachener Theaters lassen keinen Wunsch offen.
Das Aachener Premieren-Publikum reagiert mit großer Begeisterung auf einen ambitionierten und stimmlich hervorragenden Abend, bei dem szenisch allerdings eine Menge an innerer Spannung verschenkt wird.
Pedro Obiera