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DER ROSENKAVALIER
(Richard Strauss)
Besuch am
9. Februar 2020
(Premiere)
Für viele Opernliebhaber ist Der Rosenkavalier das Opus Magnum von Richard Strauss. Seit der sehr erfolgreichen Uraufführung 1911 in Dresden ist und bleibt es ein beliebtes Werk im Repertoire eines jeden Opernhauses, welches sich leisten kann, die nicht geringen Anforderungen zu stemmen. Immerhin benötigt es ein etwa 100 Musiker starkes Orchester, plus Chor, Kinderchor und selbstverständlich ein erstklassiges Sängerensemble. Das literarisch pointierte und poetische Libretto von Hugo von Hofmannsthal trägt sicherlich auch zum Genuss bei.
Bei der Neuproduktion an der Staatsoper Unter den Linden gibt es einige Debüts. Allen voran ist es die erste Operninszenierung im deutschsprachigen Raum für den mittlerweile 72-jährigen André Heller, bekannt als Autor, Schauspieler, Regisseur von Zirkus- und Musicalshows und nicht zuletzt bekannt für seine zauberhaften Gärten in Italien und Marokko. Heller setzt die Produktion in die Zeit der Entstehung, der Wiener Sezession, mit seinen Vorlieben für exotischen Orientalismus. Ganz konkret den 9. Februar 1917, wie den Zuschauern ein projizierter – fiktiver – Besetzungszettel anvisiert – mit Lotte Lehmann als Marschallin, Richard Tauber als italienischer Sänger und sehr prominente Stummrollen, einschließlich Hugo von Hofmannsthal als Friseur Hippolyte.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Wer tiefgehende psychologische Deutungen erwartet, wird enttäuscht sein. Stattdessen erzählt Heller die Geschichte wie geschrieben. Somit können sich die Sänger voll und ganz auf ihre Charaktere konzentrieren, was ihnen auch die Gelegenheit gibt, sich musikalisch zu entfalten. Heller zeigt auch seinen großen Respekt vor der Musik, indem er eines der wohl schönsten Finale der Operngeschichte – Trio und Duett von der Marschallin, Octavian und Sophie – einfach musikalischen freien Lauf lässt, ohne große Regieanweisungen. Die Sängerinnen singen konzertant auf der verdunkelten, leeren Bühne und lassen Musik und Gesang ihre Magie entfalten. Manche Besucher verstehen diese Zurückhaltung nicht, und verkünden ihren Unmut beim Schlussapplaus. Das Gegenteil wäre richtig, im Weglassen liegt die Stärke, gerade bei dieser begnadeten Musik.
Die Malerin und Bühnenbildnerin Xenia Hausner entwirft bunte und fantasievolle Bühnendekorationen im Yves-Klein-blauen Bühnenportal: Das Schlafzimmer der Marschallin mit einer großformatigen Abstraktion eines an den Spätrenaissance-Maler Arcimboldo erinnerndes Motiv; der Palast des Neureichen Faninals mit opulent vergoldetem Wandfries à la Klimt – der dann auch persönlich mit seiner Muse Emilie Flöge unter den Gästen auftritt; der dritte Akt spielt dann in der Wüste Marokkos mit einem Zelt unter Bananenpalmen.
Dazu entwirft Arthur Arbesser Kostüme, die auch an diese frühe Jugendstilzeit erinnern und doch oft daneben landen, als hätte er in einen Kostümfundus gegriffen.

Camilla Nylund ist eine damenhafte, sich sehr bewusste Feldmarschallin. Sie sucht sich ihre Amouren so sorgfältig aus, wie edle Pralinen auch – man genießt sie mit einem Hauch Wehmut und Reue – aber wissend, dass es auch noch andere geben wird. Ihr wohlklingender Sopran ist eher kühl und das besiegelnde „ja, ja“ im dritten Akt birgt eine gewisse Ironie, ohne weitere große Sorgen, es wird schon alles gut werden. Allein Michèle Losier als Octavian ist der Feldmarschallin nicht gewachsen. Die androgyne Gestalt der Mezzosopranistin zeigt weder stimmlichen Glanz noch selbstbewusstes Auftreten. Dagegen ist die Sopranistin Nadine Sierra eine fast zu perfekte Sophie. Ihr warmes und klares Timbre passt zu der jugendlichen, ja fast Barbie-Puppenhaften Erscheinung. Diesem Stereotypen setzt sie ihren eigenen Kopf glaubhaft entgegen. Ihr Vater, Faninal, wird von Roman Trekel gegeben, dessen Bariton, man könnte meinen passend zur Rolle, einige Bruchstellen zeigt. Dafür ist seine – im wahrsten Sinne güldene – Erscheinung als verzweifelter Vater völlig glaubwürdig. In dieser Inszenierung ist Baron Ochs kein absoluter Grobian. Er hat auch seinen feinen ländlichen Zwirn an und stolziert gehörig herum. Günther Groisböck weiß um seinen Eindruck und sein Auftreten. Eine gute Kinderstube hat der Herr Baron schon genossen, aber irgendwann ist ihm seine Libido über den Kopf gewachsen, samt seinen Schulden. Mit prachtvollem Bass beherrscht er die Geschehnisse bis zum bitteren Ende als er auf die Intrige von Octavian reinfällt. Atalla Ayan ist der Sänger, der während des Levés im ersten Akt aufhorchen lässt mit einem warmtimbrierten, resonanten Tenor. Der von Anna Milukova gut einstudierte Chor übernimmt zahlreiche kleine Partien.
Im Graben herrscht Zubin Mehta mit magischer, meditativer Hand: Mit vorwiegend ziemlich breiten Tempi erlaubt er sich, dem Orchester und den Zuhörern die Auskostung jeder einzelnen Note der ungekürzten Partitur, jeder einzelnen melodischen Linie. Mehta, der ja aus der Wiener Schule von Hans Swarowsky stammt und sich mit dem Wiener Klang bestens auskennt, lässt besonders die Streicher in seligen Walzertakten schwelgen. Auch die berühmte Arie der Marschallin am Ende des ersten Aktes Da geht er hin bekommt eine melancholisch-traurige Süße, die unter die Haut geht.
Einhelliger Applaus für die Solisten, Musiker und den Dirigenten. Das Produktionsteam muss anfängliche Missfallenskundgebungen erdulden, die dann aber verstummen. Zum Schluss kann André Heller zufrieden sein, „das Publikum positiv erschüttert“ zu haben.
Übrigens: Jede Eintrittskarte berechtig vor der Vorstellung zum Besuch der Ausstellung der Werke von Xenia Hausner im nebenan liegenden Palais Populaire. Es lohnt sich, alleine um die modischen, pinkfarbenen Glas-Slipper zu sehen ebenso wie Arbeitsskizzen zum Rosenkavalier.
Zenaida des Aubris