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TOLOMEO, RE D‘EGITTO
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
14. Februar 2020
(Premiere)
Der von seiner Mutter, der ägyptischen Herrscherin Cleopatra ins zypriotische Exil getriebene, erstgeborene Königssohn, die Titelfigur, windet sich am Boden. Der zum Vorteil seines jüngeren Bruders Alessandro Verstoßene, gewandet in Alltagskleidung, die ihn nicht als einen Angehörigen des Establishments ausweisen, stöhnt, seufzt, ringt die Hände in tiefster Verzweiflung. Eine Existenz zwischen Tod und Leben, Suizid- und Zukunftsgedanken, Wahn und Wirklichkeit. Einfach perfekt als Lösung für Händels Nöte im Jahr 1728, nach den erfolgreichen Vorgängern Riccardo Primo und Siroe kurzfristig eine neue Zugnummer für das finanziell und beim Publikum angeschlagene Haymarket-Theater in London zu finden. Jakub Józef Orliński, der sich eben in der europäischen Counterszene einen Namen macht, gibt den Antihelden mit geschmeidiger Sangeskultur, imponierender Ausdruckskraft und großräumiger Tessitura. Seine Stimme ohne signifikantes eigenes Timbre vermag alle Gefühlsregungen eines vereinsamten, resignierenden und dann wieder euphorisierten Mannes wiederzugeben, erklimmt mühelos schwindelerregende Höhen und steigt nicht minder souverän in eine Tiefe hinab, in der ein veritabler Bass zuhause wäre. Ein Bravourstück ist im zweiten Akt die Paraphrase, in der er den Ton mit großer Vokalkraft an- und nach einem Verweilen auf dem Zenit wieder abschwellen lässt. Der Kastrat Senesino, Tolomeo der Uraufführung, hätte es vermutlich nicht großartiger gestalten können.
Orliński ist indes nicht der einzige Trumpf in Tolomeo Re d‘Egitto, mit der die 43. Internationalen Händel-Festspiele im Großen Haus des Staatstheaters Karlsruhe ihre angemessene Eröffnung erleben. Das Dramma per musica in drei Akten ist Händels vorletzte Oper unter seinen rund 40 Werken dieses Genres vor dem Spurwechsel ins Oratorienfach. Ein Alterswerk also eines schon frustrierten Komponisten, dessen italienischer Opernkunst „seine Londoner“ mehr und mehr die Gefolgschaft aufkündigen? So zugespitzt: keineswegs. Vielmehr ein Werk wie eine Klanggemälde gewordene confessio degli affetti, ein Tempel der Arienkunst, schön und erhaben wie Marmor, lyrisch und introspektiv wie ein Wasserfall im Morgenlicht. Mit der Wiederverpflichtung des Regisseurs Benjamin Lazar – der zweite Trumpf – gelingt Festivalmacher Michael Fichtenholz ein Inszenierungscoup, der sich zum Format eines gelungenen Sanierungsversuchs an Händels kaum gespieltem Spätwerk aufschwingt. Die Karlsruher Spielplanphilosophie, auch die verborgene, die unspektakuläre Seite des Komponisten aus Sachsen jenseits von Ariodante und Serse sichtbar zu machen, scheint einmal mehr aufgegangen. Kompliment!
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
2016 bringt Lazar Riccardo Primo im Stil einer Aufführung einer Barockoper um 1727 eindrucksvoll auf die Bühne. Jede Menge Kerzen, kostbare, schwere Roben, gemalte Kulissen und Arien an der Rampe. Jetzt, bei der Karlsruher Hauspremiere des Händel-Werks aus dem Folgejahr, gibt es die erste Kerze erst rund 90 Minuten nach der Ouvertüre. Ihr folgen dann nur noch ein, zwei weitere, dann ein kurz loderndes Feuer. Licht ist hier und heute sekundär, das Blau des Meeres vor Zypern nicht existent. Dazu ist auch der Plot des Nicola Francesco Haym nach Carlo Sigismondo Capeces Stück Tolomeo et Alessandro, ovvero La corona disprezzata von 1711 zu düster und – pardon – auch zu absurd, frei von mancher Erleuchtung. Wie soll man auch einem veritablen potenziellen Thronfolger, der sich als Hirte Osmin anonym auf Zypern aufhält, Glauben schenken, der seine geliebte Seleuce, hier dargestellt von Louise Kemény, ebenfalls als Schäferin getarnt, geschlagene zwei Akte nicht erkennt? Wie verstehen, dass die Seleuce-Widersacherin Elisa, die Eléonore Pancrazi gibt, eigentlich von Rache und Todesschwüren getrieben, Tolomeo nicht Gift, sondern ein Schlafmittel verabreicht, als sei die Handlung eine Art Vorläufer von Tristan und Isolde, zweiter Akt? Und wie das für die Barockoper typische lieto fine einordnen, in dem der geläuterte Alessandro, den Meili Li darstellt, auf seine Anwartschaft verzichtet und ihn nach dem Tod der Cleopatra als rechtmäßigen Herrscher anerkennt? Einzig ist immerhin der Bariton Morgan Pearse als zyprischer König Araspe mit seinem an Mozart-Partien geschulten Timbre ein berechenbarer Charakter, von Zorn und Racheempfindungen nach vorn gepeitscht.
Pure Künstlichkeit weicht 2020, um den Bogen noch einmal zu schlagen, einer exquisiten Natürlichkeit. „Die Naturoper schlechthin“ in Händels Schaffen nennt der italienische Barockdirigent Federico Maria Sardelli, der diesmal die fulminant aufspielenden Deutschen Händel-Solisten mit großer Intensität leitet, Tolomeo. Lazar findet denn auch mit seinem französischen Regieteam Adeline Caron für die Bühne, Alain Blanchot für die Kostüme, Yann Chapotel mit seinem Videodesign und Mael Iger als Lichtgestalter imponierende visuelle Lösungen, die auf den Urphänomenen der Natur beruhen – Wasser, Wolken, Wind, Gestade von Felsen. So avanciert seine Inszenierung vom Intrigen- und Schäferspiel hin zu einer Apotheose der Natur.

Ist der Einsatz von Video häufig modernistisches Spiel, ist er hier gut begründet und auf der prachtvollen Breite der Karlsruher Bühne außerordentlich wirksam. Heimliche Stars der Produktion sind einmal ein Sonnenuntergang, den die Protagonisten in einer Empfangshalle durch überdimensionale Fenster erleben, sowie zum zweiten das Meer zum Zeitpunkt der Flut. Die Woge steigt an, bricht sich an einem Stück Felsen rechts seitlich, türmt sich auf, um – wie der Vorbote einer Katastrophe im Zeichen des Klimawandels – über der Szenerie und den Handelnden hinwegzuschießen. Danach verharren die wie unter Wasser gefangen. Symbolisch hängen Nachbildungen von Quallen von der Decke, was im Publikum mit verhaltener Heiterkeit quittiert wird. In ihren besten Momenten korrespondieren diese Bilder mit den Seelenzuständen der Involvierten. „Die Welle bricht“, singt Seleuce der deutschen Übersetzung zufolge, „und weint mit ihren Tropfen um meine Liebe.“
Sind schon die Naturvideos eindrucksvoll, ist es das Spiel mit der Zeiterfahrung nicht minder, das Lazar bildadäquat in seine Inszenierung unter Anleihen an die Filmkunst eingebaut hat. Bis die Sonne am Horizont vergeht, bis die Riesenwoge über der Szenerie zusammenschlägt, vergehen lange, lange Minuten. Minuten, die auch Händel seine Arien dauern lässt, gewiss con piacere, weil in der Castingkultur des Barocks auch das Ausspielen von Gefühlsregungen nicht in Sekunden zu machen oder zu haben ist. „Das Zeitempfinden wird ausgedehnt“, beschreibt der Regisseur seine Intention, „die Zeit scheint langsamer zu vergehen als sonst. Trotzdem oder gerade deswegen ist eine durchgehende Spannung zu verspüren, die das Ganze trägt.“
Wie vereinzelte Buh-Rufe zum Schluss gegen das Regieteam andeuten, wird dieses fordernde Konzept womöglich nicht durchgängig verstanden, so sehr es auch hauteng als barockaffin gedeutet werden kann. Dafür gilt einhelliger, anhaltender Jubel, durchsetzt mit Bravo-Rufen den Händel-Solisten, ihrem Dirigenten und ganz besonders dem Sängerensemble, nicht nur dem brillanten Orliński. Da wirken die bravourös beherrschten Koloraturen der Sopranistin Kemény noch nach, die derzeit auch als Marzelline im Bonner Fidelio zu erleben ist. Vielleicht auch noch ihr wundervoller Part im großartigen Duett mit dem Geliebten im zweiten Akt. Da ist noch der glühende Mezzo der Pancrazi lebendig, ihre auch vokale Karriere von der Strenge zur Milde. Und nicht zuletzt die lyrische Klangschönheit des Meili Li, des ersten chinesischen Countertenors mit globaler Perspektive.
Ein seltenes Spotlight auf die Festival-Eröffnung bringt schlussendlich noch Fichtenholz zum Leuchten, als der Bühnenvorhang schon lange geschlossen ist. Abgesehen vom Sänger der Titelpartie, enthüllt der Künstlerische Leiter der Festspiele bei der Premierenfeier, seien die Solisten nicht durch den üblichen Marathon im endlosen Zusammenspiel von Theaterleitung und Agentur gewandert. Vielmehr seien sie – quasi spontan – auf Grund lediglich von Auftritten bei Wettbewerben oder Aufführungen und anschließendem Vorsingen verpflichtet worden. Unter dem Strich etliche Rollen- und Hausdebüts und ein Beweis für die Lebendigkeit der ewig jungen Kultur der Oper.
Ralf Siepmann