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Foto © O-Ton

Griff in die Saiten

REGARDS CROISÉS
(Diverse Komponisten)

Besuch am
27. Februar 2020
(Urauf­führung)

 

Le Cap, Franzö­sische Kirche, Bern

L’art pour l’Aar: Wer das als Nicht-Schweizer hört, wird vermutlich erst mal ahnungslos mit den Achseln zucken. Und es ist anzunehmen, dass das auch vielen Schweizern so geht. Dabei verbirgt sich hinter diesem Namen eine spannende Geschichte zeitge­nös­si­scher Musik in der Haupt­stadt der Eidge­nossen. 2002 fanden sich nach einem Konzert spontan fünf Berner Kompo­nisten zusammen, um die Bürger ihrer Stadt für die Musik der Gegenwart zu begeistern. Da hieß es von Anfang an, dicke Bretter zu bohren. Und das initial gegründete Festival konnte sich auf Dauer auch nicht durch­setzen. Was blieb, war eine ganzjährige Konzert­reihe an verschie­denen Spiel­stätten, durch­fi­nan­ziert und mit einer festen Anhän­ger­schar, in der es erfreulich viele Spiel­räume gibt.

Layla Ramezan und Nazanin Piri, Pianis­tinnen irani­scher Herkunft, lernten sich im vergan­genen Jahr kennen. Beide nicht über Gebühr an roman­ti­schem Klassik-Reper­toire inter­es­siert, verstehen sie Musik als Dialog ohne sprach­liche Grenzen. In ihrer Idee waren sie sich schnell einig. Die Verbindung orien­ta­li­scher mit europäi­schen Kulturen birgt in ihrer Vorstellung ein Potenzial, das es erst noch zu entdecken gilt. Das klingt erst mal nicht so ganz neu. Schließlich gab es bereits im 18. Jahrhundert den Exotismus in der Musik. Eines der schönsten Beispiele dafür ist bis heute die Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart, womit auch gleich klar ist, dass es um die europäische Sicht­weise auf den Orient ging. Ramezan und Piri sind aller­dings am Perspek­ti­ven­wechsel inter­es­siert. Sie gründen das Duo Divan.

Foto © O‑Ton

Die beiden Klavier­vir­tuo­sinnen lernen Jean-Luc Darbellay kennen, einen Kompo­nisten der Gründungs­mit­glieder von L’art pour l’Aar. Im gemein­samen Gespräch entsteht der Gedanke, wie es denn dann wohl wäre, wenn iranische Musiker auf westeu­ro­päische Musik blicken, selbst­ver­ständlich Musik von heute. Und wie wäre es, fragten sich die Pianis­tinnen, wenn man Stücke für Klavier zu vier Händen auswählte? Die Kompo­nisten aus Bern sind von der Idee begeistert. Drei von ihnen schreiben eigens Stücke, und Ramezan und Piri entwi­ckeln daraus ein Programm für einen Konzert­abend, das unter der Überschrift Regards croisés – gekreuzte Blicke – steht.

Das Cap ist das Kirch­ge­mein­dehaus der protes­tan­ti­schen Franzö­si­schen Kirche in Bern. Hier gibt es den Großen Saal Nicolas Manuel mit einer hervor­ra­genden Akustik für Kammer­musik. Die Kompo­nisten beschränken sich nicht nur auf die geistige Arbeit, sondern organi­sieren auch das Konzert in dem Saal. In der Mitte des Saals ist der Flügel ohne Deckel aufgebaut, kreis­förmig sind um das Instrument etwa 40 Stühle angeordnet, von denen an diesem Abend keiner frei bleibt. Eine gediegene Beleuchtung sorgt für eine entspannte Atmosphäre.

Das Duo Divan eröffnet gleich mit der ersten Urauf­führung. FantZweiSi von Hans Eugen Frisch­knecht beginnt mit einem gemäßigten Auftakt, lässt Wasser­tropfen herab­plät­schern, die von Pizzicati durch­brochen und von Disso­nanzen abgelöst werden. Schnelle Bassläufe werden in Spannung zu den Piano-Phrasen gesetzt. Das zeigt Weiter­ent­wicklung ohne Abschre­ckung. In der Richtung könnte es weiter­gehen. Aber die Künst­le­rinnen wagen den Bruch und fügen Robert Schumanns Bilder aus Osten als nächsten Programm­punkt ein. Rückbli­ckend kann man sagen, geht in Ordnung, der drama­tur­gische Gedanke ist klar – aber eigentlich braucht man den roman­ti­schen Rückgriff nicht, so elegant er auch vorge­tragen ist.

Jean-Luc Darbellay hat für diesen Abend Outside – inside kompo­niert. Mögli­cher­weise hätte er das Stück besser mit Sechs kurze Sätze überschrieben. Dann wäre deutlicher geworden, was da am Flügel Eindrucks­volles passiert. Denn jeder dieser Sätze erfordert einen „Stellungs­wechsel“ der Pianis­tinnen. Sieht man das Werk als zusam­men­hän­gendes Ganzes, wächst die Irritation über die ständigen Pausen zwischen den wechsel­haften Stimmungen. Nichts­des­to­trotz sorgen die einge­setzten Mittel dafür, im Hörer etwas zu bewegen. Ruhiges Tasten­spiel wechselt mit Eingriffen in das Klavier­innere und gebärdet sich in donnernden Bass-Akkorden und dem Schlag von vier Unter­armen auf die Tastatur wild und aufwühlend. „Wie Löwen spielen sie“, wird Darbellay anschließend eupho­risch und zu Recht über die Inter­pre­tation seines Stückes sagen.

Das Concertino des Kosmo­po­liten Igor Strawinsky aus dem Jahr 1920 zählt ebenfalls zur zeitge­nös­si­schen Musik und fügt sich vor allem in seinen disso­nanten Teilen gut in das Gesamt­pro­gramm ein. Aber, und das wird an dieser Stelle deutlich, viel inter­es­santer ist, was die Kompo­nisten der Gegenwart zu sagen haben. Und Markus Hofer hat hier einiges zu erzählen. Seine Irrita­tionen beginnen schmissig, gehen tempo­reich weiter, die Staccati steigern sich. Wer will, mag da gar Melodien heraus­hören. Auch Hofer belässt es nicht bei der Tastatur, sondern verlangt den Einsatz der Saiten. Hier aller­dings fehlt der Fluss, unter­strichen durch anschlie­ßende Disso­nanzen. Das geht zu diesem Zeitpunkt durch, was da aber noch möglich ist, zeigen die Musike­rinnen im weiteren Verlauf.

Jean-Luc Darbellay, Nanazin Piri, Layla Ramezan, Mark Hofer und Hans Eugen Frisch­knecht (v.l.n.r.) – Foto © O‑Ton

Vorerst aller­dings gilt es, sich mit Nazanin Piris Kompo­sition ausein­an­der­zu­setzen. Piri beschäftigt sich in ihrer Kompo­sition mit einem Gedicht der persi­schen Dichterin Forugh Farokzhad, das zu Beginn der 1950-er Jahre veröf­fent­licht wurde. Das autobio­gra­fische Werk Asir – die Gefangene – erzählt von einer geschie­denen Ehefrau und abgesto­ßenen Mutter, die in die Welt der Poesie flieht. Auch hier wird von beiden Stimmen kräftig in die Saiten gegriffen, aber es bleibt alles im Fluss. Disso­nante Einschübe wirken dem Kitsch entgegen. Eingangs sind iranische Einflüsse hörbar, später wird es vor allem kräftig und durch­schlagend. Die Spannung wird aufrecht­erhalten, bis wir gefühlt wieder nach einer Traum­vor­stellung Persiens oder jeden­falls einen schönen Ort zurückkehren.

Ramezan und Piri gelingt es mit einer hochkon­zen­trierten und wie neu erklin­genden Spiel­weise, das Publikum zu fesseln. „Die könnten Hänschen­klein spielen, und das klänge noch faszi­nierend“, sagt einer der Besucher. Hier sitzen keine Pianis­tinnen am Flügel, die routi­niert das Programm abspulen, sondern Forschende, die mit wachen Augen, flinken Fingern und leicht­füßig durch das Programm wandern, angstfrei, aber immer mit größtem Respekt das Publikum nach jedem Werk zu größt­mög­lichem Applaus heraus­fordern. Und sie machen auch kein Geheimnis daraus, mit welchem Genie Fazil Say behaftet ist, wenn sie sein vierhän­diges Stück Night – Nacht – als Höhepunkt des Abends setzen.

Mit Verve steigen die beiden in eine wunderbare Inter­pre­tation ein, kosten die Wellen des Stückes aus und genießen auch hier das Saiten­spiel. Nur, dass es hier keine Brüche gibt, sondern die erwei­terte Spielform des Flügels zur Vollendung gerät. 2016 schrieb Say das Stück für das Klavierduo Lucas und Arthur Jussen, aber wer will bei der Inter­pre­tation des heutigen Abends daran noch denken?

Das Duo Divan hat mit seinem aller­ersten Auftritt in Bern Zeichen gesetzt. Sei es, was die Inter­pre­tation der modernen Stücke angeht, als auch wenn es um den Dialog zwischen Ost und West geht. Das Publikum ist hinge­rissen vom engagierten, freud­vollen und energe­ti­schen Spiel des Duos Divan. Und am Ende des Abends sind sich alle einig: Das ist ein Programm, das über die Grenzen Berns hinaus angehört werden muss.

Und was L’art pour l’Aar nach diesem Glanz­punkt angeht, ist die Arbeit natürlich nicht beendet. Ende März geht es weiter mit Musik für zwei Flöten mit Felix Renggli und Corinna Döring. Ob damit die Euphorie, die sich nach dem heutigen Abend einstellt, erreicht werden kann, müssen die Hörer dann entscheiden.

Michael S. Zerban

Mehr Bilder von dem Konzert gibt es hier.

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