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DIE GROßHERZOGIN VON GEROLSTEIN
(Jacques Offenbach)
Besuch am
29. Februar 2020
(Premiere)
Es ist ein kulturell bedeutsames Wochenende in Dresden. Nach über sieben Jahren Restauration wird im Semperbau am Zwinger die Gemäldegalerie Alte Meister wiedereröffnet. Und an der Semperoper hält ebenfalls ein alter Meister der komischen Oper Einzug. Jaques Offenbachs Opéra bouffe Die Großherzogin von Gerolstein. Und irgendwie passen diese zwei Ereignisse wunderbar zusammen, denn Regisseur Josef E. Köpplinger, Intendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz, der mit seiner Inszenierung sein Regiedebüt an der Semperoper gibt, verwandelt die Semperoper kurzerhand in ein museales Gerolstein. In dem Stück geht es um Korruption, um Protektion, und natürlich um Liebe und Leidenschaft. Die ganze Semperoper ist „Gerolstein“, mit Wachhäuschen vor der Oper, salutierendem Soldaten und der Eintrittskarte für die Aufführung als Pass für den Eintritt in den Zwergenstaat. Schon vor der Vorstellung wird eine Touristengruppe im Eiltempo durch das Haus geführt, ein Männerballett tanzt im Foyer des ersten Ranges, und auf der Bühne heißt ein Kinderchor die Zuschauer in Gerolstein willkommen. Während der Ouvertüre erscheint wie in einem Kinofilm: „Gerolstein Production presents“ eine kleine Einführung in den fiktiven Operettenstaat, der als wunderschön museal und völlig unbedeutend beschrieben wird. Die Population sinkt derweil von 248 auf 247, während im Hintergrund eine Totenglocke läutet. Also, alles ruhig und unbedeutend, ja, wäre da nicht die Großherzogin, die an diesem Tage ihren 36. Geburtstag feiert, und das nun schon zum sechsten Mal. Diese Großherzogin von Gerolstein liebt Männer in schmucken Uniformen. Ihr Land ist für Kriege viel zu unbedeutend, vor allem gibt es keinen Feind. Doch beim Anblick strammer Soldaten bläst die Großherzogin nur zu gern zur Attacke, und das im doppelten Wortsinn. Sie bedient sich Ihrer Position und sucht sich die Soldaten aus, die sie gerne hätte. Den, den sie ausgesucht hat, bringt sie in eine höhere Position.
Der einfache Soldat Fritz hat es ihr besonders angetan, und so macht sie den Grenadier erst zum Rittmeister, später sogar zum adligen General – doch da er den Avancen der Großherzogin widersteht und nur Augen für seine Wanda hat, rutscht er nach einem Komplott die großherzogliche Karriereleiter schnell wieder herunter, natürlich unter tatkräftiger Mithilfe der intriganten Hofschranzen Baron Puck, Erusine von Nepumukka und dem trotteligen General Bumm, der seine Vormachtstellung an Fritz verloren hatte. Und so ist dieses Werk eine bitterböse Persiflage, die Militarismus, Vetternwirtschaft und Opportunismus genüsslich auf die Schippe nimmt und seit der Uraufführung 1867 zur Zeit der Pariser Weltausstellung Erfolge feiert. Interessant ist die Tatsache, dass die Semperoper sich diesem Stücke widmet, denn im Repertoire finden sich an Operetten nur die beiden Klassiker Die Fledermaus und Die Lustige Witwe, während an der benachbarten Staatsoperette Offenbachs Banditen auf dem Spielplan stehen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Für Regisseur Köpplinger ist es völlig irrelevant, ob das Oper, Opéra comique oder Operette oder Singspiel heißt. Hauptsache, die Handlung und Musik passen zueinander und erzählen eine spannende Geschichte. Für ihn kann „hehre Kunst auch sehr komisch sein; mit einem gewissen, selbstironischen Augenzwinkern jene Geschichten erzählen, die ganz simpel sind.“ Und so erzählt Köpplinger diese simple Geschichte im Bühnenbild von Johannes Leiacker, der die Bühne als eine museale Galerie alter Meister mit Schlachtenbildern und Einschusslöchern von Kanonen darstellt. Das Regiment des General Bumm besteht aus genau dreizehn tanzwütigen Soldaten, die alles andere als Schlachten im Kopf haben. Eine Intrigensitzung der Hofschranzen soll verhindern, dass die Großherzogin, die übrigens nie beim Namen genannt wird und statt „Hoheit“ oder „Durchlaucht“ mit dem zweifelhaften Titel „Ihre Geschlechtlichkeit“ angeredet wird, auf den Gedanken kommen könnte, sich einen der Soldaten als Günstling zu nehmen, denn dann wären die Positionen der Hofschranzen weggefallen. Kurzerhand wird der Krieg erklärt, und mangels Feinde wird kurzerhand die Touristengruppe, die auch während der Vorstellung im Eiltempo über die Bühne geführt wird, gefangen genommen. Auch hier zeigt Köpplinger die Tagesaktualität, denn unter den Touristen sind drei Chinesinnen, die mit einer Mundschutzmaske laufen, denn auch in Dresden, oder doch in Gerolstein, besteht die Gefahr der Infektion mit dem neuen Corona-Virus. Überhaupt hat Köpplinger das Werk vollkommen umgestellt, einen komplett neuen Text eingebaut, der nicht nur die zahlreichen Dialoge betrifft, sondern auch den Großteil der Liedtexte. So wird der Prinz Paul, der sich aufgrund der Staatsräson mit der Großherzogin verheiraten soll, als schwuler Adliger im rosaroten Frack überzeichnet dargestellt, und sein Lied beschreibt den investigativen Journalismus, dem er zum Opfer fällt. Angeblich sei er bei „Pegiden“ gesichtet worden, dabei sei doch der Montag sein Sauna-Tag. Und eine Anspielung auf den jüngsten Juwelen-Diebstahl aus dem Grünen Gewölbe in Dresden kann sich Köpplinger auch nicht verkneifen. Eine aberwitzige, skurrile Geschichte mit modernen, durchaus witzigen Dialogen, manchmal etwas zu überzeichnet. Grotesk wirken auch die farbenfrohen Kostüme von Alfred Mayerhofer.

Insbesondere die Großherzogin in ihrer leuchtroten Fantasie-Uniform, die in einem Bilderrahmen von der Decke herunterschwebt, ist ein Hingucker. Der Degen ihres Vaters, Symbol der Macht und Stärke, schwebt ebenfalls in einem Bilderrahmen herunter, von Spinnweben umschlossen. Also mehr ein museales Relikt als ein Phallussymbol. Musikalisch dominiert das Hymnus-artige „Degen-Lied“ schon die Ouvertüre, das sich nachher als Leitmotiv durch die gesamte Operette zieht.
Im zweiten Akt ist die Szene von Fritz in einem Schaumbad, aus dem plötzlich die Großherzogin im roten Badeanzug auftaucht, der Hingucker, während Köpplinger mit Anklängen aus der Barcarole aus Offenbachs Hoffmanns Erzählungen und Tschaikowskis Schwanensee als Männerballett Verwirrung auf der Bühne stiftet. Etwas überzogen wirkt es dann, wenn „Atemlos“ von Helene Fischer auf einer Flöte intoniert wird, das ist dann doch etwas zu viel des Guten. Zwar hat Fritz den imaginären Feind besiegt, doch die Gefangennahme von Touristen führt zu einer Staatskrise, die nur durch ein „Meuchelmordkomplott“ der drei Knallchargen Bumm, Puck und Paul gelöst werden kann, im Hintergrund dazu tanzt ein „Geisterballett“ à la The Walking Dead.
Der dritte Akt nimmt dann wieder eine völlige Kehrtwendung. Die Großherzogin bläst das Mordkomplott ab, will sich mit Prinz Paul verheiraten, aber nur um freie Bahn für den Baron Grog zu haben, der aber wegen Frau und Kinder auch schnell aus ihrer Gunst verschwindet. Höhepunkt ist die gestörte Hochzeitsnacht von Fritz und Wanda, ein singendes Männerballett sorgt für Jubel im Publikum, und „Gerolstein wird fritzefrei“ intoniert General Bumm. Das Männerballett als geniale Persiflage des Militärs und der gestörten Hochzeit mit einer insgesamt herausragenden Choreografie von Adam Cooper.
Am Ende bleibt alles beim Alten. General Bumm erhält Degen und Federbusch zurück, die Großherzogin muss sich nach anderen Soldaten für ihre Gelüste umsehen, der degradierte Fritz nimmt seinen Abschied vom Militär und will Fremdenführer werden, in Gerolstein sicher ein sehr ruhiger Job.

Josef E. Köpplinger ist mit seiner knapp zweieinhalb Stunden dauernden Inszenierung eine doppelte Persiflage gelungen. Einerseits persifliert das Werk an sich ja schon den Militarismus, den Adel und die Kleinstaaterei der damaligen Zeit, andererseits wird durch diese schrille Inszenierung auch diese Opéra bouffe selbst persifliert, vor allem durch die neuen Texte und den Bezug zur Aktualität, was aber bei einer „Offenbachiade“ auch so sein darf. Vielleicht etwas zu überzogen, zu schrill, zu skurril, aber mit Witz und selbstironischem Augenzwinkern.
Mit Anne Schwanewilms hat die Semperoper eine der ganz großen Sängerinnen des Fachs von Richard Strauss und Richard Wagner verpflichtet. Doch ein großer Name und Triumphe der Vergangenheit sind noch keine Garantie, das muss Schwanewilms an diesem Abend als Großherzogin von Gerolstein erkennen. Irgendwie fremdelt sie mit der Rolle, sowohl schauspielerisch als auch sängerisch wirkt sie fast schon gehemmt, und der Applaus des Publikums fällt nicht gerade enthusiastisch aus. Der junge Maximilian Mayer überzeugt dagegen mit schönem Buffo-Tenor und witzigem Spiel als Fritz, lediglich an der stimmlichen Durchschlagskraft fehlt ihm noch etwas. Katerina von Bennigsen, die bei den letztjährigen Operettenfestspielen in Mörbisch als Mi einen großen Erfolg feierte, beeindruckt auch an diesem Abend als Wanda mit einem sehr lyrischen und wohlklingenden Sopran. Daniel Prohaska gibt den Prinzen Paul mit glattem Spiel und schönem Tenor. Martin Winkler begeistert als nur vordergründig trotteliger General Bumm mit markantem Bassbariton. Jürgen Müller als Baron Puck gefällt durch sein intrigantes Spiel und stählernem Heldentenor. Martin-Jan Nijhof gefällt als cooler Baron Grog mit wohlklingendem Bass, während Sigrid Hauser als schrille Hofdame Erusine von Nepumukka mit überzogenem Spiel und scharfer Artikulation zu begeistern weiß.
Jonathan Darlington leitet die fast kammermusikalische Besetzung der Sächsischen Staatskapelle mit viel Fingerspitzengefühl für die typischen Rhythmen Offenbachs mit den schnellen Wechseln von Militärmarsch, Couplet, Arie und Chorgesang und sorgt für Spritzigkeit und farbenfrohem Klang im Orchestergraben. Der Sächsische Staatsopernchor Dresden und der Kinderchor der Semperoper Dresden sind von Jan Hoffmann bestens präpariert. Auch die Komparsen haben sich als eilfertige Touristen unter Führung von Josef Ellers prima geschlagen, und Fabio Antoci hat sich für seine stimmungsvolle Lichtregie ein Sonderlob verdient. Am Schluss gibt es großen Jubel für Ballett und Chor, die Solisten, und auch das Regieteam wird gefeiert. Als Zugabe gibt es von der Staatskapelle ein musikalisches Medley quasi als Rausschmeißer-Musik, die das Publikum rhythmisch beklatscht, um sich am Ende dann geschlossen zu erheben.
Es ist eine insgesamt witzig-skurrile Inszenierung, die da an der Semperoper über die Bühne ging, vielleicht etwas zu schrill, aber für eine moderne Interpretation allemal tauglich. Und am Ende der doppelten Persiflage bleibt das selbstironische Augenzwinkern.
Andreas H. Hölscher