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ORPHEUS UND EURYDIKE
(Christoph Willibald Gluck)
Besuch am
29. Februar 2020
(Premiere)
Mit einer ebenso sensiblen wie intensiven Neuproduktion von Christoph Willibald Glucks Oper Orpheus und Eurydike beschert das Theater Hagen seinem Publikum anderthalb nachdenklich stimmende Stunden auf hohem Niveau. Sowohl szenisch als auch musikalisch. Kerstin Steeb ist eine junge Regisseurin, die bisher vor allem mit kleineren Produktionen Aufmerksamkeit erregte und mit der handlungsarmen Urfassung der Gluck-Oper keine leichte Aufgabe in Angriff nimmt. Lange Klagegesänge und das gar nicht so eindeutige Verhältnis zwischen Orpheus und seiner Eurydike erfordern ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen, aber auch mehr als nur handwerkliche Solidität, um das Stück in Spannung zu halten. Dass das Steeb gelungen ist, spricht für ihr Talent.
Weder Sterilität noch aufgesetzter Aktionismus stören den außergewöhnlich inspirierten Eindruck der Produktion. Zwei Aspekte stellt die Regisseurin in den Mittelpunkt. Einerseits die ergreifende Trauer des Witwers, andererseits die ungewöhnliche Charakterisierung der Eurydike, die sich in Hagen mit ihrem Dasein im Hades abgefunden hat und gar nicht nach der Rückkehr ins Leben drängt. Dadurch ergibt sich eine zusätzliche Spannungsebene, die auch Orpheus ins Zweifeln bringt. Dass sich Eurydike mit dem Annäherungsverbot beim Auszug aus der Unterwelt nicht abfinden will und an der Liebe ihres Gatten zweifelt, ist bekannt. Durch das zögerliche Verhalten Eurydikes gegenüber der Aussicht auf ein Weiterleben gerät jedoch auch Orpheus‘ klare Erwartungshaltung ins Wanken. Tut man dem Paar einen Gefallen, wenn man die Beziehung weiterführt? Das muntere Schlusslied über den Triumph der Liebe erhält einen bitteren Beigeschmack.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das alles inszeniert Steeb mit feiner, äußerst detailreich ausgearbeiteter Personenführung, die jede Erschütterung der Personen minutiös zum Ausdruck bringt. Da sie zudem als Choreografin und Sportwissenschaftlerin eine starke Affinität zur Bewegung deklariert, kann sie auch in Zusammenarbeit mit Francesco Vecchione und den Tänzern das Ballett der Furien sinnvoll einsetzen. Mit deutlichen, auch vielen eher zarten und beruhigenden Gesten und Bewegungsformationen, die dem Hades menschliche Züge verleihen und weniger als Schreckensstätte erscheinen lassen. Dadurch wird verständlich, dass sich Eurydike in diesem Umfeld möglicherweise besser verstanden fühlt als in einer Ehe mit Orpheus.

Für adäquate Bilder sorgt das Bühnen- und Kostümbildner-Duo Lorenza Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert mit einfachen, aber umso schlüssigeren und eindrucksvollen Ideen. Ein Zeittunnel verjüngt sich zum Hintergrund hin und assoziiert Nahtoderlebnisse. Im ersten Akt, der von Orpheus‘ Trauer bestimmt wird, herrscht pures Schwarz, was auch die Kostüme betrifft, wobei das Ballett in weiten schwarzen Röcken wie exotische Derwische wirkt. Helle Akzente setzen einzig die weiße Bluse der Eurydike und das Alltags-Outfit des Amor, der in dieser Inszenierung wenig zum Happy End beitragen kann. Der Hades wird vom Zeittunnel und der überaus intelligenten Beleuchtung von Hans-Joachim Köster bestimmt. Der gescheiterte Weg zurück in die Welt der Lebenden geht über schmale, von Abgründen umgebene Laufstege. Äußerst suggestive Lösungen.
Das Philharmonische Orchester Hagen wird von Steffen Müller-Gabriel mit viel Gespür für den elegischen Tonfall, aber auch für die dramatischen Zuspitzungen des Stücks durch den Abend geführt. Wie die Inszenierung ohne Extreme und Extravaganzen, sondern werkdienlich solide. Einen vokalen Kraftakt hat Anna-Doris Capitelli in der Titelrolle zu bewältigen. Eine charismatische junge Sängerin mit einem in allen Lagen weich und mühelos ansprechenden Mezzosopran und einer weiblichen Ausstrahlung, die ihr die Regisseurin und die Kostümbildnerin auch belassen. Der Wirkung schadet das nicht. Angela Davis verkörpert eine ungewöhnlich dynamische Eurydike, die dem Drängen und Flehen ihres Gatten selbstbewusst entgegentritt. Entsprechend kraftvoll setzt sie ihren gesunden Sopran ein, so dass das große Duett im Schlussakt einen Höhepunkt an Spannung beschert.
Die Bedeutung und Macht des Amor werden durch die Sichtweise der Regisseurin ein wenig beschnitten, was Cristina Piccardi nicht daran hindert, die kleine Partie anmutig und makellos zu singen. Insgesamt präsentiert sich ein exzellentes, gut aufeinander eingestimmtes Solisten-Trio.
Auch der von Wolfgang Müller-Sadow einstudierte Chor passt sich dem hohen vokalen Niveau der Produktion an. Und das Ballett des Hagener Theaters erfüllt seine dankbaren Aufgaben nicht minder gut und engagiert.
Begeisterter Beifall des Premieren-Publikums für eine eher stille und introvertierte Produktion, die zu den besten der Hagener Saison zählen dürfte.
Pedro Obiera