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DER RING AN EINEM ABEND
(Loriot)
Besuch am
4. März 2020
(Premiere am 9. September 2018)
Wagners große Tetralogie Der Ring des Nibelungen ist vor allem für Einsteiger eine Herausforderung. Vier Musikdramen an vier Abenden, etwa 15 Stunden Musik und lange Monologe, viele Menschen schreckt das einfach ab. Zu lang, zu schwer, zu laut, das sind die gängigen Vorurteile gegenüber Wagners Werken, insbesondere gegenüber dem Ring. Der eingefleischte Wagnerianer hat für solche Aussagen natürlich nur ein müdes Lächeln übrig und schwelgt in Musik und Gesang und genießt jeden Moment. Eine verkürzte Version? Geht gar nicht. Oder doch? Es gibt auch bei Wagner mehr als nur schwarz oder weiß, das gilt besonders für den Ring. Der großartige Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, hat vor knapp 30 Jahren bewiesen, dass man den Ring des Nibelungen gekürzt an einem Abend erzählen kann, ohne dabei darben zu müssen. Loriots Liebe zu den Werken Wagners war spätestens jedem klar, der den ausgefüllten Fragebogen aus der FAZ von 1982 gelesen hat. Auf die Frage, welche militärische Leistung er am meisten bewundere, war die Antwort des ehemaligen preußischen Offiziers und Kriegsteilnehmers eindeutig wie verblüffend: „Den Ritt der Walküren“. Und bei dem Namen „von Bülow“ dämmert es dem einen oder anderen. Altes mecklenburgisches Adelsgeschlecht, aus dem auch Hans von Bülow stammte, der erste Ehemann Cosima Wagners und Dirigent der Uraufführungen von Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg.
Vielleicht liegt es also an den Familiengenen, dass auch Loriot ein eingefleischter Wagnerianer war, der auf die Frage, wie er denn sterben möchte, geantwortet hat: „Morgendlich leuchtend im rosigen Schein“. Loriot war längst als Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller etabliert, als ihn der damalige Generalintendant des Mannheimer Nationaltheaters, Klaus Schultz, bat, für seine erste Spielzeit 1992 einen Ring an einem Abend zu konzipieren, quasi als Einführung für den kompletten Ring des Nibelungen.
Loriot entwarf einen dramaturgischen Plan, indem, soweit wie möglich, alle für das Verständnis wesentlichen Abschnitte der vier Musikdramen berücksichtigt wurden. Über sechs Monate lang arbeitete er an einer Schilderung des Ring, beschrieb die Handlung mit seinem treffsicheren und doch so feinsinnigem Humor, wie nur er sie beschreiben konnte, und es entstand ein Text, der ebenso genau wie liebevoll die verwickelten und verbundenen Elemente des Ring vorstellt, und das durchaus auch mit dem Blick auf die komischen Aspekte. Nach eigenen Angaben sollte dieser Abend auch dazu dienen, „Wagners Verehrern Lust auf das Ganze zu machen und seinen Gegnern, ihre haltlosen Vorurteile zu bestätigen.“ Dabei findet Loriot viel feine Komik in Wagners gewaltigem Weltuntergangsspektakel, bewahrt aber immer auch tiefen Respekt vor dem Personal und seinem Erschaffer.
Zum Raub des Rheingoldes durch Alberich bemerkt Loriot, dass, „wenn die Rheintöchter dem Alberich etwas mehr Entgegenkommen gezeigt hätten, hätte man sich drei weitere aufwändige Opern sparen können“. Wagners Ring an einem Abend in der Spielzeit 1992⁄93 in Mannheim mit Loriot als Erzähler auf der Bühne geriet zu einem überwältigenden Erfolg, so dass diese Fassung auch auf CD erschien, mit Ausschnitten aus der legendären Ring-Aufnahme der Berliner Philharmoniker und Herbert von Karajan aus den Jahren 1967 bis 1970.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Staatstheater Mainz hat nun diese Loriotsche Fassung des Ring an einem Abend wieder auf den Spielplan gesetzt. Großes Orchester auf der Bühne, Solisten in edler Robe, wie bei einer ganz normalen konzertanten Aufführung. Doch es gibt ein paar kleine, aber wichtige Requisiten im vorderen Bühnenabschnitt. Ein original grünes Loriot-Sofa, eine Leihgabe des Theaters Hagen, eine Stehlampe, ein kleiner Tisch mit einer Porzellan-Kaffeekanne, eine Kaffeetasse und eine Glaskaraffe mit einem guten Tropfen Hochprozentiges. Um das Sofa herum liegen verstreut viele Bücher, eine gemütliche Leseecke, wie man sie sich vielleicht gerne zu Hause wünscht. Und dann kommt der Erzähler, der Schauspieler Max Hopp, auf die Bühne, mit schwarzer Hornbrille, Tweed-Weste und karierten Socken, eine Hommage an Loriot. Und er nimmt Platz auf dem grünen Sofa, Körperhaltung und Gestus wie das große Vorbild, und er beginnt in leicht näselndem Tonfall, der mehr an Theo Lingen als an Vicco von Bülow erinnert, Loriot zu rezitieren: „Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind doch eigentlich ganz nette Leute. Leider wollen diese netten Leute mehr besitzen, als sie sich leisten können und vernichten damit sich selbst und die Welt, aber zum Glück gibt es dergleichen nur auf der Opernbühne.“ So fasst der Meister des feinsinnigen Humors Wagners „Opus Summum“ in gut drei Stunden zusammen, ohne Loriots subtilen Wortwitz und Pointierung zu verändern, aber mit eigener Note. Und so führt Max Hopp mit einem Augenzwinkern durch Wagners Heldenepos vom berühmten Vorspiel auf dem Grund des Rheins bis zum finalen Brand der Götterburg Walhall. Eine der schönsten Zitate aus dieser Version ist die Szene, wenn Siegfried im dritten Aufzug Brünnhilde erweckt und ihr den Brustpanzer entfernt: „Kaum hat Siegfried das schwere Oberteil geöffnet, wölbt sich ihm der Busen eines hochdramatischen Soprans entgegen. Nachdem sich der Held von diesem Schock erholt hat, macht er eine durchaus richtige Beobachtung: Das ist kein Mann! Zum ersten Mal in seinem Leben empfindet er nackte Furcht und verhält sich wie alle jungen Männer in dieser Situation; er schreit nach seiner Mutter.“ Herrlicher und komischer, ohne Verfälschung des Inhaltes, kann man diese Situation nicht beschreiben. Loriot liebt seinen Wagner, und bei aller Ironie und allem Wortwitz bleibt der Respekt vor dem Schaffen des großen Komponisten immer erhalten. Und Hopp gelingt der Spagat, sich einerseits von dem großen Schatten Loriots zu lösen, ihn nicht einfach nur zu kopieren, sondern dem „Erzähler“ eine eigene Persönlichkeit zu geben. Hopp beobachtet, während der musikalischen Darbietungen bleibt er auf seinem Sofa sitzen, oder steht auf, seinen Blick immer auf die Protagonisten gerichtet wie ein kritischer Beobachter, ohne eigene Regungen. Nur am Schluss kommt eine ganz interessante und aufschlussreiche Geste. Zu den Schlussakkorden des Orchesters findet er den verfluchten Ring auf dem Grund seiner Kaffeetasse, in die ihn Brünnhilde in ihrem Schlussgesang hat fallen lassen. Mit einem spitzbübischen Lächeln und einem erstaunten Augenzwinkern steckt er ihn in seine Westentasche, nachdem er zuvor lapidar bemerkt hat, dass er die Hoffnung habe, dass es möglicherweise auch „unseren Göttern dämmert“. Ein doch eher frommer Wunsch.
Eingebettet in die Hoppschen Erzählungen wird auch gespielt und gesungen, und das zum größten Teil auf hohem Niveau. Derrick Ballard in der Rolle als Wotan und Wanderer verfügt über einen edlen Bariton mit schmeichelndem Timbre und einer warmen Mittellage, die im Ausdruck sehr flexibel ist. Daniela Köhler als Brünnhilde weiß mit ihrem klaren, dramatischen Sopran und den leuchtenden Höhen zu überzeugen. Berührend Ihre Todesverkündigung gegenüber Siegmund, strahlend ihr Schlussgesang. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann sie diese Partie(n) auf der Bühne in toto verkörpern wird. Alexander Spemann überzeugt sowohl als listiger Loge als auch als Siegfried mit Stahl im Tenor, besonders beim großen Schlussfinale Siegfried zusammen mit Diana Köhler. Peter Felix Bauer setzt mit den Partien Alberich und Gunther einen starken Kontrapunkt, insbesondere mit der Verfluchung des Rings, und Linda Sommerhage als Göttergattin Fricka reüssiert mit einem sehr warmen Mezzosopran. Während Vida Mikneviciute besonders als Sieglinde mit leuchtendem, jugendlich dramatischem Sopran begeistert und auch als Gutrune Akzente setzt, hat Eric Laporte mit der Partie des Siegmund vor allem in den dramatischen Ausbrüchen große Schwierigkeiten in den Höhen. Ein stimmlich wie optisch wunderbares Trio bilden Dorin Rahardja, Maren Schwier und Katja Ladentin als die drei Rheintöchter. Stephan Bootz als fieser Bösewicht Hagen weiß nicht nur mit seinem schwarzen Bass Gänsehaut zu erzeugen, auch in Haltung und Gestus so ausdrucksstark, dass einen das Gefühl beschleicht, dem möchte man nachts allein nicht im Dunkeln begegnen.
Zu den Klängen des Todesstoßes, den Hagen Siegfried versetzt, spießt Bootz auf einen Picker eine Olive auf und verzehrt sie genüsslich. Auch ein sehr interessantes Bild. Karsten Münster als Mime rundet ein auf hohem Niveau singendes Ensemble ab. Max Hopp als Sprecher oder Loriot ist schon gewürdigt worden. Ergänzend sei hier angemerkt, dass auch zweimalige Störgeräusche von der Bühne ihn nicht aus der Fassung bringen können, und er diese technische Panne souverän moderiert.

Das Philharmonische Staatsorchester Mainz unter der Leitung von Hermann Bäumer spielt einen durchweg soliden Wagner, leider sind einige Unsauberkeiten vor allem bei den Blechbläsern unüberhörbar. Hier merkt man schon, dass Wagner, und vor allem der Ring, nicht zu ihrem Standardrepertoire zählt. Dennoch ist es unter dem Strich eine ordentliche Leistung der Musiker. Bäumer dirigiert sein Orchester mit energischem Duktus, wechselt die Tempi, was dem Fluss nicht immer gut bekommt. In der Begleitung der Sänger nimmt er aber das Orchester unprätentiös zurück. Am Schlussakkord der Götterdämmerung, als der Weltenbrand durch den über die Ufer tretenden Rhein gelöscht wird, bevor die Musik sich beruhigt und die Hoffnung auf eine neue Weltenordnung entstehen kann, befindet sich in der Partitur eine Fermate, eine kleine Pause, die aber einen Rieseneffekt hat. Leider geht Bäumer über diese Fermate hinweg und verpasst damit die Möglichkeit, dass der Zuhörer Atem schöpfen kann, um den Effekt des Wandels von der Zerstörung zur Erneuerung aufzuzeigen. Allerdings steht er da in guter Tradition, denn Herbert von Karajan machte es in seiner Ring-Aufnahme genauso.
Nicht unerwähnt bleiben sollte die passende und liebevolle Einrichtung und Ausstattung von Erik Raskopf sowie die Lichtregie von Peter Meier. Das Publikum im nicht ausverkauften Mainzer Staatstheater spendet großen Beifall, doch Jubel oder Ovationen, wie man sie sonst bei Wagner-Aufführungen kennt, bleiben erstaunlicherweise aus. Dabei hätte sich das Ensemble etwas mehr Begeisterung sicher verdient. Ob Loriots Idee, „Wagners Verehrern Lust auf das Ganze zu machen und seinen Gegnern, ihre haltlosen Vorurteile zu bestätigen“ an diesem Abend aufgegangen ist, bleibt natürlich ein Geheimnis. Aber diese Version der gekürzten Fassung von Wagners Ring mit den begleitenden Worten Loriots ist für Freunde des fein- und tiefsinnigen Humors genauso ein Muss, wie auch eingefleischte Wagnerianer sich über drei Stunden an einem verkürzten Ring erfreuen können.
Andreas H. Hölscher