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Foto © O-Ton

Wenn die Ziege den Ton angibt

DINORAH
(Giacomo Meyerbeer)

Besuch am
4. März 2020
(Premiere)

 

Deutsche Oper Berlin

In der Reihe an der Deutschen Oper Berlin mit Opern von Giacomo Meyerbeer ist jetzt seine Opéra comique Dinorah oder Die Wallfahrt nach Ploërmel auf die Bühne gebracht worden.  Das Libretto stammt von dem einge­spielten Team Jules Barbier und Michel Carré. Aus heutiger Sicht ist der Inhalt – und eben das Libretto – unglaublich trivial, frivol und unglaub­würdig:  Die junge Dinorah ist wahnsinnig geworden, weil ihr Bräutigam Hoël sie verlassen hat.  Seitdem irrt sie hinter ihrer Lieblings­ziege her.  Ihr Verlobter ist derweil auf der Suche nach einem Schatz, auf dem jedoch ein Fluch liegt  – wer ihn als erstes anfasst, stirbt bald daraufhin. Deswegen nimmt Hoël den habgie­rigen Corentin mit, und gemeinsam suchen sie den verbor­genen Schatz, zu dem ihnen eine Ziege den Weg zeigen soll. Angezogen von dem Glöckchen der Ziege folgt ihnen auch unbemerkt Dinorah in die finstere Schlucht, wo jetzt ein Gewitter aufkommt. Dinorah fällt in einen Abgrund, wird von Hoël erkannt und gerettet. Hoël bereut seine Aktivi­täten, Dinorah erwacht und beide ziehen zur Wallfahrt in die Kapelle um dort getraut zu werden.

Man könnte meinen, das sei ein frühes Werk von Meyerbeer, von dem aus er sich von diesem sowohl inhaltlich wie musika­li­schen „leichten“ Thema später in die „schwe­reren“ Grand-opéra-Werke wie Les Huguenots oder Le Prophète entwi­ckelt hätte. Aber nein, Dinorah ist ein abgeklärtes Spätwerk – Meyerbeer war 68 Jahre alt, als es zur Urauf­führung in der Opéra comique in Paris kam, wo auch das damalige Publikum völlig überrascht ob dieses Genres des alten Meisters war. Bis zum Anfang des 20. Jahrhun­derts wurde es über 200 Mal gespielt, dann geriet es in Verges­senheit. Obwohl es – wie wohl alle Meyerbeer-Werke – eine große Orches­ter­be­setzung und einen großen Chor benötigt, sticht es in seinem Oeuvre durch die fast humoris­ti­schen und spiele­ri­schen Melodien hervor. Insbe­sondere das Motiv der leicht­fü­ßigen Ziege – Glöckchen inklusive – zieht sich durch das gesamte Stück.

Die Deutsche Oper Berlin hat sich entschlossen, diese kleine pastorale Intrige konzertant zu bringen – eine gute Entscheidung. Eine roman­tische breto­nische Geister- und Feenwelt zu zaubern, ist bestimmt kein leichtes Unter­fangen in der heutigen harten hyper-realis­ti­schen Welt.

Dinorah wird von der jungen Sopra­nistin Rocío Perez einfühlsam darge­stellt – von zarter Statur und mit einer reinen, intona­ti­ons­si­cheren Koloratur begnadet, schwingt sie nicht nur durch die Triller­pfei­fentöne ihrer großen Arie mit Bravour.  Ihr Bräutigam Hoël wird von dem boden­stän­digen Bariton Régis Mengus etwas uneben und vibra­toreich gebracht. Inter­es­san­ter­weise hat das Werk kein echtes Liebes­duett, obwohl es mit einem Happy End endet. Der Tenor Philippe Talbot verkörpert den Einfalts­pinsel und Dudel­sack­pfeifer Corentin mit gekonntem Buffo folklo­ris­ti­sches Kolorit. Der sonore Bass-Bariton von Seth Carico als Jäger lässt aufhorchen.

Dirigent Enrique Mazzola, ein beken­nender Meyerbeer-Liebhaber und ausge­wie­sener Experte, führt das große Ensemble geschickt durch die farben­reiche Instru­men­tierung – mit Jagdhörnern und händisch geführter Windma­schine, wie auch pasto­ralen Dudelsack-Effekten. Jeremy Bines hat den gemischten Chor vorzüglich einstu­diert – die Sänger geben der Wallfahrt transzen­dentale Dimension mit wunder­schönen Pianissimi in ihren Preisungen Mariens. Sopran Nicole Haslett und Mezzo­sopran Karis Tucker glänzen als Schäfe­rinnen in zwei entzü­ckenden kleinen kommen­tie­renden Arien.

Warmer Applaus für alle Teilnehmer vom Publikum in dem bei weiten nicht ausver­kauften Haus.

Zenaida des Aubris

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