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Foto © Nasser Hashemi

Keine Chance für Kasperle

THE DARK TRULLALA
(Sarah Wissner)

Besuch am
7. März 2020
(Premiere am 5. März 2020)

 

Rheini­sches Landes­theater Neuss

Es sind unruhige Zeiten. Auch am Rheini­schen Landes­theater Neuss gibt es Trubel. Die ursprünglich für diesen Samstag vorge­sehene Premiere von Schade, dass sie eine Hure war wird kurzfristig abgesagt. Aufgrund „künst­le­ri­scher Diffe­renzen“ haben Inten­dantin Caroline Stolz und Regis­seurin Kathrin Mädler „in gegen­sei­tigem Einver­nehmen entschieden“, die Zusam­men­arbeit zu beenden. Da sind dann ja wohl – abseits offizi­eller Wortre­ge­lungen – mal ordentlich die Fetzen geflogen zwischen der Inten­dantin aus Memmingen und der Inten­dantin aus Neuss. Letztere wird die Regie-Arbeit an dem Stück übernehmen und es am 12. März zur Aufführung bringen.

Was aber anfangen mit einem Samstag­abend? Ein Theater, das am Samstag geschlossen hat, hat schon irgendwie was Gruse­liges. Kurzerhand bietet Sarah Wissner an, ihr Stück, das sie in Neuss zum ersten Mal zwei Tage vorher auf die Studio­bühne gebracht hat, noch einmal zu zeigen. So brauchen die Besucher, die von der Absage nichts erfahren haben, nicht unver­rich­teter Dinge wieder zu entschwinden, sondern können sich als Entschä­digung ein Puppen­spiel anschauen. Hübsche Idee, aber ein Puppen­spiel? Na gut, steht dran: Puppen­spiel für Erwachsene. Aber macht es das besser? Oh, ja. The Dark Trullala stammt aus dem Jahr 2016. Damals brachte Sarah Wissner es als Abschluss­arbeit an der Hochschule für Musik und Darstel­lende Künste Stuttgart zur Urauf­führung. In der vergan­genen Spielzeit zeigte sie es noch einmal, diesmal als Ensemble-Mitglied am Figuren­theater Chemnitz. Seit dieser Spielzeit ist sie im Ensemble des Rheini­schen Landes­theaters. Und wird erneut gebeten, ihr Einper­sonen-Stück zu zeigen. Es kommt nicht so oft vor, dass Hochschul-Abschluss­ar­beiten den Weg auch nur bis auf eine Studio­bühne finden. Es muss also etwas Beson­deres an dem Stück sein, zumal es nur 45 Minuten dauert – eine Zeitspanne, die man kaum abend­füllend nennen mag.

Schon in den ersten Minuten versteht man, dass Inten­danten ein solches Stück gern auf ihrer Bühne sehen. Sarah Wissner überzeugt von der ersten Sekunde an als Schau­spie­lerin, späterhin als Puppen­spie­lerin, die Idee ist originell, die Puppen sind wunderbar gearbeitet, das Stück sprüht vor Fantasie und die Umsetzung ist Theater pur.

Foto © Nasser Hashemi

Die Bühne ist so einfach wie grandios. Ein Bett, in dem die Puppen­spie­lerin Ella schläft. Darüber gib ein Koffer Auskunft, der vor dem Bett platziert ist. Ella wird von einer Handpuppe geweckt, die unter ihrer Bettdecke auftaucht. Entweder ist es der Teufel oder ein verdammt gealtertes Kasperle. Jeden­falls verfügt das zombie- oder vampir­hafte Wesen über gewaltige Kräfte und schon bald entspinnt sich ein Kampf zwischen den beiden. Szenen­wechsel. Die Laken fliegen in die Ecke, das Bett wird aufge­stellt und ist fortan eine offenbar sehr hohe Bühne. Die Vorge­schichte eines herkömm­lichen Kasperle-Theaters, in dem es immer lustig zugeht und das Gute stets über das Böse siegt, wird von der Festplatte erzählt.

Ansonsten ist hier nämlich nichts mehr lustig. Es geht zu wie in einem splatter movie. Es wird gemeu­chelt, gemordet und gefressen. Dazu kommt die passende Musik ebenfalls von der Festplatte. Dass Wissner ihre Hochschul­aus­bildung mit einem „summa cum laude“ beendet haben wird, dürfte nach diesem Stück jedem klar sein. Binnen Sekun­den­bruch­teilen wechselt sie stimmlich die Rollen, hat die hochkom­plexen Bewegungs­ab­läufe im Wortsinne so gut im Griff, dass sie fließend, locker und leicht wirken. Und als Ella aus ihrem Alptraum erwacht, haben die Zuschauer Spaß gehabt, mitge­fiebert, sich in die Kindheit zurück­ver­setzt gefühlt und großar­tiges Theater erlebt. Ob Carolin Stolze in der kommenden Woche ein ähnlicher Erfolg gelingt, bleibt abzuwarten.

Die wenigen Zuschauer, die an diesem Abend den Weg ins Studio gefunden haben, feiern die Schau­spie­lerin und Puppen­spie­lerin, die im Nachthemd vor ihnen steht, frene­tisch. Wissner hat die Messlatte für ihre Zeit in Neuss gleich zu Anfang sehr hoch gelegt.

Michael S. Zerban

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