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RECITAL ANNA NETREBKO – YUSIF EYVAZOV
(Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini)
Besuch am
8. März 2020
(Einmalige Aufführung)
Sie kommt zwar zwei Wochen später als ursprünglich geplant. Aber sie kommt, singt und siegt, genesen und in alter Frische. Dass es dem Lütticher Intendanten Stefano Mazzonis di Pralafera gelungen ist, Anna Netrebko für ein Arien-Recital in sein relativ kleines Opernhaus zu locken und das zu erschwinglichen Eintrittspreisen, kann als Ritterschlag für den bestens vernetzten Intendanten gewertet werden, der mit seinem Gespür für gute Stimmen und seinen hervorragenden Kontakten immer wieder für vokale Stimmfeste in seinem Theater sorgt. Am kommenden Freitag bereits mit einer vielversprechend besetzten Premiere von Vincenco Bellinis Belcanto-Klassiker La Sonnambula.
Am Aufführungstag lässt Anna Netrebko, der in Russland geborene, mittlerweile in Österreich eingebürgerte „Super-Star“ ohne Star-Allüren, das Publikum keine Sekunde warten. Auf die bei solchen Recitals übliche Eingangs-Ouvertüre verzichten Maestro Michelangelo Mazza und das Orchester der Lütticher Oper. Aus dem Stand heraus stellt sich die Sopranistin zum Auftakt der großen Arie der Elisabetta aus Verdis Don Carlo. Und zwar auf einem Niveau, das mit den ersten Tönen ihren Ruf als die in ihrem Fach derzeit wohl weltweit beste Vertreterin bestätigt. Mögen einschlägige Medien jede noch so kleine Erkältung, jeden Einkaufsbummel, ihre Rolle als bekannte Sängerin und zweifache Mutter sowie natürlich das Verhältnis zu ihrem „Traummann“ Yusif Eyvazof genüsslich kommentieren. Mögen sie hinter jeder krankheitsbedingten Absage launische Allüren einer verwöhnten Diva wittern: Die sensationelle, anfänglich alles andere als steil und glatt verlaufene Karriere der Netrebko hat sie ihrem außergewöhnlichen Können, harter Arbeit und eiserner Disziplin zu verdanken und keinen aufgebauschten Marketing-Strategien.
So erscheint sie denn in Lüttich zunächst in einer rot-weiß gefleckten Abendrobe und lässt ihre absolut perfekt geführte Stimme in makelloser Schönheit, aber auch mit beeindruckender Energie und Leidenschaft ertönen. Eine große, das Lütticher Opernhaus mühelos füllende Stimme ohne jede forcierte Anstrengung, ausgerüstet mit einer gesunden Atemtechnik, ohne auch nur einen Ton vibrierenden oder flackernden Störfeuern auszusetzen. Eine modulationsreiche Stimme, die auch die gefürchtetsten Spitzentöne sicher und kontrolliert trifft, je nach Bedarf kraftvoll oder in verhauchender Zartheit wie die Caballé in ihren besten Jahren. Ihre schier unbegrenzten stimmlichen Möglichkeiten erlauben es ihr, den Ausdrucksgehalt jeder Arie differenziert hörbar werden zu lassen. Und mögen die Partien auch noch so unterschiedlich angelegt sein wie etwa die der Musetta und der Mimì in Puccinis La Bohème. Die Netrebko singt sowohl den Walzer der koketten Musetta als auch die lyrisch geprägte, innerlich anrührende Arie der Mimi aus dem ersten Akt. Möglicherweise mag ihre Stimme für die Musetta für eine Bühnenaufführung mittlerweile zu schwer sein. Den Charakter der Rolle und der Musik trifft sie dennoch punktgenau, den der Mimì ohnehin.

Gleichwohl setzen große Szenen wie die Pace-Arie aus Verdis Macht des Schicksals oder die Arie aus Don Carlo die Höhepunkte. Gesänge, die der Stimme in gleichem Maße feinste lyrische und dramatische Qualitäten abverlangen. Und das gelingt der Netrebko mit hinreißender Natürlichkeit und Perfektion.
Attribute, die man ihrem Ehemann, dem Tenor Yusif Eyvazof, leider nicht bescheinigen kann, auch wenn ihn das Publikum kaum weniger euphorisch feiert als seine Gattin. Arien-Recitals bestritt Anna Netrebko bereits gemeinsam mit ihrem ersten Lebensgefährten, dem Bariton Erwin Schrott, an den ihr in Baku geborener Gatte allerdings stimmlich nicht heranreichen kann. Was Eyvazofs Stimme fehlt, wird in direktem Vergleich mit der seiner Frau deutlich. Eyvazof verfügt über einen relativ kleinen, modulationsarmen, eng klingenden und stets mit Druck geführten Tenor. In dem großen Duett aus dem ersten Akt der Tosca, für das sich die Netrebko in eine grüne, mit Szenenapplaus bedachte Robe hüllt, hat er den Eifersuchtstiraden der Tosca ebenso wenig entgegenzusetzen wie den sinnlichen Momenten des Duetts. Und auch in den zarten Aufschwüngen der sterbenden Aida kann er ihr nicht folgen. Ebenso wenig wie seine Solo-Auftritte. Cavaradossis erste Arie aus der Tosca gelingt ihm nur mit forciertem Nachdruck, wie auch die Bravour-Arie des Rodolfo aus der Bohème. Die wenigsten Angriffspunkte liefert vielleicht noch eine Arie aus Verdis Maskenball. Auch wenn Vergleiche immer hinken: Mit dem Umstand, dass eine überragende Sängerin oft mit ihr nicht gewachsenen Tenören auftreten musste, hatte bereits die Callas zu kämpfen.
Die Begeisterung des Publikums wächst von Beitrag zu Beitrag, sowohl für die Netrebko als auch für ihren Gemahl. Und auch das Lütticher Opernorchester unter Leitung von Michelangelo Mazza darf sich in Ovationen baden. Als Zugabe bedankt sich Eyvazov mit dem ultimativen Tenor-Hit aus Verdis Rigoletto, Anna Netrebko mit einer neapolitanischen Canzone.
Wer Anna Netrebko in den nächsten Monaten live erleben wird, muss weitere Anfahrten in Kauf nehmen und tiefer in die Tasche greifen. Ab dem 26. März steht sie als Tosca auf der Bühne der New Yorker Met, dann ohne ihren Ehemann, Ende April singt sie in der Pariser Bastille-Oper Cileas Adriana Lecouvreur und im Mai die Elisabetta im Don Carlo an der Dresdner Semperoper.
Pedro Obiera