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Gesangswunder unter Hochspannungsgefahr

NORMA
(Vincenzo Bellini)

Besuch am
8. März 2020
(Premiere)

 

Hambur­gische Staatsoper

Selbst für italie­nische Opern­plots ein Hochspan­nungs­sujet: Die Hohepries­terin Norma hält ihr eigenes Volk lange Zeit davon ab, sich mit Gewalt gegen ihre kriege­ri­schen Besetzer zu wehren. Nachdem sie selbst bekennen muss, dass sie ein Verhältnis und zwei Kinder mit dem Anführer der Besat­zungs­macht hat, geht sie ins Feuer, um die Schuld gegenüber ihrem eigenen Volk zu sühnen. Zuvor musste sie ertragen, dass sich ihr Geliebter Adalgisa zugewandt hat, die ihn aber abweist, nachdem sie erfährt, dass Norma ihn liebt.

Regis­seurin Yona Kim, Bühnen­bildner Christian Schmidt sowie Falk Bauer, der für die Kostüme verant­wortlich zeichnet, zwingen ihre Betrachter, sich denn auch fortwährend eine Realität von Entbehrung, Zwiespalt, Schuld und Verzweiflung zu verge­gen­wär­tigen, die dieses Sujet für alle Betei­ligten unaus­weichlich in sich trägt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



So versteckt Norma ihre Kinder in einem Container unter dem Waldboden und versucht, ihnen dort aussichtslos eine Kindheit in Spiel und Unschuld zu vermitteln.

Wiederholt werden Bilder einer für das Individuum unaus­weich­lichen, kollek­tiven Gewalt­an­drohung, auch innerhalb der besetzten Bevöl­ke­rungs­gruppe, sichtbar, wenn Messer aufblitzen oder die als Pries­te­rinnen in Isolation gehal­tenen Jungfrauen von den Glaubens­schwestern gezüchtigt werden. An anderer Stelle werden hinter einem Gazevorhang schemenhaft blutbe­schmierte Figuren erkennbar, die sich auf das Ritual eines Menschen­opfers vorzu­be­reiten scheinen oder es gerade vollziehen. Solche Bilder erscheinen den gesamten Abend und graben sich in das Bewusstsein und Unter­be­wusstsein des Betrachters. Dem Druck ist nicht zu entkommen. Wie die handelnden Personen der Oper bleibt der Zuschauer dieser Tortur ausgesetzt.

Nur ganz selten, wie etwa beim stummen Erscheinen von Normas Geliebtem Pollione während ihrer Arie Casta Diva im ersten Akt, werden positive Sehnsuchts­bilder sichtbar.

Die Perso­nen­führung ist betont einfach, insbe­sondere beim Chor. Die Szenen dumpfer Gewalt­an­drohung werden als statua­rische, stereotype Tableaus insze­niert. Auch die Führung der Sänger­dar­steller ist frei von aller Überhöhung. Die Personen bewegen sich unprä­tentiös, fast simpel, oft im vorderen Bereich der Bühne. Das erhöht die Wirkung der universell präsenten Bedrohung und Ohnmacht oder kreiert statische Plateaus, auf denen sich die Sehnsucht der Menschen nach Liebe und Zuneigung im Gesang entfalten kann und muss.

Unter den Anspan­nungen der Handlungs­ver­wick­lungen und dem psychi­schen Druck auf die Charaktere, sowie der optischen Umsetzung auf der Bühne, erscheint der Gesang wie eine natür­liche Reaktion, eine notwendige, befreiende mensch­liche Äußerung. Die szenische Abstraktion bei Handlung und fortwäh­render inhärenter Bedrohung sind einge­woben in ein gesamt­haftes Erschei­nungsbild und stellen sich nicht zwischen Szene und Musik. Die Form entspricht in gewisser Weise dem fein-abgestuften, sich beständig und unauf­fällig fortent­wi­ckelnden, harmo­ni­schen Klangbild der Partitur Bellinis.

Foto © Hans Jörg Michel

Hier genau kommt schließlich das Wunder des Gesangs zur Geltung. Und von einem Gesangs­wunder muss angesichts der Besetzung der Norma mit Marina Rebeka und Diana Haller als Adalgisa unbedingt gesprochen werden. Rebeka spielt die Zerris­senheit der Partie mit großer darstel­le­ri­scher Autorität. Ihre stimm­liche Ausdrucks­vielfalt über die langen – und überdies in der Regel eher langsam dirigierten – Melodie­bögen ist spannend und facet­ten­reich ausge­staltet und von ungeheuer präziser Gestal­tungs­kraft. Dasselbe gilt auch für die in Hamburg debütie­rende Mezzo­so­pra­nistin Haller als Adalgisa. Atembe­rau­bender Höhepunkt des Abends sind die Duett-Szenen der beiden Sänge­rinnen, die an ausge­reifter Abstimmung, nuancen­reicher Tongebung sowie musika­li­schem Ausdruck nicht überbietbar erscheinen.

Marcelo Puente als Pollione ist mit seinem barito­nalen Tenor für die Partie glänzend besetzt, auch wenn er bei den Höhen und im allge­meinen Stimm­aus­druck nicht ganz mit der Natür­lichkeit und Diffe­ren­ziertheit der Frauen mithalten kann. Liang Li gibt mit sonorer und wendiger Bass-Stimme einen in jeder Hinsicht überzeu­genden Oroveso, Vater Normas und Anführer des besetzten Volkes. Gabriele Rossmanith schließlich überzeugt als zuver­lässige Clotilde.

Der Chor der Staatsoper Hamburg überzeugt stimmlich mit Präzision und klar abgestufter Diktion. Die oft stati­schen Darstel­lungs-Tableaus mögen den Sängern entgegenkommen.

Matteo Beltrami, der relativ kurzfristig die musika­lische Leitung anstelle von Paolo Carignani übernommen hat, vermag das bestens dispo­nierte Philhar­mo­nische Staats­or­chester sicher und nuanciert zu führen. Grund­sätzlich werden langsame Tempi bevorzugt, die Abstufung der Instru­men­ten­gruppen unter­ein­ander gelingt hervorragend.

Jubel und bravi für die beiden Protago­nis­tinnen des Abends Marina Rebeka und Diana Haller. Großer Beifall für Marcelo Puente und Liang Li, ebenso wie für Beltrami und die Philhar­mo­niker. Das Regieteam kommt beim Schluss­ap­plaus nicht gut weg. Ganz offenbar will das Hamburger Publikum noch immer die Musik in lieblichen Bildern von irrita­ti­ons­freier Schönheit genießen.

Achim Dombrowski

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