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Foto © Thilo Beu

Tollwütig

DIE FLEDERMAUS
(Johann Strauss)

Besuch am
8. März 2020
(Premiere)

 

Theater Bonn, Opernhaus

Der Spielplan von Musik­theatern mutet für Außen­ste­hende bisweilen undurch­schaubar, willkürlich an. Aktuelles Beispiel: die Oper Bonn. Das Haus am Rhein setzt zuletzt mit Fidelio und dem Oratorium Christus am Ölberge starke Akzente zum aktuellen Beethoven-Jubiläum. Jetzt, da Beethoven 2020 an diversen Orten – auch in Wien – Fahrt aufnimmt, bringt sie mit der Komischen Operette Die Fledermaus von Johann Strauß (Sohn) einen Klassiker der franzö­sisch inspi­rierten Unter­haltung auf die Bühne. Ein Stück, das seinen Stamm­platz im Reper­toire der Bühnen eher zu Silvester oder im Karneval behauptet. Nicht aber dann, wenn auch der letzte Faschingskater längst verflogen ist.

Ist schon die Termi­nierung der dreiak­tigen Frivo­lität mit dem litera­risch vorzüg­lichen Libretto von Carl Haffner und Richard Genée nach dem Vaude­ville Le Réveillon von Henri Meilhac und Ludovic Halévy ungewöhnlich, ist es erst recht die Kopro­duktion mit dem Theater Dortmund und dem Saarlän­di­schen Staats­theater. Regisseur Aron Stiehl, an der Oper Bonn in der Spielzeit 201718 mit Le Nozze di Figaro hervor­ge­treten, legt sich in jeder Faser dieses Bühnen­spek­takels ins Zeug, als ginge es um einen Platz im Olymp des Regie­fachs. Als ginge es darum, jede Szene der Trias – Ballvor­be­reitung, Ballrausch, Katzen­jammer – mit Champagner zu veredeln. Davon erzählt Stiehl prakti­scher­weise schon in der Einstiegs­se­quenz, als zur perlenden Ouvertüre der Vorhang bereits ein Stück nach oben bewegt worden ist. Ein Salon­wä­gelchen mit Champa­gner­flasche als Fracht schnurrt von rechts nach links, um kurz danach mit umgedrehter, also leerer Flasche den umgekehrten Weg zurück­zu­legen. Kein Zweifel: Die Majestät wird anerkannt, Symbol der feinen Gesell­schaft, die nichts­ahnend dem Ende der K.u.K.-Epoche und ihrem Zusam­men­bruch entgegentrinkt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Stiehl präsen­tiert sich an diesem Abend als ein Regisseur, der viel will, Situa­ti­ons­komik, Pointen-Feuerwerk, action im Minutentakt, letztlich zu viel und so ein zwiespäl­tiges Gefühl hinter­lässt. Man muss beileibe nicht die legendäre, unver­wüst­liche Wiener Insze­nierung Otto Schenks mit dem Bühnenbild Günther Schneider-Siemssens von 1979 bemühen, um einen Zugang zu der „einzigen Operette im Opern-Genre“ zu finden, für die sich kein Gerin­gerer als Gustav Mahler einge­setzt hat. 1894, zwanzig Jahre nach der Wiener Urauf­führung dirigiert er sie im Theater der Hanse­stadt Hamburg. Gerade in den letzten Jahren sind etliche Insze­nie­rungen verzeichnet, die ein eigenes Konzept zur Ausstellung und Ausstattung der Eleganz der Dekadenz gefunden haben.

Apropos Ausstattung: Schon die eigentlich witzige Grundidee der Insze­nierung, die Farce im Badeort Baden nahe Wien, eineinhalb Jahrzehnte Beethovens Sommer­frische, spielen zu lassen, erweist sich im Fortgang der Akte weder als schlüssig noch als gelungen. Das Zimmer im herrschaft­lichen Haus des Rentiers Gabriel von Eisen­stein, Location des ersten Akts, mutiert in der Ausstattung von Bühnen­bildner Timo Dentler und Kostüm­bild­nerin Okarina Peter sowie den Licht­ideen Max Karbes zur Fassade eines Badhotels mit maximal zwei Sternen. Die Unter­kunft, eine Art Spiel­bau­kasten des Alltags, erlaubt Einblicke in jeweils drei Zimmer auf zwei Etagen. Champa­gner­fla­schen gibt es auch hier neben anderen Alkoholika reichlich. Eine ganze Batterie davon lagert im Kühlschrank, in den Rosalinde, Anna Princeva, ihren Lover Alfred, Kai Kluge, vor den Augen ihres Gatten Eisen­stein, Johannes Mertes, zum Ergötzen des Publikums sperrt. Das Kammer­mädchen Adele, Marie Heeschen, wirbelt durch die Schlaf- und Anklei­de­zimmer und mit großer Spiel­freude jede Menge Staub auf. Rosalinde ist sich nicht zu schade, höchst­selbst einen Eintopf zuzube­reiten, in den neben Gurken und Möhren ein veritabler Frosch wandert.

Foto © Thilo Beu

Ist der Bühnen­bild­wechsel zum Gefängnis mit überein­ander angeord­neten Zellen noch einiger­maßen plausibel, so ist die Szenerie des zweiten Akts, der Villa des Prinzen Orlofsky, Susanne Blattert, ein glatter Bruch mit jeder Ausstat­tungs­manier im Stil des Bieder­meiers. Und – ärger noch – mit der Grundidee dieser Produktion. Der Prinz empfängt in einem schumm­rigen Ambiente, in dem das Ausschwei­fende, das Laster, die Orgie in allen Varianten behei­matet sind. Zu Orlofskys Entourage zählen Ergebene in SM- oder Paillet­ten­kos­tümen, die keine Hemmungen kennen, grob zuzupacken. Erbau­liche Akzente setzen immerhin die Kostüme des von Marco Medved glänzend präpa­rierten Chors des Theaters Bonn. Zu einem magischen Augen­blick schwingt er sich auf mit der Versöh­nungs­hymne Brüderlein und Schwes­terlein … Du, Du immerzu.

Einmal in Fahrt, zündet Stiehl den Turbo. Varian­ten­reiche Stil- und Spiel­ele­mente wechseln sich ohne Ende ab. Im Badehaus geht es drunter und drüber, inklusive #MeToo-Andeu­tungen. Das Gefängnis wird spätestens dann zum Vogelhaus, wie es der Gefäng­nis­di­rektor Frank, Martin Tzonev, so prächtig ausgemalt hat, als Alfred, der falsche Insasse, jedem ein Raus! entge­gen­brüllt, der seine Zelle betreten will. Ein running gag, der sogar bis zum Ende hält. Ein Crescendo an Slapstick bestimmt nicht zuletzt den Schlussakt, als wäre eine der verblie­benen Varianten der Fledermaus-Tollwut in das Unter­fangen gefahren. Der schmale Grat, auf dem Spielwut entweder zur Kunst oder zum Unsinn wird, scheint auch dem Regisseur nicht fremd. Sein Blick auf die Protago­nisten fällt teils amüsiert-wohlwollend, teils ablehnend und skeptisch aus. Immer unterlegt mit einer Chuzpe, die in Wien gern als Schmäh umschrieben wird.

Festmachen lässt sich das an der Figur des Türstehers im zweiten Akt. Es handelt sich um ein kräftiges Mannsbild – im realen Leben Chorist – am Bühnenrand im schwarzen Leder und in Security-Manier. Hat er die Aufgabe, die Ballbe­sucher vor den „niederen Ständen“ abzuschirmen? Oder sie vor sich selbst zu schützen? Die Antwort überlässt Stiehl seinem Publikum. Die Natur holt die Bagage am Ende eh ein, womöglich doppelt. Die des Menschen als Raubtier, dessen Gier und Unersätt­lichkeit in der Fledermaus so charmant wie erschre­ckend entlarvt werden. Die Natur in Gestalt von Fauna und Flora, deren absolute Macht nur Ignoranten bezweifeln. Zu weit hergeholt? Keineswegs: Im Ball-Akt hängt diffuses Gestrüpp vom Theater­himmel – wohl eine Anspielung Stiehls auf den vom Menschen verur­sachten Teil des Klima­wandels heutiger Tage.

Wie selbst­ver­ständlich wird in Bonn in das Libretto einge­griffen, was – Spaß muss sein – bei der Fledermaus zu den verzeih­lichen Dingen zählen mag. Mal witzig, wie bei Alfreds Seiten­hieben auf die Unter­fi­nan­zierung von Sängern in der Oper. Mal gekonnt, wie der Verweis auf die Oper Bonn, die sich so schnell nicht unter­kriegen lasse. Mal plump wie bei Notar Dr. Blind, Kieran Carrel, dem ein blind date angedichtet wird. Für die gern und reichlich einge­streuten direkten und indirekten Anspie­lungen auf „unseren Ludwig“, gemeint ist selbst­ver­ständlich Beethoven, ist in erster Linie der Wiener Christoph Wagner-Trenkwitz zuständig, der als Gefäng­nis­diener Frosch kurio­ser­weise zu mehreren Auftritten kommt. Zu Beginn erscheint er mit Atemschutz­maske vor dem Vorhang und kalauert im gekonnten Wiene­risch über beliebte öster­rei­chisch-deutsche Freund-Feind-Themen. Dann gegen Ende des ersten Aufzugs zur Überbrü­ckung eines fast zehn Minuten langen Fehlalarms der Feuerwehr, der durch unplan­mä­ßigen Bühnen­rauch ausgelöst wird. Wagner-Trenkwitz meistert diesen Part mit Witz und Gespür für die Anspannung des alarm­ge­stressten Publikums. Er habe die Ehre, lästert der Dramaturg und Musik­wis­sen­schaftler, sein Bonner Debüt „im Duett mit einem Feuer­melder“ geben zu können. Nicht mehr verwun­derlich ist schließlich im Gefängnis-Aufzug, wie gekonnt er die klassi­schen Fledermaus-Pointen setzt und neue impro­vi­sierte dazu.

Foto © Thilo Beu

Musika­lisch ist die Aufführung eitel Operetten-Seligkeit. Das Beethoven-Orchester Bonn unter seinem Dirigenten Daniel Johannes Mayr lässt sich vom Geschehen auf der Bühne nicht groß irritieren und entfaltet die Partitur mit glühender Leiden­schaft. Die prächtige Ouvertüre, schon für sich ein Kabinett­stück. Die mitrei­ßenden Polka-Tänze. Ganz besonders die schwung­vollen Walzer, der grandio­seste Populismus in der Musik seit Erfindung des Marsches. Im Bann des Walzers konnte, wie der Beethoven-Biograf Jan Caeyers schreibt, „der Bieder­meier-Mensch dem Alltag entschweben“. Im Bann dieser Musik mag letztlich auch verzeihlich sein, dass dem Publikum Gelegenheit geboten wird, Viva Colonia, die rheinische Hymne, und den Radetzky-Marsch mitzu­singen oder mitzuklatschen.

Aus dem prächtig aufge­legten Sänger­ensemble ragen Princeva und Heeschen sowie unter den Männern Kluge heraus. Die Princeva dominiert mit ihrem lodernden Sopran die Szene, wobei ihr gelegent­liches, überzo­genes Vibrato nicht wirklich stört. Ihr Csárdás Klänge der Heimat gehört zu den Höhepunkten des Abends. Heeschen nutzt die Gunst der Stunde, ihr Soubretten-Talent voll auszu­singen und auszu­spielen. Kluge, zuletzt Jesus in Christus am Ölberge, überzeugt mit seinem kraft­vollen höhen­si­cheren und geschmei­digen Tenor, ob in der Inten­dan­tenloge über dem Parkett oder in underwear im Tigerlook. Mertes macht aus seiner ambiva­lenten Rolle einen beson­deren Spaß. Kanaris agiert als Intrigant typge­recht.  Ein echter Genuss ist es, Tzonev spielen und singen zu erleben. Seine feurige Beschreibung seines Vogel­hauses alias Gefängnis macht Lust auf mehr: Viel Vögel flattern ein und aus bekommen frei Quartier. Der Orlofsky der Blattert changiert mit nuancen­reichem Mezzo zwischen artifi­zi­eller Noblesse und natio­nalem Klischee. Indirekt adelt sie der Regisseur, indem er für sie die russische Natio­nal­hymne anspielen lässt. Völlig zu Recht.

Im tosenden Beifall des Publikums für alle Mitwir­kenden erfährt Bärbel Stenzen­berger eine besondere Beachtung. Einmal als Adeles Schwester Ida auf der Bühne, dann speziell für die Choreo­grafie, die sie mit den neun Tänze­rinnen und Tänzer einstu­diert hat. Für ihre Aufführung werden die regel­recht gefeiert. Ich stehe voll Zagen singen Rosalinde, Alfred und Eisen­stein im Terzett des dritten Aufzugs. Nein, zaghaft ist diese Bonner Fledermaus mitnichten. Ganz im Gegenteil, robust und selbstbewusst.

Ralf Siepmann

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