Wiener Gemüt

WIENERLIEDERLICHES & DOPPELLITER-ATUR
(Diverse Komponisten)

Besuch am
13. März 2020
(Premiere unbekannt)

 

Theater LEO – letztes erfreu­liches Opern­theater, Wien

Versteckt und unauf­fällig liegt der Eingang in der Ungar­gasse im dritten Wiener Gemein­de­bezirk. Eine Ladentür und ein Schau­fenster mit ein paar alten Szenen­fotos, mehr lässt von außen nicht erahnen, dass sich dahinter eine besondere Theaterwelt versteckt. Seit 2008 residiert das LEO, das letzte erfreu­liche Opern­theater, in der ehema­ligen Bäckerei, seit 23 Jahren führt der Tiroler Stefan Fleisch­hacker, selbst ein Theater-Multi­talent als Darsteller, Sänger, Pfeifer oder Regisseur diese Insti­tution der höchst eigenen Art. Opern­auf­füh­rungen oder Themen­abende dominieren das Programm. Auch der Ring des Nibelungen an einem Abend gehört dazu. Opern­stoffe in verständ­licher nachvoll­zieh­barer Kraft des Ausdruckes zu präsen­tieren, gehört zum Dogma des Hauses, wie auch Kompo­nis­ten­por­träts oder Genre-Darstel­lungen. Als solches ist der Abend unter dem Titel Wiener­lie­der­liches & Doppel­liter-atur zu verstehen.

Die Mezzo­so­pra­nistin Elena Schreiber und der Schau­spieler und Sänger Robert Kolar „begeben sich auf eine künst­le­rische Expedition in die Tiefen und Untiefen der Wiener Seele und fördern Perlen des alten und neuen Wiener­lieds, sowie litera­risch- humoris­tische Schman­kerln zutage“, verspricht die Programm­an­kün­digung. Begleitet werden die beiden Künstler vom Musiker Michael Brencic, der am Klavier und Akkordeon, aber auch mit Stimme den Abend mitgestaltet.

Foto © O‑Ton

Die künst­le­rische Gestaltung und Insze­nierung, sowie die Auswahl der Lieder und Texte stammt von den Künstlern selbst. Überzeugend und mit entspre­chender Freude setzen die drei ihr Programm um. Auch der aktuelle Bezug, als Kultur­ver­an­staltung noch offen zu haben und den Wirren des Corona-Virus zu trotzen, verknüpft Bühne und Publikum besonders. Die Spiel­stätte des LEO ist ein kleiner Raum, die Überreste des Bäcker­hand­werks sind in dem liebevoll gestal­teten Theater noch ersichtlich. Stuck und Fresken zeigen sich im Eingangs­be­reich, dem ehema­ligen Verkaufsraum und jetzigen Foyer. Mit alten Zeitungen wurden die ehema­ligen Produk­ti­ons­räum­lich­keiten ausgelegt. Ein kleines Podest stellt die Bühne dar, ein dürftig wallender Vorhang darf nicht fehlen.

Die Zuschauer sitzen auf Garten­stühlen, teils mit Hussen überzogen, teils mit kleinen Polstern belegt. Je Sitzreihe gibt es kleine, runde Tische zur Ablage oder zum Abstellen des kredenzten Weins und köstlichen Schmalz­brots. Etwa 50 Personen fasst der Raum und bleibt so unter der behörd­lichen Spiel­grenze von 100 Menschen. Die Köpfe der großen Opern­kom­po­nisten, auf Medaillons gebannt, beobachten das Geschehen. Theater­stimmung kommt auf, sobald sich der Vorhang öffnet und den Blick auf eine Heuri­gen­stimmung in einer Laube freigibt. Ein paar trockene Blätter hängen am Bühnen­hin­ter­grund, drei Sessel und ein Tisch mit rotka­riertem Tischtuch sowie ein Flügel bilden die Umrahmung. Schreiber tritt im sexy anmutenden, schwarzen Kleid auf, den Rock hat sie kess an den Seiten hochge­bunden und gibt den Blick auf ihre Beine in schwarz gemus­terten Strumpf­hosen frei. Ein Korsett um die Mitte und leicht freizügig die Bluse. Ein freches Wiener Madl auf Bräuti­gamschau. Schlicht, schmächtig und verlegen tolpat­schig wirkt Robert Kolar in schwarzer Hose, weißem Hemd und rotem Gilet. Ihre Wiener Lieder geben einen Überblick über die Entwicklung bis hin zum unver­gess­lichen Karl Hodina, der 2017 gestorben ist, und öffnen die Wiener Seele. Der Text im Original ist nur für echte Kenner des Wiener Dialekts verständlich, wirkt dann aber umso erfri­schender und berüh­render. Hier wird kein Thema ausge­lassen: Wein, Weib und Gesang, die morbide Wiener Melan­cholie, der schwarze Humor und die jüdischen Wurzeln sind Bestandteil des Programms. So auch die kurzen litera­ri­schen „Schman­kerln“ von HC Artmann, Karl Farkas oder Peter Altenburg.

Eine wahre Musik- und Litera­tur­reise in die öster­rei­chische Haupt­stadt fernab der touris­ti­schen Sehens­wür­dig­keiten hin zur Seele, zum Herzen der Bewohner. Der wahrlich sprich­wört­liche Wiener Charakter wird pointiert gezeichnet und ironi­siert mit viel wahrem Kern in der Aussage. Die ausge­prägten Beson­der­heiten des Wieners waren und sind immer wieder Gegen­stand künst­le­ri­scher Betrachtung und kommen auch hier zu Tage. Das Publikum, zumeist wahre Fans des LEO, folgen wieder mit Begeisterung.

Helmut Pitsch

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