O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Heißes Psycho-Drama in kühler Umgebung

JENUFA
(Leoš Janáček)

Besuch am
19. März 2020
(Livestream)

 

Deutsche Oper Berlin

Als kleines Trost­pfläs­terchen in der kultu­rellen Wüste dieser Tage stellt die Deutsche Oper Berlin drei ihrer Produk­tionen kostenlos als Livestream im Internet zur Verfügung. Den Auftakt bietet man mit Christof Loys Insze­nierung von Leoš Janáčeks bekann­tester Oper Jenufa aus dem Jahre 2012. Abgesehen davon, dass die Bemühungen der großen Opern­häuser, die augen­blick­liche Durst­strecke so gut wie möglich mit online-Aufzeich­nungen zu überbrücken, Respekt und Dank verdienen, können sie zwar die Entzugs­er­schei­nungen einge­fleischter Opern-Fans mildern, aber das Erlebnis eines echten Theater­abends nicht ersetzen. Auch nicht, wenn das Kamerateam so profes­sionell vorgeht wie im Fall der Berliner Jenufa. Die flexible Kamera­führung wechselt szenen­ge­recht zwischen Groß- und Detail­auf­nahmen. Nicht ganz so glücklich gelingt die Tonqua­lität. Die Stimmen drängen sich sehr stark in den Vorder­grund, während der Klang des Orchesters zu nebulös wirkt. Etwas farblos, drama­tisch ein wenig blutarm und recht dünn, so dass die Leistung von Maestro Donald Runnicles am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin nicht eindeutig zu beurteilen ist. Wenig nutzer­freundlich ist die Praxis, auf Unter­titel der tsche­chisch gesun­genen Texte zu verzichten.

Fest steht, dass man sich an einem geradezu idealen Gesangs­en­semble erfreuen kann und dass Christof Loy ein wie gewohnt exakt ausge­ar­bei­tetes Psycho­gramm der gestörten Seelen entfaltet. Und zwar erstaunlich konven­tionell. Er konzen­triert sich auf die Konflikte, mit denen jede der Haupt­per­sonen zu kämpfen hat. Die Rolle der Dorfge­sell­schaft und ihrer verkrus­teten Tradi­tionen und Verhal­tens­regeln kommt dabei zu kurz. Der Chor tanzt recht unver­bindlich und wird dabei von Loy eher dekorativ behandelt. Umso inten­siver kümmert er sich um die zentralen Gestalten, also um Jenufa und ihre Ziehmutter sowie um die alles andere als männlichen Männer Laca und Števa. Dabei dürfen die Figuren ihre inneren Zwänge voll ausspielen, bisweilen hände­ringend Klischees theatra­li­scher Verzweiflung bedienend.

Foto © Monika Rittershaus

Dass Loys Perso­nen­führung nicht in museale Gleise gerät, ist der abstrakt-nüchternen Ausstattung von Dirk Becker zu verdanken. Weiße Wände markieren zum Orches­ter­vor­spiel die Mauern der Gefäng­nis­zelle, in der die Küsterin ihre letzten Jahre verbringen wird. Und diese Wände bilden auch die engen Grenzen der Existenz Jenufas. Mauern, die sich ab und zu öffnen und Ausblicke auf fast idyllische Natur­land­schaften freigeben, sich aber schnell wieder schließen. Die befreiende Öffnung am Ende, wenn Jenufa und Laca das Dorf verlassen, hinter­lässt einen schalen Beigeschmack. Tiefes Schwarz erwartet das Paar auf seine Reise in eine ungewisse Zukunft.

Das Ambiente schafft eine gewisse kühle Distanz zur mit heißer Nadel gestrickten Musik. Und auch der bunte Kostüm-Mix von Judith Weihrauch aus modernen Alltags- und böhmi­schen Bauern­kleidern verhindert eine zu enge Identi­fi­kation mit den Figuren.

Die größte Wirkung geht ohnehin von den Sängern aus, denen nicht nur stimmlich, sondern dank ihrer persön­lichen Ausstrahlung auch gestal­te­risch faszi­nie­rende Rollen­studien gelingen. Und das betrifft sogar Neben­rollen wie die der alten Buryja, in der die große Hanna Schwarz auch in fortge­schrit­tenem Alter noch mit einer nahezu intakten Stimme begeistern kann. Auch Jennifer Larmores Stimme hat nichts von ihrem Glanz verloren, so dass sie die Partie der Küsterin eindringlich, ohne vokale Kraftakte und nennens­werte Verschleiß­erschei­nungen voll aussingen kann. Vom Charisma ihrer Bühnen­er­scheinung ganz zu schweigen. Sie verkörpert eine Küsterin im Vollbesitz ihrer geistigen und stimm­lichen Kräfte ohne den geringsten Hauch greisen­hafter Patina.

Mit ihrem kernge­sunden Sopran vermag Michaela Kaune in der Titel­rolle jede Fassette der psychi­schen Fieber­kurven, die Jenufa durch­leidet, unfor­ciert, aber nachdrücklich zum Ausdruck zu bringen. Wobei sie sich mitunter naiver und schwächer stellen muss als nötig. Die Charaktere der so verschie­denen männlichen Rivalen Laca und Števa stellen Will Hartmann und Ladislav Elgr präzise dar. Und Nadine Secunde und Martina Welschenbach bieten als Bürger­meis­ters­gattin und ‑töchterlein ein Kabinett­stückchen an Spielfreude.

Das Publikum im Off überschlägt sich vor Begeis­terung für eine vokal heraus­ra­gende und szenisch sorgfältig ausge­ar­beitete Insze­nierung, die aller­dings manchen Aspekt des Stücks vernach­lässigt. Als Linderung für die auffüh­rungs­freien Zeiten taugt sie allemal.

Pedro Obiera

Teilen Sie O-Ton mit anderen: