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Gefangene im Kerker des Treppenhauses

FIDELIO
(Ludwig van Beethoven)

Gesehen am
20. März 2020
(Fernseh­über­tragung)

 

Aufzeichnung aus dem Theater an der Wien

Es hätte im Beethoven-Jubilä­umsjahr – seinem 250. Geburtstag – eigentlich einer der Höhepunkte und die Opern­auf­führung der Saison am Theater an der Wien werden sollen. Denn hier am Urauf­füh­rungsort war der Hollywood-Star und zweifache Oscar-Preis­träger Christoph Waltz als Regisseur für Ludwig van Beethovens einziger Oper Fidelio angesagt, und so waren auch alle geplanten Vorstel­lungen ausver­kauft. Allein es kam anders, denn wie die Corona-Krise fast das gesamte Kultur­leben, insbe­sondere auch Opern‑, Konzert- und Theater­auf­füh­rungen nun schon weltweit völlig lahmlegt, so musste auch diese mit Spannung erwartete Produktion abgesagt werden. Da aber die Proben schon in der Endphase waren, entschloss man sich seitens der Theater­leitung gemeinsam mit dem ORF, die Opern­pro­duktion ohne Publikum aufzu­zeichnen und im TV zu senden, deren exzel­lente Bildregie dem Routinier Emil Breisach oblag.

Und da beein­druckt gleichmal die geschwungene, inein­ander verwobene, Treppen­land­schaft, die ins Unend­liche zu führen scheinen. Sie strahlt eine kühle, abstrakte Ästhetik aus und wurde vom ameri­ka­nisch-deutschen Archi­tek­turbüro Barkow Leibinger entworfen. Die Treppen wirken aber auch wie Schne­ckenhaus, symbol­trächtig wie ein Kerker, in dem derzeit die gesamte Welt gefangen zu sein scheint. Vor dem musika­li­schen Start wird gleich einmal Florestan von oben die Treppen hinun­ter­ge­stoßen, und er fällt tief. Erst dann setzt man mit der Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 ein. Eigentlich wird nicht die Urfassung Leonore aus 1805 und auch nicht der heute übliche Fidelio aus 1814 gespielt, sondern die von Beethoven geschaffene, so genannte Zweit­fassung aus 1806, die auch hier am Theater an der Wien am 29.3.1806 erstmalig gezeigt wurde. Und sie wurde mit einigen zusätz­lichen Arien aus anderen Fassungen, etwa Roccos Goldarie angerei­chert, dafür wurden die Dialoge stark reduziert oder teils stark verändert.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Während der Schau­spieler Christoph Waltz bei seiner dritten Opern­regie das Paar Marzelline und Jacquino, besonders bei ihrem Streit, anfänglich recht detail­liert führt, wirkt seine weitere Perso­nen­führung schnör­kellos, kühl und sehr reduziert. Großteils beschränkt er sich in der weiteren Folge auf das ästhe­tische Arran­gieren des Chors und der Protago­nisten, die alle in Mao-Uniformen, die Kostüme stammen von Judith Holste, im Treppenhaus auftreten. Denn zu viele Stufen schränken bekanntlich die Bewegungs­mög­lich­keiten aller Mitspieler extrem ein. Während er die Kerker­szene von Florestan in abgedun­kelten Licht­stim­mungen in diesem Einheits­büh­nenbild spielen lässt, wird das Finale im gleißenden Licht gezeigt. Aber Waltz misstraut dem vorge­se­henen Happyend, und so lässt er zum Finale alle Figuren planlos herum­wandern. Freiheit, Gleichheit, Brüder­lichkeit scheinen für ihn auch heute noch unein­lösbare Utopien zu sein.

Foto © Monika Rittershaus

Gott, welch’ Dunkel hier …: Eric Cutler bewältigt nicht nur seine berühmte Arie, sondern auch sonst die extrem diffizile Partie des Florestan durchaus mit allen Tönen, jedoch ist sein Timbre nicht besonders anspre­chend und sein Tenor wirkt schon etwas verbraucht. Ein Prüfstein für alle drama­ti­schen Soprane ist die Rolle der Leonore. Nicole Chevalier beein­druckt mit toller Mittellage in den lyrischen Phasen mehr als in den drama­ti­schen, die etwas scharf klingen.  Weich, aber ein wenig bieder erklingt der Rocco des Christof Fisch­esser. Gábor Bretz ist darstel­le­risch ein bösar­tiger Don Pizarro, dem es jedoch an schwarzer Tiefe und Kraft mangelt. Fein erklingt hingegen der lyrische Sopran der Mélissa Petit als Marzelline, geschmeidig jener des Benjamin Hulett als Jaquino. Mit viel Vibrato erlebt man den Don Fernando des Károly Szemerédy. Stimm­ge­waltig und homogen singt der Arnold-Schönberg-Chor, der von Erwin Ortner einstu­diert wurde. Sehr berührend ist dabei der berühmte Gefan­ge­nenchor zu hören.

Manfred Honeck erzeugt bei den Wiener Sympho­nikern eine energie­ge­ladene und schlanke Lesart von Beethovens Partitur. Nuancen- und farben­reich musizieren die Musiker, bei denen sein Bruder Rainer Honeck als Leihgabe von den Wiener Philhar­mo­niker als Konzert­meister fungiert, unter seinem Dirigat.

Zum Schluss spenden sich die Sänger mangels Publikums gegen­seitig viel Applaus. Der sich sichtlich freuende Regisseur fällt dem Dirigenten um den Hals.

Helmut Christian Mayer

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