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Kein edler Held, ein Diktator

RIENZI, DER LETZTE DER TRIBUNEN
(Richard Wagner)

Gesehen am
25. März 2020
(Video on demand)

 

Deutsche Oper Berlin

Herrlich ist die Aussicht auf die weite, bergige Winter­land­schaft, die ein massiger Mann in weißer Uniform mit dem Rücken zum Publikum am Schreib­tisch sitzend durch die Glasfront vom großräu­migen, granit­be­stückten Saal aus betrachtet. Sofort mit dem Einsetzen der bekannten Ouvertüre, die aus einem alten Grammophon zu ertönen scheint, beginnt er, diese zu dirigieren. Es ist der Titelheld persönlich, zumindest sein Double, das von Gernot Frischling darge­stellt wird, der dann immer im Takt der Musik zu zittern, zu tanzen und mit erstaun­lichen Kunst­stücken zu turnen beginnt. Reminis­zenzen an Chaplins Film Der große Diktator werden wach.

Offen­sichtlich am Obersalzberg beginnt so Richard Wagners Rienzi, der letzte der Tribunen an der Deutschen Oper Berlin, die Premiere war schon 2010 als erstmalige szenische Umsetzung dieses Werks an diesem Haus überhaupt, die jetzt als „Oper on demand“ im Internet zu erleben ist. Wagners dritte, teils langatmige Oper von etwa fünf Stunden, 1842 in Dresden urauf­ge­führt, wird auf ungefähr die Hälfte gekürzt, wobei überwiegend die Massen­szenen bleiben. Sie handelt von den Fehden der Orsinis und den Colonnas im alten Rom des 14. Jahrhun­derts, wobei Rienzi kurzfristig zum Führer erkoren, zum Schluss aber gemeu­chelt wird. Das Werk durfte nie zum Stücke­kanon der Bayreuther Festspiele gehören und galt immer als proble­ma­tisch, vor allem auch deshalb, weil es Hitler zu seiner Lieblingsoper erkoren hat, deren Vorspiel er auch immer wieder zu offizi­ellen Anlässen spielen ließ.

Foto © Bettina Stöß

Und diesen Konnex zeigt Philipp Stölzl schon bald. Denn während die Adeligen und das Volk vorerst noch bunte Kleider und Masken tragen, werden die bei der Macht­er­greifung Rienzis abgelegt und weichen schwarz-weißen Uniformen mit einem „R“ auf den Aufschlägen und auf einer riesigen Projektion im Hinter­grund. Und bald wird auch heftig im Gleich­schritt marschiert, die rechte Hand wird häufig immer wieder als Faust noch oben gereckt, von Projek­tionen im Stil der damaligen Wochen­schau begleitet. In der sieht man auch den Führer und Diktator in allen möglichen Posen, meist reden­schwingend und dem Volk zuwinkend vor schiefen, modernen Häusern, auch noch dann, als die Welt schon längst in Trümmern liegt. Im zweiten Teil kommt noch eine untere Ebene, eine Art Führer­bunker auf die Szenerie. Die Bühne wurde von Ulrike Sigrist gemeinsam mit Stölzl erdacht. Stölzls Insze­nierung ist plakativ, er zeigt das Werk durch und durch einseitig faschis­tisch und betet unermüdlich nach, was dem Zuschauer bis zum Überdruss bekannt ist. Kaum eine Figur wird dabei vom Regisseur sympa­thisch gezeigt. Die Perso­nen­führung ist sehr überzeugend wie auch plastisch und sie arbeitet auch die zwischen­mensch­lichen Bezie­hungen des hier inzestuös gezeigten Geschwis­ter­paares Rienzi und Irene und des unter großen Gewis­sens­qualen leidenden Adriano gekonnt heraus. Die Auftritte des Chores enden meist in bildhaften Arran­ge­ments bis zur Unbeweglichkeit.

Voller Energie erlebt man Torsten Kerl als deutlich dekla­mie­renden, vitalen Titel­helden mit geschmei­digem Helden­tenor, der über mühelose Höhen verfügt. Das berühmte Gebet des Rienzi hat man aller­dings schon inniger und raffi­nierter gehört. Camilla Nylunds Sopran als Irene im Dirndl mit Haarkranz ist sehr flexibel und ebenfalls höhen­sicher. Mit stimm­licher Eleganz, tiefen Gefühlen und ihre Qualen intensiv und glühend darstellend, kann Kate Aldrich in der Hosen­rolle des Adriano Colanna faszi­nieren. Sie bekommt auch den größten Schluss­ap­plaus. Als dessen Vater ist Ante Jerkunica als ein in der Tiefe sehr profunder Stefano Colonna zu erleben. Krzysztof Szumanski als Paolo Orsini ist sehr markig zu vernehmen. Der Chor des Hauses, der von William Spaulding sehr sorgfältig einstu­diert wurde, singt machtvoll wie auch sehr homogen und wird auch zu Recht stark bejubelt.

Energie­ge­laden, teils im zu vollen Fortissimo, elastisch und souverän erweist sich Sebastina Lang-Lessing am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin, der großen Wert auf Trans­parenz dieser noch der Grand Opéra geschul­deten Partitur legt.

Die Video­regie von Johannes Grebert ist immer konzen­triert auf den Puls des Geschehens. Der Ton ist von hoher Brillanz und lässt bei der Dynamik immer den Stimmen vor dem Orchester den Vortritt. Da nicht von allen wortdeutlich gesungen wird, hätten Unter­titel dem Ganzen gutgetan.

Das Publikum applau­diert unein­ge­schränkt stark.

Helmut Christian Mayer

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