O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Tragödie eines Narren

RIGOLETTO
(Giuseppe Verdi)

Gesehen am
2. Mai 2020
(Stream)

 

Semperoper, Dresden

Die Sächsische Staatsoper Dresden setzt Ihre Übertra­gungs­reihe „Semperoper zuhause“ mit einem Stream von Verdis Rigoletto in der Premie­ren­be­setzung vom Juni 2008 fort Der vor knapp fünf Jahren verstorbene Altmeister und Regisseur Nikolaus Lehnhoff führt das Publikum mit gesell­schafts­kri­ti­schem Zeige­finger in die psycho­lo­gi­schen Abgründe einer verkom­menen und dekadenten Gesell­schaft. Sein Rigoletto ist die bizarre Tragödie eines Ausge­sto­ßenen, dessen Vorstel­lungen von Moral und Ehre nur für seine im Versteck lebende Tochter Gilda gilt, aber nicht für sein übriges Handeln als willfäh­riger Komplize des Herzogs von Mantua. Ein Außen­seiter, der seine Mitmen­schen manipu­liert und seine Welt insze­niert wie ein Regisseur. Gewalt und Verge­wal­tigung beherr­schen die Szene am Hofe, während er seine bildhübsche Tochter Gilda vor dieser verkom­menen Welt abschirmen und schützen will. Sein Privat­leben versucht er zu verbergen, und seine Tochter stili­siert er zu einem überhöhten Engel, der nie erwachsen werden soll. Rigoletto ist bei Lehnhoff ein giftiger Zyniker, in dessen Mittel­punkt eine kranke Seele steckt. In seiner kleinen Welt zuhause mimt er den liebe­vollen Vater, der seine Tochter Gilda genau vor den Abgründen dieser anderen Welt bewahren will. Doch Gilda lebt, genau wie Rigoletto, in einem Gefängnis, aus dem es vorder­gründig kein Entrinnen gibt. Erst ihre erwachte, fatale Liebe zum Herzog lässt sie ihrer Welt entfliehen in ein unabwend­bares tödliches Schicksal. Und Rigoletto, blind vor Rache, zerstört sein Leben durch den Opfertod Gildas.

Foto © Matthias Creut­ziger

Rigoletto ist ein Ausge­sto­ßener der Gesell­schaft, der, von Minder­wer­tig­keits­kom­plexen geplagt, um Anerkennung buhlt und sich so zum willfäh­rigen Helfers­helfer des Herzogs anbiedert. Der Herzog wiederum ist ein Schönling, ein Frauen­ver­führer und Despot, der sich nimmt, was er will und vernichtet, was er nicht mehr braucht.

Zwischen diesen polari­sie­renden Extremen ist die Figur der Gilda als einsame, das Leben nicht kennende, junge Frau angelegt, die von Rigoletto gleich einer Ikone erhöht wird. Lehnhoff gelingt es, diese Doppel­bö­digkeit durch eine geschickte Perso­nen­regie in dem Dreiecks­ge­flecht Rigoletto – Gilda – Herzog auf eine erschüt­ternde Weise heraus­zu­ar­beiten. Unter­stützt wird er dabei durch das Bühnenbild von Raimund Bauer, das die tiefen Klüfte zwischen den Gesell­schaften auch optisch hervorhebt. So ist der Palast des Herzogs ein schwarzes Kabinett, idealer Schau­platz für bizarre Lust und frönende Gier. Die laszive Gesell­schaft, in den zum Teil grotesk anmutenden Kostümen von Bettina Walter, ist mit exoti­schen Tier- und Insek­ten­köpfen als Nacht­ge­schöpfe einer sich selbst überlas­senen Unterwelt darge­stellt. Rigoletto, in seinem giftgrünen Narren­kostüm, ist in dieser Gesell­schaft deplat­ziert und unerwünscht. Dagegen ist die Kammer Gildas in ein helles Nachtblau gefärbt, als Ausdruck der Sehnsucht nach Liebe und Befreiung aus dieser Enge. Das tiefe Rot im Hause Spara­fucile symbo­li­siert das mörde­rische Komplott und das finale Schicksal. Unter­stützt werden diese plaka­tiven Bilder durch das geschickte Licht­design von Paul Pyant und die Choreo­grafie von Denise Sayers.

Die Insze­nierung wird aber erst durch die großartige stimm­liche und darstel­le­rische Präsenz des Sänger­ensembles zu einem Großereignis. Der Bass-Bariton Zeljko Lucic spielt seinen wuchtigen Bass-Bariton in der Rolle des Rigoletto in jedem Moment aus. Sein beißender Spott gegenüber den Höflingen, seine rührende Vater­liebe, seine Verzweiflung beim Anblick seiner sterbenden Tochter, Lucic zeigt alle Facetten dieser Rolle und durchlebt sie in großer Inten­sität. Berührend seine Zärtlichkeit in der Stimme, wenn es um seine Tochter Gilda geht, gleich­zeitig aber auch die Verachtung im Ausdruck gegenüber dem Herzog und seinen Höflingen. Die Sopra­nistin Diana Damrau legt die Partie der Gilda zart und im Piano liegend an, mit warmem Klang, sicherer Tessitura und begeis­ternden Höhen. Ihr Wandel von der einge­sperrten Tochter zur jungen Frau, die sich für ihre vermeint­liche Liebe opfert, gelingt ihr eindrucksvoll und mit anrüh­render Emotio­na­lität. Ihre Arie Caro nome singt sie intensiv mit drama­ti­schem Anklang und erhält dafür reichlich Szenen­ap­plaus. Verletzlich ist ihr Spiel und berührend die Duette mit Zeljko Lucic. Juan Diego Flórez gibt den Herzog von Mantua als unwider­steh­licher Frauen­ver­führer par excel­lence mit italie­ni­schem Schmelz, sicheren Höhen und starkem Ausdruck. Seine Auftrittsarie Questa o quella singt er mit schlanker Stimm­führung und glanz­voller Tessitura, sein La donna è mobile erfüllt alle Erwar­tungen, die man an die wohl bekann­teste Arie der italie­ni­schen Opern­li­te­ratur stellt. Georg Zeppe­nfeld überzeugt als Spara­fucile mit dämoni­schem Bass und gelun­genem Spiel.

Foto © Matthias Creut­ziger

Christa Mayer als Maddalena ist mit ihrem tiefen Mezzo­sopran und laszivem Spiel sowohl stimmlich als auch optisch der perfekte Kontrast zu Damrau, was wiederum auch mit dem Insze­nie­rungs­konzept von Nikolaus Lehnhoff gut harmo­niert. Barbara Hoene gefällt als verschlagene Giovanna, und Markus Marquardt, der die Titel­partie einige Jahre später in Dresden gesungen hat, gibt den Conte di Monterone mit markantem Bass. Oliver Ringelhahn als Borsa Matteo, Markus Butter als Conte di Ciprano und Kyunghae Kang als Contessa Cipriano komplet­tieren an diesem Abend ein formi­dables Sänger­ensemble. Auch der Staats­opernchor, hervor­ragend einge­stimmt von Ulrich Paetz­holdt, trägt zum hervor­ra­genden musika­li­schen Gesamt­ein­druck der Aufführung maßgeblich bei. Klar ist die Führung der einzelnen Stimm­gruppen, die sich dann zum typischen Verdi-Klang mischen.

Die sächsische Staats­ka­pelle Dresden wird an diesem Abend von Fabio Luisi sicher durch die Partitur geleitet. Schon die ersten Takte der Ouvertüre kündigen die Spannung und die Dramatik des Momentes an, und die Staats­ka­pelle musiziert gewohnt präzise und erzeugt den beson­deren Farben­klang Verdis. Luisi arbeitet präzise die Nuancen und Stimmungen heraus, sein Verdi ist kraftvoll und voller Zug, die Konturen der einzelnen Partien werden mit großem Finger­spit­zen­gefühl gezeichnet, und die Sänger werden von ihm wunderbar begleitet. Insbe­sondere Damrau wird von ihm in ihren Piano-Stellen getragen.

Während das Publikum teilweise verhal­tenen Szenen­ap­plaus spendet, gibt es am Schluss doch großen Jubel für alle Betei­ligten, insbe­sondere die Haupt­prot­ago­nisten, Orchester und der Dirigent werden gefeiert. Am kommenden Wochenende setzt die Sächsische Staatsoper ihre Reihe „Semperoper zuhause“ mit einem Stream der Oper Arabella von Richard Strauss fort, einer Kopro­duktion mit den Salzburger Oster­fest­spielen 2014.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: