O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Allen Widrigkeiten zum Trotz

FROM EUROPE WITH LOVE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
14. Mai 2020
(Einmalige Aufführung)

 

Hinter­hofsalon, Köln

Die Stimmung ist angespannt im Hinter­hofsalon. Eigentlich war alles bis ins Detail vorbe­reitet. Aber um 19.50 Uhr gibt es plötzlich technische Schwie­rig­keiten. Und als die Sicherung rausfliegt, sind alle Bemühungen für die Katz. Hier ist nichts mehr zu retten. Um 20.30 Uhr, da sollte der Livestream eigentlich schon zehn Minuten laufen, entscheidet Gerhard von Richt­hofen, der mit seiner Frau Christina den Kultur­kanal 20–20.live betreibt und dort jeden Donnerstag ein Live-Konzert zusammen mit der Inhaberin des Hinter­hofsalons Köln, Anja Reuther, veran­staltet, das Aus für diesen Abend. Es wird keinen Livestream geben. Zu ungewiss, wie lange die Verbindung halten kann, schon jetzt geht überhaupt nur was über YouTube. Unter solchen Bedin­gungen das Konzert live über die Bühne gehen zu lassen, erscheint unredlich. Der Schrecken sitzt allen in den Knochen. Die Künstler versuchen, der Situation mit Scherzen beizu­kommen. „Liebes Publikum, wir sind untröstlich! Es gibt ein techni­sches Problem, das wir nicht so schnell lösen können“, schreibt Reuther in den Chat. In Tagen der Corona-Krise wirken solche Rückschläge wie Grana­ten­ein­schläge. Von Richt­hofen entscheidet, das Konzert aufzu­zeichnen und am kommenden Abend zu senden. Die zahlreichen Besucher, die sich pünktlich einge­funden haben, reagieren mit Verständnis. Zu Recht, wie sich zeigen wird. Für die Künstler wird es ein verdammt langer Abend, müssen sie doch ihre Konzen­tration über einen ungewöhnlich langen Zeitraum aufrecht­erhalten. Aber jetzt wollen alle daran arbeiten, ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Anna Herbst – Foto © O‑Ton

In der Konzert­reihe 2 FOR YOU treten allwö­chentlich Duos aus Köln und dem Umland auf, um inter­es­sante Programme zu präsen­tieren. In dieser Woche sind es die Sopra­nistin Anna Herbst, Spezia­listin für Alte und Neue Musik, und der Gitarrist Mark Jensen-Samama, die ein Programm unter dem Namen From Europe with Love zusam­men­ge­stellt haben. Herbst ist dafür bekannt, dass sie ein Händchen für wunderbare Programme hat, und in Jensen-Samama hat sie einen konge­nialen Partner gefunden. Endlich, es ist inzwi­schen 22 Uhr, ertönt das für die Künstler erlösende Wort von Richt­hofen. „Ruhe, bitte!“ Die Lichter im Studio scheinen ein wenig heller zu werden, Christina von Richt­hofen beginnt die Anmode­ration. Dann treten Herbst und Jensen-Samama ins Rampen­licht. Und ein glanz­voller Abend beginnt. Ja, der bislang beste Abend in der Konzert­reihe. Come again, sweet love doth now invite. Come away, come sweet love. A Fancy. Freunde dieser Musik erkennen die Titel sofort. Es sind drei Lieder von John Dowland, dem Laute­nisten und Kompo­nisten aus dem 16. Jahrhundert. Dank Herbsts und Jensen-Samamas Inter­pre­tation klingen sie frisch und wunder­schön. Wer Dowland in solch hervor­ra­gender Inter­pre­tation hört, möchte immer gleich mehr davon. Selbst, wenn der Gitarrist A Fancy als Solo vorträgt. Die beiden Künstler biegen aber zu dem fröhlichen irischen Tradi­tional The Meeting of the Waters und dem engli­schen Folksong Rowing in the Dew ab. Da bleiben Kurzweil und Interesse erhalten. In der Zwischen­mo­de­ration geht es darum, wie sich die beiden Künstler kennen­ge­lernt haben. Das ist inter­essant, und ein paar Worte findet Herbst auch noch zu den Inhalten der letzten beiden Lieder.

Anschließend präsen­tieren die beiden die sephar­di­schen Lieder Por la tu puerta yo pasi und Yo m’en amori d’un aire, die Jensen-Samama für Gitarre und Gesang arran­giert hat. Noch irgend­etwas über Herbsts phäno­menale Stimme zu sagen, hieße Eulen nach Athen tragen. Vermutlich könnte man sie nachts aufwecken, und sie sänge die Lieder mit derselben Perfektion, Begeis­terung und Empathie. Zwischen­durch in der langen Pause verrät sie im Gespräch, wie viel Arbeit sie in diesen „selbst­ver­ständ­lichen“ Klang ihrer Stimme steckt. Und dass ihr Hang zur Perfektion ihr manchmal sehr viel Mehrarbeit beschere, aber der Spaß an der Musik schließlich alle Mühen überdecke. Nach dem Konzert singt sie mal eben ein Lied von Wulfin Lieske „op kölsch“ an. Herrlich. Aber dazu gleich mehr. Nach den sephar­di­schen Liedern steht erst einmal der spanische Komponist Manuel de Falla auf dem Programm. Wie Claude Debussy die Musika­lität seiner Zeit in Frank­reich prägte, war de Falla der Komponist, der in Spanien den Ton angab. Nach einer Hommage, die Jensen-Samama als Solo vorträgt, inter­pre­tiert Herbst drei weitere Lieder de Fallas in seiner Begleitung. Großartig.

Mark Jensen-Samama – Foto © O‑Ton

In der nächsten Zwischen­mo­de­ration räumt Herbst mit einigen Vorur­teilen zum Ausstoß von Aerosolen von Sängern auf. Sie erklärt das ganz wunderbar und anschaulich. Trotzdem: Hören wir nicht tagtäglich genug von Corona? Braucht es das jetzt in diesem Zusam­menhang? Vielleicht hilft es dem einen oder anderen Zuschauer gegen die inzwi­schen allen innewoh­nenden Unsicher­heiten. Dann hätte es sich ja gelohnt.

Im letzten Teil gibt es dann drei Gedicht­ver­to­nungen des Gitar­risten und Kompo­nisten Wulfin Lieske, der Jensen-Samamas hochver­ehrter Lehrer war, gebür­tiger Öster­reicher und Wahlkölner ist. Ausge­rechnet hier verhaspelt sich Jensen-Samama, hat aber die Größe, seinen Fehler einzu­ge­stehen – obwohl es vermutlich niemand außer Lieske bemerkt hätte – und von Neuem zu beginnen. Diesmal aller­dings umso virtuoser. Da darf man seinen Hut ziehen. Zum Abschluss singt Herbst zwei Lieder von Mátyás Seiber auf Franzö­sisch. Réveillez vous und Marguerite, elle est malade runden einen mehr als überzeu­genden Abend ab, der so ohne Weiteres in anderen Zusam­men­hängen auch unter Corona-Bedin­gungen ohne Schwie­rig­keiten wiederholt werden könnte. Ein Programm mehr, dass sich eignete, in subven­tio­nierten Häusern aufge­führt zu werden, um die Zeit bis zu den großen Auffüh­rungen zu überbrücken. Die haben aber vorsichts­halber vorzeitig geschlossen – von Ausnahmen abgesehen. Als Randbe­merkung sei hier eingefügt, dass späterhin einmal geklärt werden muss, ob Gemeinden, Land und Bund mit ihrer Entscheidung, die Saison 201920 vorzeitig zu beenden, tatsächlich richtig lagen oder einfach Steuer­gelder verschwendet haben. Solch großartige Programme, wie eines heute Abend im Hinter­hofsalon Köln aufge­zeichnet wurde, wären nämlich selbst unter Corona-Bedin­gungen auch in einem Stadt­theater ohne Weiteres aufführbar.

In ihrer Abmode­ration weist Christina von Richt­hofen darauf hin, dass bei dieser „Veran­staltung“ im Internet kein Eintritt verlangt wird, sondern „der Hut herumgeht“. Und es könnte durchaus sein, dass die Besucher den Zusatz­aufwand und Stress der Künstler einen Tag später, wenn die Aufzeichnung online geht, besonders honorieren werden. Zu wünschen wäre es Künstlern und Veranstaltern.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: