O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Alte Musik, neu aufgelegt

ORIGINAL UND BEARBEITUNG
(Diverse Komponisten)

Besuch am
27. September 2020
(Einmalige Aufführung)

 

Forum Lever­kusen, Großer Saal

Wer derzeit über die A59 nach Lever­kusen kommt, muss schon einen guten Grund dafür haben. Die Baustellen scheinen sich wie ein Schwamm in einer Landschaft auszu­breiten, die von Giftmüll unter­füttert ist. Mittler­weile ziehen sich die Barken bis in die Stadt hinein. Kaum zu glauben, dass man hier ein Mekka der Kultur vorfinden soll, wenn man es nicht besser wüsste. Tatsächlich kann man hier Kultur genießen, ohne selbst als Angehö­riger einer Risiko­gruppe nach mensch­lichem Ermessen Angst vor Anste­ckung haben zu müssen. Viel zu gut gesichert hat das Forum Lever­kusen als zentrale Spiel­stätte Gäste und Mitar­beiter. Das Haus bietet ausrei­chend Platz, um jeden Besucher ungefährdet in sicheren Spuren vom Eingang zum Sitz im gut belüf­teten Saal zu bringen. Die Abstände zwischen den besetz­baren Stühlen sind schon als luxuriös zu bezeichnen, so dass hier getrost während der Aufführung auf Masken verzichtet werden kann. Dem Karten­verkauf treibt es vermutlich gerade die Tränen in die Augen, aber die übrigen Stühle sind fest verklebt, und so finden derzeit nur wenige Besucher in den riesigen Saal. Aber die sind eben sicher.

Birgitta Franzen ist die Konzert­dra­ma­turgin im Forum Lever­kusen, und sie bemüht sich intensiv, ihren Besuchern ein hochat­trak­tives Programm zu bieten, das abseits von Galas und Best-of-Konzerten, mit denen andere Spiel­stätten derzeit massenhaft punkten wollen, auch in Corona-Zeiten noch so etwas wie Weiter­ent­wicklung zu erreichen. Und so hat sie heute Abend das E‑Mex-Ensemble unter der musika­li­schen Leitung von Christoph Maria Wagner zu einem Gesprächs­konzert einge­laden. Ein Konzert also, in dem nicht einfach nur ein Programm abgespult wird, sondern beispiels­weise zwischen einzelnen Auffüh­rungs­blöcken ein Gespräch über die Musik statt­findet. Franzen selbst übernimmt die Moderation und bietet gemeinsam mit Wagner ein nicht nur höchst infor­ma­tives, sondern auch mit trockenem Humor ein amüsantes Paar.

Bariton Christoph Scheeben – Foto © O‑Ton

Original und Bearbeitung – Musika­lische Klassiker im Spiegel der Gegenwart hat das E‑Mex-Ensemble sein Programm überschrieben. Und damit noch nicht verraten, welch höchst inter­es­santer Abend vor dem Publikum liegt. Für den Einstieg hat Wagner niemand Gerin­geren als Robert Schumann ausge­wählt. Mit Schön Hedwig gibt es den Blick auf eine längst vergessene Kunstform, das Melodram für Sprecher und Klavier, das Wagner für Ensemble bearbeitet hat. Als Sprecher tritt Bariton Christoph Scheeben an, der auch den sänge­ri­schen Part an diesem Abend lust- und kunstvoll übernimmt. Es folgen die beiden Lieder Ich wandre nicht und Der Spielmann, ehe Martin von der Heydt zwei Stücke für Pedal­flügel aufführt. Letzteres ist nur möglich, weil Klara Schumann die Werke ihres Mannes für das Klavier trans­po­niert hat, bevor sie der Verges­senheit anheim­fallen. Vorerst also jede Menge Romantik, die aber in neuer Bearbeitung frisch und heutig daherkommt.

Ein Jahrhundert später. Auch in diesem Programm hat Wagner Platz für Claude Vivier einge­räumt, den Kanadier, der nur ein ausge­sprochen kurzes Leben genießen durfte, 35 Jahre wurde er alt, und den der Kollege für vollkommen unter­schätzt hält und deshalb immer ein Plätzchen für ihn bereithält, wenn er ihm nicht wie vor einiger Zeit gleich ein ganzes Festival widmet. Heute Abend bleibt es bei Pulau Dewata – Insel der Götter – einem Stück aus dem Jahr 1977, das Wagner für Flügel, zwei Marim­ba­phone, Trompete, Cello, Klari­nette, Querflöte und Geige ausge­sprochen luxuriös einrichtet. So bleiben zwar die Anklänge an die indone­sische Gamelan-Musik erhalten, die auch durchaus beabsichtigt waren, aber die Patina ist abgeplatzt. Mit Café 1930 von Astor Piazzolla, virtuos darge­boten vom Klari­net­tisten Robert Beck und Petteri Waris am Akkordeon, leitet Wagner über zu Mauricio Kagels Tango Alemán aus dem Jahr 1978. Das Besondere an dem Werk: Den Text zu finden, überlässt Kagel anderen. Scheeben lässt sich auf einen Fantasie-Text ein, den er zwar hervor­ragend und durchaus mit Witz präsen­tiert. Aber wäre hier ein wirklicher Text nicht die größere Heraus­for­derung gewesen? Es bleibt nicht viel Zeit, darüber nachzudenken.

Petteri Waris – Foto © O‑Ton

Im letzten Block geht es um das meist­ge­nannte Thema dieses Jahres. Na ja, ein bisschen mau ist der Witz schon, nachdem er bereits in den so genannten Sozialen Medien kursierte. Es geht um Beethoven. Karin Haußmann hat 2017 die Bearbeitung verschie­dener Beethoven-Lieder vorge­nommen, dabei aller­dings größt­mög­liche Vorsicht walten lassen. In erster Linie hat sie die „Klang­ko­or­di­naten“ verändert. Und so erklingen die Instru­mente nicht mehr unmit­telbar am Ort des Geschehens, sondern zunächst von den Bühnen­seiten, um dann ins Zentrum vorzudringen.

Im Zentrum des Taifuns kommen die Besucher beim letzten Werk an. Zur Urauf­führung seines neuesten Werkes, mit dem das E‑Mex-Ensemble ihn beauf­tragt hat, ruft Wagner das gesamte Ensemble auf den Plan. Er, der gleich­zeitig als Dirigent den Abend über wirkt, hat sich an einem Remix der Eroica versucht. Ein Remix im Sinne des Progressive Rocks der 1980-er Jahre. Und damit sind alle Partitur-Fetischisten außer Kraft gesetzt. Nein, von der Eroica ist nicht viel übrig­ge­blieben, aber warum auch? Turbulent geht es zu. Es scheint, als habe Wagner mehr den Energiegrad der dritten Sinfonie Ludwig van Beethovens ausge­sogen als eine Moder­ni­sierung versucht. Und das ist gut so.

Das Publikum, darunter viele Anhänger des Ensembles, feiert den Abend mit viel Applaus. Einmal mehr hat das Forum Lever­kusen bewiesen, dass hier großartige Programme statt­finden, zumal im Moment, in dem sich viele andere Spiel­stätten lieber auf die Greatest Hits verlassen. Ja, der Abend ist eine Wohltat, weil er eine Zukunft verspricht, die wohl noch lange Zeit Versprechen bleiben muss.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: